„Man darf als Hotelier nie kleinlich sein“
„Man darf als Hotelier nie kleinlich sein“
12. Mai 2017

Gerold Weingärtner gilt als Pionier des Tourismus im Saarland. Jetzt feiert er mit dem Victor’s Seehotel Weingärtner 40-jähriges Jubiläum. Ein Gespräch über Pioniergeist, Haie unterm Tanzboden und den aktuellen Tourismus-Boom am Bostalsee.

Herr Weingärtner, Sie sind gelernter Bäckermeister. Wie sind Sie vor über 40 Jahren überhaupt auf die Idee gekommen, ein Hotel an den damals noch nicht vorhandenen Bostalsee zu bauen?

Wir hatten seit zwei Generationen eine Bäckerei hier im Ort mit hervorragender Qualität. Dann hörte ich von den Plänen, hier einen Stausee anzulegen. Ich wollte ein Café in der Nähe dieses Sees eröffnen und dort meine Backwaren anbieten. Während der Bauzeit des Cafés – hier an der Stelle des heutigen Hotels – traten verschiedene Leute an mich heran und fragten, ob ich denn nicht ein Hotel errichten wollte. Tja, das hielt ich für eine gute Idee und änderte meine Pläne um. Die Bank spielte mit – damals waren die Bauzinsen ja noch viel höher – und was als Café angefangen hatte, wurde dann tatsächlich zum Hotel.

Aber da war der See doch ebenfalls noch eine Baustelle. Ein ganz schönes Risiko für Sie, oder?

Die Rechnung ging aber voll auf. Am 13. März 1977 wurde unser Seehotel zeitgleich mit dem Bostalsee eröffnet. Wir hatten eine Doppelseite in der Zeitung, und es war sofort rappelvoll, und so voll sollte es bleiben. Wir waren ja das erste und einzige Hotel weit und breit. Busse voller Touristen, viele Vereine aus der Umgebung, alle kamen zu uns.

Auch schon Firmenkunden?

Ja. Mein erster Firmenkunde war Herr Molterer von Hörmann. Er buchte das erste Zimmer, damals noch für 28 D-Mark, mit Frühstück! Und bis heute arbeiten wir mit Hörmann sehr gut zusammen.

Der neue Bostalsee war in Ihrer Anfangszeit ja noch ein weißer Fleck auf der Landkarte des Tourismus. Wie haben Sie die Leute angelockt?

Ich war viel auf Messen unterwegs. Später unterstützte mich Frau Dr. Scheer vom St. Wendeler Land, wir waren oft gemeinsam auf Messen und Promotions.

Sie mussten bestimmt viel ins Marketing investieren. Oder kam vom Land Unterstützung?

Da muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Anfang der 80er-Jahre wurde ich vom Dehoga (Hotelverband) zu einer Sitzung im saarländischen Landtag eingeladen. Dort wurde uns stolz präsentiert, das Land werde jetzt ganze 400.000 D-Mark in den Fremdenverkehr investieren. Für den gesamten Fremdenverkehr des Saarlandes wohlgemerkt. Da musste ich aufstehen und sagte: „400.000? So viel gebe ich alleine für mein Hotel aus, damit es immer voll ist und gut läuft.“ Und so war’s ja auch: Es war tatsächlich immer voll und ist gut gelaufen.

An Ideen, Gäste anzulocken, hat es Ihnen ja nie gemangelt. Bitte erzählen Sie uns doch mal die Geschichte von dieser legendären Haifisch-Bar – die war in den 80ern Kult im Saarland.

Am Anfang hatten wir hier im Hotel ein Lokal namens „Backstube“, das war immer so voll, da konnte keiner umfallen. Die Backstube war der Treffpunkt in der Gegend. Als wir nun unser Hotel um weitere 16 Zimmer erweiterten, wurde uns klar, dass die Kapazität der Backstube nicht ausreichen würde. 1983 haben wir dann die Hailife-Bar gebaut.

Aber wie sind Sie dann ausge­rechnet auf eine Disco mit Haien gekommen?

Ein Hotel in Gonnesweiler hatte eine Disco mit Piranhas im Aquarium. Da wollten wir einen draufsetzen. So kriegten wir eine gläserne Tanzfläche mit Haien darunter. Das war der Knaller. Die Fläche war 4,20 auf 2,80 Meter groß, daneben hatten wir Becken mit 3.000 Litern, mit 5.000 Litern, mit automatischem Wasseraustausch, regelmäßiger PH-Wert-Überprüfung. Wir hatten ein Aquarium mit Muränen und Felsen. Wir hatten Becken mit Kugelfischen, mit Seepferdchen und noch mehr.

Das war ja keine Disco, sondern eher ein Aquarium.

Das war so toll, dass die Schüler aus der amerikanischen Militärbasis Ramstein alle 14 Tage ihren Unterricht hierher verlegten. Das muss man sich mal vorstellen: Ihren Unterricht in Meeresbiologie haben die bei uns gemacht, über zwei Jahre lang.

Und abends, wenn die Schüler zu Hause waren?

Dann war hier jede Menge los. Man musste fünf Mark bezahlen, um überhaupt reinzudürfen. Goldene Zeiten waren das. Manfred Sexauer, Moderator beim SR, ging alle zwei Wochen von hier auf Sendung.

Warum ging die Ära der Hailife-Bar zu Ende?

Es passte irgendwann nicht mehr. Das Hotel wuchs weiter, der Hotelbetrieb wurde für uns immer wichtiger. So musste die extrem aufwendige Hailife-Bar schließlich neuen, modernen Tagungsräumen weichen, ausgestattet von der Firma Neuland. Das war im Nachhinein betrachtet eine sehr erfolgreiche Idee.

Kamen weiterhin illustre Gäste, auch ohne Haie?

Ja, die Schlagersängerin Nicole zum Beispiel hat im Seehotel ihre Hochzeit gefeiert.

Dieses Hochzeitszimmer ist noch heute buchbar. Wurde das auch ganz renoviert, wie die anderen, oder haben sie für die Fans etwas im ursprünglichen Look der 80er-Jahre belassen?

Ja, die berühmte Nummer 202. Das Zimmer haben wir mittlerweile natürlich auch modernisiert. Die Möbel sind aber geblieben, wir haben sie renoviert und lediglich das Bett durch komfortable Boxspring-Betten ersetzt. In diesem Zimmer wohnte übrigens auch der damalige Bundespräsident Carl Carstens während seiner Deutschlandwanderung. Die saarländischen Ministerpräsidenten samt Familie waren immer hier im Hotel. Wir hatten viele berühmte Gäste.

Fällt Ihnen dazu eine schöne Geschichte ein?

Auf Ihrer Wanderreise durch das Saarland machte Gräfin Sonja Bernadotte von der Insel Mainau mit ihrem Freundeskreis Station bei uns im Seehotel. Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft mit der Grafenfamilie. Graf Lennart Bernadotte war von meiner Begrüßung und Betreuung so angetan, dass er mich in seine Wein-Bruderschaft aufnahm. Ich unternahm mit der Familie Bernadotte schöne Weinreisen in den Bordeaux, nach Italien und besuchte auch die Familie oft auf der Insel Mainau.

Vor ein paar Jahren kamen Sie mit Ihrem Haus zur Victor’s Gruppe. Wie kam es dazu?

Mein Sohn, damals in der Hotelführung, hatte gerade einen großen Kredit ins Haus gesteckt, da wurde der Bostalsee abgelassen, um den Staudamm zu sanieren. Den Gästeverlust, den wir dadurch erlitten, konnten wir nicht mehr auffangen. Es wurde uns sogar verboten, auf Tourismusmessen den Bostalsee auch nur zu erwähnen! Ein Radikalschlag, auf den wir nicht vorbereitet waren.

Und dann saßen Ihnen wahrscheinlich die Banken im Nacken. Sie brauchten einen Investor.

Ja, die Bank hat mir übel mitgespielt. Auch privat. Wir brauchten einen vertrauenswürdigen Käufer. Es gab mehrere Investoren, die hier auftauchten, mit ihren Bankberatern. Dann kam die Victor’s Hotelgruppe ins Spiel. Sie war schon lange auf uns aufmerksam geworden. Wir hatten eine ausführliche Hotelbegehung. Schließlich wurden wir uns einig. Dabei musste ich dem Aufsichtsratsvorsitzenden Herrn Ostermann versprechen, das Hotel weiter persönlich zu führen. Das war ihm absolut wichtig. Wir gaben uns die Hand darauf, und nur drei Tage später war alles erledigt. Neun Jahre ist das jetzt her.

Kam Ihre Co-Direktorin Cindy Manfra mit der Victor’s Ära hinzu?

Nein, Frau Manfra ist schon ganz lange dabei. Wir ergänzen uns wahnsinnig gut und haben das gleiche Ziel, nämlich unser Hotel weiter erfolgreich zu führen. Sie arbeitet und leistet sehr, sehr viel.

Für uns beide ist es nicht nur ein Arbeitsplatz, es ist vielmehr unser Zuhause. 

Sie haben sich dem Trend der Brunch-Buffets nicht angeschlossen. Stattdessen gibt es bei Ihnen sonntags ein Lunch-Buffet, also nur Mittagessen. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ganz einfach: Wenn Sie 170 Übernachtungen haben und 140 Frühstücksplätze, wo wollen Sie dann noch einen weiteren Gast zum Brunch unterbringen? Die Idee mit dem Lunch brachte ich in den 90er-Jahren von einer Geschäftsreise aus Kassel mit. Ich sah, dass das eine tolle Sache auch für Gruppen und Vereine ist. Das sonntägliche Lunch-Buffet führten wir dann hier im Seehotel ein. Und es wurde sofort ein Riesenerfolg. Bis heute. Wir begrenzen mittlerweile die maximale Platzzahl, damit die Gäste ohne Hektik das Lunch-Buffet genießen können.

Ihr Hotel wird regelmäßig vom Wanderverband als „Qualitätsgastgeber“ zertifiziert. Sind Sie auch so ein Wandervogel?

Na ja (lacht), immerhin führe ich immer die Silvesterwanderung. Und ich habe immer schon mit Wanderführern zusammengearbeitet.

In den letzten Jahren wurden im St. Wendeler Land viele Premium-Wanderwege angelegt. Spüren Sie davon Auswirkungen?

Das wirkt sich sehr positiv auf den Tourismus aus. Die Leute fragen danach. Die berate ich natürlich gerne und gebe Ihnen Tipps. Auch zu Sehenswürdigkeiten in der Nähe. Dass zum Beispiel der Schaumberg oder der größte keltische Ringwall Europas in Otzenhausen jeweils nur acht Kilometer entfernt sind...

Es gibt ja wirklich vieles zu entdecken hier.

Wo kommen heute die meisten Urlaubsgäste her?

Sie kommen aus Luxemburg, Frankreich bis Straßburg runter, und auch aus der Mainzer und Wiesbadener Gegend, bis nach Bingen. Daneben haben wir viele Wandervereine aus Belgien zu Gast. Internationale Gäste wohnen bei uns, auch aus den USA, China und Australien.

Falls das jetzt ein Hoteldirektor liest: Welches Erfolgsgeheimnis geben Sie preis?

Man muss sich richtig um die Gäste kümmern. Und man darf nie kleinlich sein. Bei uns ist der Gast noch Gast und nicht Kunde! Wir legen sehr großen Wert auf eine persönliche Atmosphäre, was uns auch immer wieder bestätigt wird.

Der Bostalsee boomt. Wie ist Ihre persönliche Prognose für die Zukunft des Seehotels?

Sehr positiv. Wir werden 2017 ein sehr gutes Jahr haben, ein Rekordjahr. Wir sind so stark belegt wie noch nie! Und das wird nächstes Jahr nicht weniger werden. Wir haben ja auch weiterhin Besonderheiten zu bieten. Seminarräume für Geschäftskunden zum Beispiel. Zertifizierte Servicequalität. Und vor allem ein tolles Team, das hinter unserem Hotel steht. Unsere Geschäftsführerin Susanne Kleehaas achtet auch immer darauf, dass wir hier ein besonderes Ambiente haben. Jedes unserer 99 Zimmer ist ganz individuell und liebevoll im Detail gestaltet. Und schließlich können wir auf eine große Zahl treuer Stammkunden bauen. Ich denke, die Zukunft des Seehotels sieht sehr, sehr gut aus.

Interview: Peter Böhnel





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