Das Tor nach Asien
Das Tor nach Asien
7. April 2017

Sie ist nur etwa 400 Meter lang und doch die weltweit wohl bekannteste Straße Thailands: die legendäre Khao San Road. Hier treffen sich seit Jahrzehnten die Backpacker und Glücksritter aus allen Ecken der Welt.

Nicholas zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette, spült mit einem kräftigen Schluck Bier nach und mustert mit in Falten gelegter Stirn ein europäisches Ehepaar, das mit seinen zwei kleinen Kindern die Straße herunterschlendert. „So etwas hätte man sich hier vor 15 Jahren noch nicht vorstellen können“, murmelt er kopfschüttelnd. Gemeint ist die Khao San Road – die weltweit wohl bekannteste Straße Bangkoks, die heute mehr denn je das absolute Mekka des internationalen Rucksacktourismus ist. Seit Mitte der 80er-Jahre ist die etwa 400 Meter lange Straße in Bangkoks zentralem Stadtteil Banglampoo die Anlaufstelle für routinierte Globetrotter und junge Backpacker auf ihrer ersten Individualreise.

In den Anfangsjahren gab es auf der noch staubigen Khao San Road lediglich ein paar kleine Fremdenzimmer ohne jeglichen Komfort. Die Straße war ein Geheimtipp für idealistische Rucksackreisende, die sich hier auf ihrem Weg durch Asien trafen und Erfahrungen austauschten. Inzwischen musste auch die Khao San Road der milliardenschweren Tourismusindustrie Tribut zollen, und so hat sich das Gesicht der Backpacker-Meile massiv verändert. Vor allem die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren war rasant. Wo zuvor noch kleine, charmante Gästehäuser und Garküchen das Bild prägten, gehören anno 2016 moderne Hotels mit Swimming-Pools sowie Filialen der großen Ketten Mc Donald’s, Burger King, Subway und Starbucks schon fast zum Inventar.

Heute kommen auch Familien mit Kindern

Wer heute über die Khao San Road läuft, findet in erster Linie zwei Gruppen von Reisenden. Zu der einen gehört Nicholas, ein Engländer Mitte 40, der den guten, alten Zeiten hinterhertrauert und es nicht begreifen kann, dass der allseits gestiegene Komfort inzwischen eben auch Familien mit kleinen Kindern an die früher als etwas verrucht bekannte Road lockt. Tatsache ist aber, dass die ersten Generationen der Backpacker ihre geliebte Straße selbst zu dem gemacht haben, was ein überzeugter Individualtourist mehr meidet als alles andere: eine klassische Touristenattraktion, die Bestandteil jeder Sightseeing-Rundfahrt durch Bangkok sein dürfte.

Die zweite Gruppe bilden jene Reisenden, die in der Khao San Road noch immer einen faszinierenden Ort sehen. Dies sind einerseits erfahrene Touristen, die den Verlust jeglicher Abenteuerromantik zwar zur Kenntnis genommen haben, für die es aber dennoch niemals in Frage käme, in Bangkok irgendwo anders abzusteigen als an der Khao San Road. Sie fühlen sich hier zu Hause, kennen jede Ecke und werden von den Barbesitzern bei jeder Rückkehr persönlich begrüßt. So viel Familiäres schätzt man eben.

Zudem trifft man vermehrt ungewöhnlich junge Rucksackreisende, die oft das erste Mal in ihrem Leben Europa verlassen haben, um nun das exotische Thailand zu erkunden. Für sie ist die legendäre Straße der perfekte Einstieg in diese andere Welt, denn sie federt den Kulturschock wunderbar ab. Das gesamte Viertel rund um die eigentliche Straße ist inzwischen komplett von westlichen Touristen annektiert und entsprechend auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Hier erwartet sie eine preisgünstige Rundumversorgung aus Geldautomaten, Internet-Cafés, Wäschereien, klimatisierten Zimmern mit Fernsehern, durchgestylten Bars, die man so auch in Europa finden könnte und unzähligen Restaurants mit allerlei Gerichten aus der Heimat. Und Englisch spricht hier sowieso jeder.

Dementsprechend wird die Khao San Road oft auch als „Tor nach Asien“ bezeichnet. Dies liegt zum einen daran, dass Bangkok das unbestrittene Drehkreuz für viele Asien-Reisende ist und die Road von vielen Backpackern als Ort für einen kurzen Zwischenstopp genutzt wird. Andererseits unterstreicht dies aber auch den Charakter der Khao San Road als eigenes Subuniversum. Getreu dem Motto: „Nicht mehr Europa und noch nicht Asien“. Zur Gruppe der Erstreisenden, deren logisches Ziel die Backpacker-Meile war, gehören Julia und Sonja aus Hamburg. Sie führte wie viele andere zuvor ein Buch hierher, das für Millionen von Rucksackreisenden zu einer Art Bibel geworden ist: der Reiseführer „Lonely Planet“, dessen Thailand-Ausgabe inzwischen auch auf Deutsch erhältlich ist. „Die Khao San Road muss man einfach mal gesehen haben. Ich finde es toll, dass man hier so viele Menschen aus allen Teilen der Welt trifft. Gerade für uns ist das sehr nützlich, weil man ganz unkompliziert viele interessante Geschichten und wertvolle Reise-Tipps mitbekommt. Hier ist jeder Tag eine kleine Party. Auf der Khao San Road bekommt man einfach alles, was das Herz begehrt“, sagt Julia und ihre Freundin nickt zustimmend.

„Muss man einfach gesehen haben“

Tatsächlich hat es das Angebot auf der berühmten Meile in sich. Neben all den günstigen Hostels, Bars und Restaurants reihen sich unzählige Reisebüros, Wechselstuben, Apotheken, Supermärkte, Juweliere, Tätowiershops, Massagesalons, Maßschneidereien, Antiquariate, Buchhandlungen mit wahren Schätzen, Marktstände mit Kleidung, skurrilen Souvenirs und natürlich DVD- und Musik-CD-Raubkopien aneinander. Überhaupt findet man hier von Führerscheinen, über Diplome bis hin zu Personal- und Journalistenausweisen so ziemlich alles an Kopiertem und Gefälschtem, was einem nur in den Sinn kommen kann.

Richtig erwacht die Khao San Road allerdings erst nach Einbruch der Dunkelheit. Dann werden all die kleinen Cocktail-Stände auf die Straße gerollt. Sie bieten die Bühne für die Anekdoten der durstigen Glücksritter aus aller Welt. Auch Karsten aus der Nähe von Stuttgart sitzt lässig auf einem der Hocker vor einer der neon-rot beleuchteten kleinen Bars mitten auf der Road. Er genießt es sichtlich, zwei jungen Schwedinnen von seinem kürzlichen Trip durch Laos und Kambodscha zu erzählen. Sein Englisch begleitet ein starker schwäbischer Akzent. Alles ist „amazing“ und natürlich „awesome“. Dann trinkt er hastig seinen Thai-Whiskey aus, zahlt, verabschiedet sich und sagt: „Ich geh’ mal eben zu Starbucks und häng’ mich ins W-Lan. Muss ja die krassen Fotos noch auf Instagram posten.“ Auch so etwas hätte man sich hier vor 15 Jahren nicht vorstellen können.

Simon Grünke



Info

Die legendäre Khao San Road (auch „Khaosan Road“, „Kao Sarn Road“ oder „Kousan Road“) liegt etwa einen Kilometer nordöstlich vom alten Königspalast im Bangkoker Stadtteil Banglamphu (auch „Bang Lumpu“) und ist weder mit dem Skytrain noch mit der Untergrundbahn zu erreichen. Der Bau der Straße geht zurück in die Regierungszeit von König Chulalongkorn. Erste hölzerne Geschäftshäuser am Rande der Straße sind auf einer Karte aus dem Jahre 1921 zu erkennen. Ihren Namen hat die Khao San Road von der Ware, mit der hier früher hauptsächlich Handel betrieben wurde: ungekochter Reis. Inzwischen liegt die Road im Zentrum eines weltweit bekannten Viertels für Rucksackreisende mit kleinem Budget. Übernachtungen gibt es in einigen Hostels ab 400 Baht (circa elf Euro) pro Nacht. Kleine Mahlzeiten, wie beispielsweise einen Teller „Pad Thai“ (frittierte Nudeln mit Gemüse), gibt es am Straßenrand bereits für 30 Baht. Zahlreiche Medien haben sich im Laufe der Jahre mit der Khao San Road befasst und immer wieder neue Schlagworte kreiert. Die gängigsten Formeln sind dabei „Disneyland für Freizeit-Hippies“, „Boulevard der Eitelkeiten“ oder auch „Ballermann für Rucksack-Touris“. Was auch immer zutreffen mag, eines ist die Khao San Road in jedem Fall nicht – eine ganz normale Straße in Bangkok.

Wie geht es hin? Ab dem Suvarnabhumi Flughafen (Bangkok International) fahren regelmäßig Airportbusse am Gate 10 zur Khao San Road (Kosten: etwa 200 Baht, circa 5,50 Euro).


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