Über die eigenen Grenzen
Über die eigenen Grenzen
13. Mai 2016

Bei den immer beliebteren 24-Stunden-Wander-Events geht es nicht um Schnelligkeit und Technik, sondern um ein einzigartiges Erlebnis in der Natur und das berauschende Gefühl, den inneren Schweinehund zu besiegen. Um das zu schaffen, muss man kein Profi sein. Eine solide Kondition und eisernen Willen braucht man aber schon

Stolze 57 Kilometer, 3.000 Höhenmeter über Stock und Stein und das Ganze in 24 Stunden! Tags wie nachts. Nur zu Fuß. Mit regelmäßigen Unterbrechungen zwar, aber ohne Schlaf. So sieht sie aus, eine typische 24-Stunden-Wanderung im alpinen Gelände, von der die Teilnehmer in der Regel drei viertel der Zeit tatsächlich auch auf den Beinen sind. Der Rest besteht aus Ess-, Trink- und kurzen Regenerationspausen. Angeboten wird eine solche Tour etwa ein- bis zweimal pro Jahr in Gröden – in schönster Dolomitenkulisse. Ein Teilnehmer schwärmt im Gästebuch des Hauses: „Danke für dieses einmalige Erlebnis! Ich hätte nie gedacht, dass die Berge im Mondlicht einen solchen Zauber entfalten können.

So eine Tour vergisst keiner

Mein Körper war adrenalindurchflutet.“ Allerdings wird auch deutlich, dass der Weg zum Glücksgefühl ein beschwerlicher ist. Da ist von Blasen die Rede, Knieschmerzen, Taxi-Fantasien und wilden Verfluchungen, sich auf ein solches wahnwitziges Unternehmen überhaupt eingelassen zu haben. Am Ende jedoch überwiegen fast immer die positiven Erlebnisse. Und der Stolz, die Strapazen geschafft zu haben, tut sein Übriges dazu. Fakt ist: So eine Tour vergisst keiner. Wie auch Jan König aus München, der von einmaligen mitternächtlichen „Spaghetti mit Rosengartenblick“, die auf dem „Schlernhaus“ serviert wurden, schwärmt. Und der besten Massage seines Lebens. Gäste des Hotels „Adler Dolomiti“ bekommen im Rahmen eines 24-Stunden-Wander-Packages nämlich nicht nur ein bequemes Bett samt Vollpension für die Tage danach, sondern auch eine Regenerationsbehandlung vom Feinsten. Und die ist angesichts der Überbeanspruchung in der Regel auch dringend nötig.

Das seit Jahren angebotene Wander-Event von Gröden ist keine Ausnahme. In Südtirol stehen gleich mehrere Veranstaltungen dieser Art auf dem Programm. Seit einigen Jahren finden die Mammut-Geh-Events auch jenseits der Alpen großen Anklang. So genießen die „24 Stunden von Bayern“ mittlerweile Kult-Charakter. Hierbei geht es in der Regel um weniger Höhenmeter, dafür um mehr Streckenkilometer. Um die in diesem Fall 444 Teilnehmerplätze, für die man sich jeweils am 4.4. ab 4.44 Uhr für 24 Stunden bewerben kann, melden sich regelmäßig rund 2.000 Interessenten. Schließlich entscheidet das Los.

Aber schafft ein Otto Normalwanderer so eine Tour auch? Generell: ja. Körperlich einigermaßen fitte Erwachsene können die Herausforderung, bei der die konditionelle Leistung deutlich vor der technischen steht, gut meistern. Die Abbrecherquote fällt nicht höher aus als bei anderen, kürzeren Laufveranstaltungen oder Marathons. Es gilt die Faustregel: Wer in der Lage ist, sechs bis acht Stunden zu wandern, schafft auch 24. Eine ausgewiesene Wandervita braucht es ebenso wenig wie spezielle Klettererfahrung. Klettersteige und Co. sind hier ohnehin nicht zu erwarten, ebenso wenig Geröllfelder oder andere tückische Passagen – das wäre insbesondere im Dunkeln viel zu gefährlich.

2.000 Leute melden sich regelmäßig

Der eigene Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab. Erstens: Schwierigkeit und Länge der Route. So führt etwa die „24 Stunden Burgenland Extrem Tour“ über 120 Kilometer – für Neulinge ungeeignet. Zweitens: das eigene Material. Knöchelhohe, atmungsaktive Bergschuhe sind ebenso wie Wandersocken Pflicht, um Blasen – neben dem inneren Schweinehund Tourfeind Nummer eins – zu vermeiden.

Drittens: die eigene Verfassung, körperlich und mental. Neben Kondition, Trittsicherheit, Ausgeschlafensein und richtigem Wandertempo (nicht zu schnell gehen!) ist vor allem eines entscheidend: der Wille, an seine Grenze zu gehen. Denn die wird vermutlich jeder Hobbyläufer im Lauf der Tour erreichen. Dann die psychische Stärke aufzubringen, körperliche Hängepartien durchzustehen, macht ja auch den Reiz aus. Einen kompletten Tagesverlauf in der Natur zu verbringen, den anderen. Und auch wenn die meisten zwischendurch ihr Vorhaben verfluchen: Eine Bergkulisse im Mondlicht kann für alle Strapazen entschädigen, erst recht der Moment des Geschaffthabens. Jürgen Siegwarth, Brand Manager beim Outdoorschuhspezialisten Hanwag und Miterfinder sowie regelmäßiger Teilnehmer der „24 Stunden von Bayern“, sagt: „Wenn die Mitwanderer gut drauf sind und die gleiche Wellenlänge haben, ist für viele nette Gespräche gesorgt, und es kommt keine Langeweile auf. Die ruhigen Minuten sind aber auch schön. Praktisch: Man hat für beides genug Zeit.“

Christian Haas


INFO

Touren zum Mitgehen (eine Auswahl)

Zu den bekanntesten Veranstaltungen zählen:
•    „24 Stunden von Bayern“
Termin 2016: 25./26.Juni in Mittenwald, www.24h-von-bayern.de
•    „Columbia 24h Wanderlust“
in der Hohwachter Bucht/Kiel
(4./5. Juni), am Tiroler Achensee (18./19. Juni) und die Woche drauf in der Fränkischen Schweiz
www.columbia-24h-wanderlust.de
•     „24h-Tour“ im Schwarzwald am 17./18. Juni, www.schwarzwald­verein-straubenhardt.de
•     Extrembergsteiger Hans Kammerlander lädt für 15./16. Juli nach Südtirol zu einer 24-Stunden-Wanderung im alpinen Bereich ein, 2016 auch erstmals zu einer öffentlichen 48-Stunden-Wanderung, vom 25. bis 27. August,
www.kammerlander.com
•     Drei Termine, drei Orte – so lautet das Konzept der „24h Trophy“, die am 13./14. Juni in Baiersbronn, am 3./4.7. im Berchtesgadener Land und am 24./25.7. in Oberstaufen stattfindet, www.24h-trophy.com
•     Ein- bis zweimal im Jahr bietet das „Adler Dolomiti Spa & Sport Resort“ in Gröden ein Package mit einer geführten 24-Stunden-Tour, Übernachtung und Massage an. Termin: Ende August, Preis ab 854 Euro pro Person inklusive Vollpension, Guide, Massage am „Tag danach“, www.adler-dolomiti.com




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