Ausgezeichnetes Vergnügen
Ausgezeichnetes Vergnügen
10. März 2017

Der Name „Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental“ irritiert ein wenig. Denn das Kaisergebirge dient lediglich als Kulisse, die Pisten sind alles andere als wild. Das riesige Skikarussell südöstlich von München wurde schon oft zum besten Familienskigebiet der Alpen gekürt. Zu Recht.

Leon ist stolz wie Oskar, als er seinen Großeltern die Fotos auf der Webseite des Scheffauer „Kinderkaiserlands“ zeigt. Da sieht man den Vierjährigen umhüllt mit einem lila Samtmantel und einer Krone auf dem Kopf. Unter dem Bild steht „Kinderkaiser der Woche“. Zu dieser achtbaren Ehre gelangte der Skineuling, weil er als jüngster Teilnehmer am Abschlussskirennen der Tiroler Skischule teilgenommen hatte. Die Krönung als Kaiser war für den jungen Pistenflitzer dann auch die Krönung einer aufregenden Winterwoche.

Bei derart viel Programm und Attraktionen wie der Goldenen Kutsche, dem Lernkarussell, dem Kaiserdrachen-Express und der Kinder-Grottenbahn – einem überdachten Skiförderband – war das Skifahren lernen auf 1.650 Meter Höhe beinahe Nebensache. Für Begeisterung respektive Gänsehaut sorgte schließlich auch die akustische Skigeisterbahn, die sich auf rund einem Kilometer durch den Märchenwald zieht – trotz „Steilkurven“ und 180-Grad-Drehungen leicht zu bewältigen. Selbst für Leon.

Behutsam geht es auch außerhalb des geschützten Geländes weiter: 43 Prozent der fast 300 Pistenkilometer sind leicht, noch etwas mehr mittelschwer, und gerade einmal zehn Kilometer werden als schwer eingestuft – darunter die neue, 80 Prozent Gefälle aufweisende „Black Pipe“-Freeride-Abfahrt. Allein fünf Talabfahrten sind blau markiert, etwa hinunter nach Westendorf, Going, Scheffau und nach Söll (die nach Ellmau, Itter, Hopfgarten, Brixen im Thale sind toll, aber etwas anspruchsvoller). Zudem stehen 20 Übungslifte zur Verfügung. Kurz: Das immense Bahn- und Pistenangebot beschäftigt Kinder wie Erwachsene für Tage, gar für Wochen.

Doch selbst der tapferste Skifahrer braucht mal Pause. Zum Glück locken 77 Hütten zur Jausen-Pause – das entspricht der größten Hüttendichte Europas. Und während sich die Kids an Kaiserschmarrn und Germknödel laben, können die Großen am Jagertee nippen; der wurde nach eigenen Aussagen hier in der „Skiwelt“ erfunden. Was Erwachsene aber auch nüchtern betrachtet zu schätzen wissen, sind die attraktiven Skitickets wie die Jungfamilienkarte, die von beiden Eltern abwechselnd genutzt werden kann – ein Angebot, das Teilzeitfahrer anderswo schmerzlich vermissen.

Nicht nur wegen seiner familienfreundlichen Preise und den überwiegend leichten, sonnenverwöhnten Pisten wurde das Skigebiet, das hinter Westendorf fast schon ins Kitzbüheler Terrain hineinragt, bereits mehrfach als bestes Familienskigebiet ausgezeichnet – vom ADAC-Ski-Guide über den DSV-Skiatlas bis hin zu „skiresort.de“, das die „Skiwelt“ sogar zum besten internationalen Skigebiet kürte. Und das mehrfach. Begründet wird das nicht zuletzt mit der Topbetreuung: Neben dem „Kinderkaiserland“ kümmern sich noch rund 20 weitere Skischulen um Kinder und Anfänger. Beliebte Treffpunkte sind „Ellmi’s Kids Club“ sowie die recht neue „Kinderkornkammer“ an der Talstation Söll.

Grimms Märchen mit der Gondel

Während in diesem umgebauten Getreidespeicher die Jüngsten (ab sechs Monate) krabbelnd ihre Umgebung erkunden und die Größeren an der Kletterwand üben, mit den Hasen kuscheln oder draußen im „Hexenkinderland“ erste Abenteuer auf Skiern erleben, können die Eltern sorglos rund um die Hohe Salve, mit ihrem markanten Gipfel-Kirchlein das Markenzeichen des Skikarussells, carven. Oder von Hochsöll gleich auf mehreren Strecken mit dem Rodel hinunterflitzen. Wer dazu noch Tipps braucht, bekommt diese von der ehemaligen Rennrodlerin Marianne Treichl, die nach Anmeldung auch persönlich zur Verfügung steht, im Rahmen der „ersten Rodelschule Österreichs“. Noch eine Innovation: Seit 2015/16 ist die weltschnellste Sesselbahn, die Jochbahn oberhalb von Brixen, in Betrieb. Einen anderen Rekord bietet Söll – als größtes Nachtskigebiet. Zehn Pistenkilometer werden mittwochs bis samstags beleuchtet (plus zwei Rodelbahnen).

Den Rekord als Österreichs größtes Skigebiet musste man jedoch vergangenes Jahr an Saalbach-Hinterglemm-Fieberbrunn abgeben (das in der neuen Saison 2016/17 wiederum vom Arlberger Zusammenschluss auf Platz zwei verwiesen wird). Sei’s drum: Der Slogan „irrsinnig groß“ passt immer noch – angesichts 91 Bahnen und 284 Pistenkilometern, von denen rund 90 Prozent beschneibar sind. Aber selbst die besten Schneekanonen und -lanzen, die sich mit den neuen 100 auf fast 1.700 summieren, können in Wärmephasen wie Weihnachten 2015 nicht alles „weißeln“. Gut also, wenn es Alternativen gibt. Wie das Winterwandern. Manfred Hautz, Hoteldirektor vom „Chalet-Hotel am Leitenhof“ erzählt, wie gut ihre spontan ins Wochenprogramm gehobenen Wanderangebote bei den Gästen ankamen. „Viele kamen danach auf mich zu und haben gesagt, dass sie nie gedacht hätten, wie schön die Stimmung im Wald und am Gipfel auch ohne viel Schnee sein kann.“ Kurz: Diese Aktivitäten werde man mit Sicherheit ausbauen. Auch wenn es wieder mehr schneit. So schön die Gewissheit ist, dass sich schneearme Wochen ohne Stimmungseinbußen bei den Gästen meistern lassen, wird fleißig weiter ins Skibusiness investiert. 27 Millionen Euro sind es heuer, davon fließt ein Gutteil in die „Hans im Glück“-Bergbahn an der Hohen Salve. Der Clou ist neben der schnellen Beförderung und Gratis-Wlan das märchenhafte Design: Die Gondeln erzählen im Stil eines Schattenspiels die Geschichte des gleichnamigen Grimm-Märchens. Das dürfte auch Kindern wie Leon gefallen. Und wenn seine Skierfolge weiter so kaiserlich sind, wird er schon bald selbst zusteigen.

Christian Haas





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