Besuchermagnet Hamburg
Besuchermagnet Hamburg
30. Juni 2017

Die Hansestadt kann sich über Touristenmangel nicht beklagen. Vor allem die neue Elbphilharmonie gehört nun zu den Top-Sehenswürdigkeiten.

Je mehr an Aufregung, umso besser. Das gilt für Filmstars und oft auch für Städte. Selbst Pleiten, Pech und Pannen halten das Interesse wach, und wenn sich endlich alles zum Guten wendet, ist die Neugier umso größer.

Genau das trifft auf Hamburg zu und auf die nach zehnjähriger Bauzeit am 11. Januar feierlich eröffnete Elbphilharmonie. Diese schicke Hafen-Lady wollen jetzt viele sehen, sie wird zum Star der traditionsreichen Hansestadt und macht Hamburg zu einem Must-see.

Schon gilt der spektakuläre Bau mit seiner schimmernden Glasfassade, geplant vom renommierten Baseler Architektenbüro Herzog & de Meuron, als Hamburgs neues Wahrzeichen und macht dem Michel, dem Turm der Michaeliskirche, diesen Rang streitig. Auf alle Fälle sind die Elbphilharmonie und ihre Umgebung bereits Besuchermagneten.

Ohnehin leidet Hamburg nicht an Gästemangel. Die Statistik zeigt einen kontinuierlichen Anstieg der Übernachtungen von rund 6,2 Millionen im Jahr 2005 auf gut zwölf Millionen 2015, ein Trend, der sich im vergangenen Jahr fortsetzte. Allein im vorigen November kamen rund 535.000 Touristen, 6,3 Prozent mehr als im November 2015. Die Zahl der Übernachtungen stieg um 5,9 Prozent auf 1,025 Millionen.

Der Besuchertrend geht nach oben

Dieser Zustrom trotz des ungemütlichen Wetters war sicherlich der Plaza-Eröffnung am 4. November zuzuschreiben. An diesem ersten Wochenende, als sich die Türen der Elbphilharmonie erstmals für Besucher öffneten, wurde sie von fast 25.000 Schaulustigen gestürmt.

Diese offene Plaza in 37 Metern Höhe zwischen dem Backsteinsockel – dem früheren Speicher A – und dem Glasbau darüber – dürfte weltweit einmalig für einen Musiktempel sein. Auch ohne Konzertkarte ermöglicht ein entsprechendes Ticket, gratis erhältlich im Besucherzentrum, den kostenlosen Zutritt zum Gebäude und auf die Plaza. Vorbestellt kostet es zwei Euro. Schon die Auffahrt mit der 82 Meter langen Rolltreppe, englisch Tube genannt, ist spannend. Ständig werden beim Auf und Ab Selfies gemacht, bis sie vor dem großen Panoramafenster landet, an dem sich die Kids beim Ausblick auf den Hafen die Nasen platt drücken.

Doch die circa 40.000 Quadratmeter große Plaza übertrifft diesen Eindruck noch deutlich. Hier hat auch Werner Kuhn, seit 2009 Projektleiter der Baufirma Hochtief, seinen Lieblingsplatz. Wo genau? „Das ist das westliche Ende der Plaza-Besucherplattform mit dem Fast-Rundum-Blick über den Hafen und Hamburg.“ Den liebt er auch spätabends, wenn unten die Lichter leuchten. Bei Nebel wirkt diese verschleierte Aussicht beinahe mystisch.

Kuhn, der 1984 bei Hochtief anfing und die Karriereleiter hochkletterte, war hauptsächlich für den Großen Saal verantwortlich und bekennt im Interview: „Der Ausbau des Großen Konzertsaals war die bisher größte berufliche Herausforderung für mich.“
Der ist, so der persönliche Eindruck, schon optisch ein Genuss, und so halten beim Eintreten fast alle erst mal bewundernd inne. Wie die Terrassen eines Weinbergs steigen ringsherum die Zuschauerränge an. Das Orchester sitzt in der Mitte und ist von jedem Platz aus zu sehen und zu hören.

„Natürlich ist auch der Klang der Musik genial und ein Erlebnis“, fügt Kuhn hinzu. Das ist dem Star-Akustiker Yasuhisa Toyota und der weißen Haut an den Wänden zu verdanken, bestehend aus etwa 10.000 individuell gefrästen Elementen. „Die wurden mit einer Genauigkeit von fünf Millimetern auf einer Gesamtfläche von circa 6.000 Quadratmetern montiert. Von Dezember 2013 bis Januar 2016 hat das gedauert“, sagt Kuhn.

Sein Fazit: „Die Grenzen des Machbaren sind nach meiner Auffassung an der Elbphilharmonie in jeder Hinsicht erreicht.“ Nun freut er sich fast täglich über die Begeisterung der Besucher, die zum ersten Mal in der „Elphi“ sind. „Elphi“ – das ist das schnell gefundene Kosewort der Hamburger für die Schöne mit der Glitzerfassade, gestaltet aus unterschiedlich gebogenen und gewölbten Glaselementen. Nach Aussage der Architekten soll so der Eindruck eines riesigen Kristalls erweckt werden, der den Himmel, das Wasser und die Stadt immer wieder anders reflektiert. Okay, das trifft zu.

Aber könnte diese verspielt zipfelige Glaskonstruktion – um 180 Grad gedreht –  nicht auch „Elphis“ schwingendes Luxus-Röckchen sein, passend zu den Luxuswohnungen und dem Fünf-Sterne-Hotel drinnen in diesem Wunderbau?

Doch das ist nicht alles, was die Hamburg-Besucher bestaunen und erleben können. Denn die „Elphi“ steht nicht einsam am Elbwasser, wie manche Fotos suggerierten. Gleich beim Verlassen der U-Bahnstation Baumwall ragt ihr Glitzer-Oberteil bis zu 110 Meter hoch über die davorstehenden Bauten.

Nur ein paar Schritte, und sie schaut über den lebhaften Hafen. Beim Weitergehen gegen den Uhrzeigersinn setzt sie sich hinter einem roten Lotsenschiff (jetzt ein Restaurant) in Szene, wenig später hinter schnittigen Dreimastern. Dabei relativieren die Bauten zu ihrer Linken die Größe der Neuen ebenso wie der Mississippi-Dampfer zur Rechten und das Columbus-Haus von 2002 in der Nähe.

Das Orchester sitzt in der Mitte

Unterm Strich hat die „Elphi“ nette Nachbarn, alte und neue, denn sie gehört zur Hafencity, dem mit 100.000 Quadratmetern größten Stadtentwicklungsprojekt Europas. Moderne Backsteinbauten nach Hamburger Art ziehen sich an den Elbufern entlang.

Die Handelstradition Hamburgs, Deutschlands Tor zur weiten Welt, zeigt sich schließlich in der alten Speicherstadt. Zusammen mit dem Kontorhausviertel und dem Chilehaus zählt sie seit 5. Juli 2015 zum Unesco-Weltkulturerbe, das erste für Hamburg überhaupt.

Die Stätte symbolisiere auf einzigartige Weise die Folgen des rasanten internationalen Handelswachstums im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, lautete die Begründung für diese Auszeichnung. Rotgolden leuchten die neogotischen, dezent verzierten Backstein-Beautys mit ihren grünen Kupferhüten in der Abendsonne.

Tatsächlich gilt die Hamburger Speicherstadt, errichtet zwischen 1885 und 1927, als das größte zusammenhängende Speicherensemble der Welt und ist keineswegs ein Museum. In den hohen Bauten mit direktem Zugang zu Kanälen, Brücken und Straßen lagern weiterhin Waren aus vieler Herren Länder, arbeiten aber auch Modedesigner und Werbefachleute. Lebendige Geschichte in alten Mauern. Auch dieser Anblick erfreut die Besucher, die hier gerne schauen und flanieren.

Ursula Wiegand



INFO:

Infos zu Hamburg auf www.hamburg.de, auch zu Unterkünften, Shopping und weiteren Sehenswürdigkeiten.

Infos zur Elbphilharmonie unter www.elbphilharmonie.de, auch zu dem wegen starker Nachfrage frisch aufgelegten Sommerprogramm. Ab 9. August gibt es 19 Veranstaltungen mit Weltmusik, Jazz, Filmmusik und Klassik, gestaltet von namhaften Gruppen, Orchestern und Interpreten. Der Vorverkauf für diesen Elbphilharmonie-Sommer beginnt am 15. Februar, auch unter obigem Link.







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