Andalusiens rhythmische Seele
Andalusiens rhythmische Seele
2. Juni 2017

Das Herz des Flamenco ist der „Cante jondo“, der tiefe schreiende und klagende Gesang, der von Gitarrenspiel, rhythmischem Klatschen, leidenschaftlichen Armbewegungen und energischen Steppschritten begleitet wird. Doch wo hat der Flamenco seinen Ursprung?

Der Flamenco ist mit Andalusien ebenso unzertrennbar verbunden wie der Tango mit Argentinien und der Fado mit Portugal. Zurückzuführen ist er auf die Gitanos, die im 15. Jahrhundert auf die iberische Halbinsel einwanderten und sich im Süden niederließen. Die Lieder und Traditionen der ursprünglich aus Indien stammenden Roma-Sippe vermischten sich im Laufe der Jahrhunderte mit arabischen Klagegesängen (Andalusien war bis Ende des 15. Jahrhunderts stark vom Islam geprägt), liturgischem Ritual aus Byzanz und altspanischen Liedern.

Zur Herkunft des Namens gibt es mehrere Hypothesen. Zum einen ist ein „Flamenco“ im Spanischen ein Andalusier mit Roma-Wurzeln, zum anderen soll der Ursprung des Wortes in den Tänzen liegen, die zu den Krönungsfeierlichkeiten Karl I. von Spanien (16. Jahrhundert) getanzt wurden. Der König stammte ursprünglich aus Flandern, und die Tänze wurden mit dem Schrei „Báilale al flamenco“ („Tanzt zu Ehren des Flamen“) begleitet. Das Wort „Flamenco“ bedeutet übersetzt auch „Flame“. Eine andere Hypothese besagt, dass eine Roma-Sippe vom flämischen König Schutzbriefe erhalten hatte, um in Ruhe ziehen und handeln zu können, weshalb sie Flamen (Flamencos) genannt wurden. Man nimmt an, dass sich dieser Name schließlich auch auf ihre Art zu musizieren und zu tanzen ausgeweitet hat.

Hinausschreien, was man nicht sagen darf

Der Flamenco wie wir ihn heute kennen beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Flamenco-Lokale entstanden und ein großes Publikum mit dem Tanz vertraut machte. Der Gesang gab den Menschen die Möglichkeit, das herauszuschreien, was sie nicht sagen durften, und mit ihren rhythmischen Drehungen drückten sie Schmerz, Sorgen und Freude aus. Es gibt über 50 Variationen des Flamencos – je nach kultureller Tradition und dem, was die Tänzer ausdrücken möchten, sind die Tanztechniken verschieden. Lediglich der Anfang gleicht sich: bevor Gitarre und Gesang ertönen, steht der Tänzer oder die Tänzerin regungslos auf der Bühne und blickt ins Leere. Der Tanz beginnt mit rhythmischen Bewegungen der Arme, als würde die Tänzerin plötzlich ein heftiges Gefühl ergreifen. Danach setzt das energische Stampfen der Absätze ein. Gitarrenspiel, Gesang und Tanz werden zu einer Einheit, die sich bis zur Ekstase steigert. Als in den 20er-Jahren die ersten kommerziellen Flamenco-Shows („ópera flamenca“) aufkamen, betraten erstmals Nicht-Gitanos mit hellen Belcanto-Stimmen die Bühne. Die Kommerzialisierung des Flamenco war nicht jedermanns Sache, deshalb organisierten Intellektuelle wie Federico Garcia Lorca und Manuel de Falla den Wettbewerb „Cante Jondo“, mit dem sie den authentischen Flamenco wieder beleben wollten. Heute sind kommerzieller und traditioneller Flamenco verschmolzen, was sich in einem breiten Spektrum von Solotanz bis hin zu Ballettinszenierungen und Revue-Spektakeln zeigt. Der Flamenco gehört seit 2010 zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Cornelia Lohs


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