Die asiatische Antwort auf Las Vegas
Die asiatische Antwort auf Las Vegas
2. Juni 2017

Unweit von Hong Kong können Glücksspieler in ein wahres Paradies eintauchen: In der einstigen portugiesischen Kolonie Macau reiht sich ein Casino an das nächste – darunter das größte der Welt. Wohnen kann man in spektakulären Hotels, und Kultur gibt’s noch obendrauf.

Schnell nebeneinander aufgestellt, die Finger zu einem V geformt, den Kopf zur Seite geneigt, und dann die weißen Zähne zeigen. Für die drei Chinesinnen, die sich auf den Treppenstufen vor der Ruine von St. Paul positioniert haben, ist der Moment, in dem das Selfie entsteht, vermutlich der Höhepunkt ihres Besuchs der Altstadt von Macau. Das portugiesische und christliche Erbe der Stadt: hier ist es nur noch Kulisse, denn St. Paul, eine Kirche mit angeschlossenem Kolleg, brannte im Jahr 1835 während eines Taifuns fast vollständig nieder. Übrig blieb nur die Fassade, die von japanischen Handwerkern kunstvoll gestaltet worden ist. Weniger als zwei Kilometer entfernt, in der Nähe der Barrastraße, findet sich ein Gebäude, das ebenfalls zu Macaus Unesco-Weltkulturerbe zählt, das seine Besucher aber nicht mit einer Invasion von Selfie-verrückten Reisegruppen, sondern mit Ruhe und Gelassenheit empfängt. Wer Dutzende von Räumen durchstreifen und betrachten will, der braucht schließlich Zeit. Das Mandarin-Haus ist ein knapp 150 Jahre alter Gebäudekomplex mit rund 60 Zimmern, zur Zeit seines Baus um das Jahr 1869 war es das größte Privathaus in ganz Macau. Das Haus, in dem es kunstvoll geschnitzte Holztüren und einen ummauerten Privatgarten im chinesischen Stil gibt, ist nicht nur asiatisch geprägt. In ihm finden sich auch falsche Decken mit Stuckarbeiten, italienisch anmutende Säulen und am westlichen Stil orientierte Fenster. Bis etwa in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Haus in Privatbesitz, danach wurde es verkauft und in der Folgezeit lebten zum Teil über 300 Menschen gleichzeitig darin. Die Pracht verfiel – erst ab dem Jahr 2002 wurde das Anwesen acht Jahre lang von der Stadt restauriert. Mittlerweile ist es eines der Schmuckstücke unter den Unesco-Weltkulturerbe-Bauten der Stadt.

Italien-Flair mit Gondeln

Während früher das Mandarin-Haus mit seinen rund 60 Zimmern eines der größten Gebäude Macaus war, hat der größte Bau der heutigen Zeit ganz andere Dimensionen. Das moderne Pendant zum Mandarin-Haus befindet sich auf dem Cotai-Strip, einem künstlich aufgeschütteten Gebiet, das die beiden Inseln Coloane und Taipa verbindet. Im Venetian, so der Name des Gebäudes, finden sich knapp 3.000 Hotelsuiten, ein Einkaufszentrum mit mehr als 350 Geschäften sowie ein Veranstaltungssaal mit 15.000 Plätzen. Während das Areal des Mandarin-Hauses beachtliche 4.000 Quadratmeter Fläche vorweisen konnte, verfügt der Venetian-Komplex über eine Grundfläche von knapp einer Million Quadratmetern. Das von Las Vegas Sands betriebene Resort gehört damit zu den zehn größten Nutzgebäuden der Welt. Es beherbergt unter anderem das größte Casino der Welt mit etwa 800 Spieltischen, an denen vorwiegend das bei Chinesen beliebte Baccara gespielt wird und mit circa 3.400 „hungrigen Tigern“, so der örtliche Kosename für die in Macaus Casinos allgegenwärtigen Geldspielautomaten.

Das Mandarin-Haus der Neuzeit bietet Besuchern auch eine überdachte Kunstwelt, in der philippinische Gondolieres chinesische Touristen auf italienisch anmutenden Gondeln „O sole mio“-singend auf einem künstlichen Canal Grande zwischen Markenboutiquen entlang und durch die Rialtobrücke hindurchschippern. Für die chinesischen Besucher, die für 128 Macau-Pataca (etwa 15 Euro) in eine Gondel steigen können, ist auch hier das Selfie obligatorisch. Im Casino jedoch ist fotografieren nicht erwünscht. Die Atmosphäre in der größten Glücksspielhalle der Welt wirkt nüchtern-sachlich. Das Zocken, so scheint es, hat hier wenig mit Spaß und Vergnügen zu tun, es erscheint eher wie harte Arbeit. In der Nachbarschaft des Venetian finden sich weitere Megaresorts der Superlative, allesamt mit eigenen Casinos. Etwa die City of Dreams, die durch ihre allabendliche Show „House of Dancing Waters“, eine spektakuläre Akrobatikshow auf elf hydraulischen Bühnen, zahlreiche Besucher anlockt und in der sich das zweitgrößte Casino der Welt befindet. Oder die im Oktober 2015 eröffnete Studio City mit einem von Warner Bros. unterstützten Filmthemenpark für Kinder und Jugendliche und einem in der chinesischen Glücksfarbe Gold gehaltenem Riesenrad, dem „Golden Reel“, das zudem noch die Form einer chinesischen Glückszahl hat: eine Acht.

Ganz neu ist das „Parisian“, für das ein stählerner Eiffelturm gebaut wurde, der halb so groß wie das Original ist. Urlauber können in Macau also nicht nur zocken, sondern auch ein künstliches Venedig und ein Pseudo-Paris erleben.

Drei Meter lange Nudeln

Ein Gebäude, das neben der Ruine der St.-Pauls-Kirche zum zweiten Erkennungszeichen Macaus geworden ist, fällt wohl jedem Besucher ins Auge. Das 2008 eröffnete „Grand Lisboa“ ist von den Hongkonger Architekten Dennis Lau und Ng Chun Man in Form einer sich öffnenden Lotusblüte entworfen worden. Der futuristische Wolkenkratzer ist knapp 260 Meter hoch, in ihm finden sich Restaurants der Spitzenklasse und ein Hotel mit mehr als 400 Zimmern. In seiner Unterwelt ist, wie könnte es anders sein, ein beliebtes Spielcasino untergebracht, das rund um die Uhr geöffnet hat. Auf mehreren Kellergeschossen verteilt finden sich über 400 Spieltische und mehr als 700 Glücksspielautomaten, in den einzelnen Abschnitten des Casinos sind die Mindesteinsätze jeweils unterschiedlich hoch. Mit dem „Grand Lisboa“ hat sich Stanley Ho, der langjährige Casino-Tycoon Macaus, der die Sociedade de Jogos de Macau ausgebaut hat, die bis zum Jahr 2002 das Monopol auf das Glücksspiel hatte, ein markantes Denkmal gesetzt.

Und obgleich das „Grand Lisboa“ insgesamt eher vom chinesischen Geschmack dominiert wird, vermischen sich auch hier die Kulturen: Während im „Round-The-Clock Noodle & Congee“, das für seine Nudelsuppe berühmt ist, die aus einer einzigen, über drei Meter langen Nudel besteht, vor allem Nudeln und Reisbrei serviert werden, bietet das „Robuchon au Dome“ in der Dachkuppel des Hotels, das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist, exklusive französische Küche. Blickt man hier aus den Fenstern, dann erscheint das Mandarin-Haus auf einmal nur sehr sehr klein, fast hat man den Eindruck, dass das Unesco-Welterbe hinter den Glitzerfassaden verblasst. Doch wer das Hotel verlässt, der muss nur fünf Minuten zu Fuß gehen, zum kopfsteingepflasterten Largo do Senado, und schon fühlt er sich nicht mehr wie in der asiatischen Kunstwelt, sondern eher wie in Lissabon. Im Schatten der 260 Meter hohen Lotusblüte sind die Spuren des mehr als 400 Jahre andauernden portugiesischen Einflusses im modernen Macau eben weiterhin präsent.

Rainer Heubeck



Info

Einreise:
Bürger aus Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz benötigen für die Einreise nach Macau kein Visum, wenn sie 90 Tage und weniger bleiben. Ein gültiger Reisepass genügt.

Beste Reisezeit:
Macau ist ein Ganzjahresziel, für Europäer besonders angenehm ist ein Besuch in der Zeit von Oktober bis Dezember, die Monate von Juni bis August sind aufgrund hoher Luftfeuchtigkeit und großer Niederschlagsmengen weniger zu empfehlen, in der Zeit von Juli bis September sind Taifune möglich.
Übernachten:
Sofitel Macau at Ponte 16, Rua do Visconde Paco de Arcos, St Anthony‘s Parish, Telefon 00853-88610016, www.sofitel.com. Bei Sonderaktionen gibt es den Superior Room zuweilen ab etwa 140 Euro pro Nacht.

Etwas außerhalb gelegen, aber ebenfalls noch auf der Halbinsel, ist die charmante Pousada de Mong-Ha, die von der örtlichen Tourismusschule betrieben wird, Colina de Mong-Ha, Telefon 00853-2855222, www.ift.edu.mo/EN/Pousada/Home/Index/240.

Luxus pur bietet das Ritz Carlton auf dem Cotai-Strip. Das Luxushotel mit seinen 250 Suiten ist bei Tripadvisor die unangefochtene Nummer eins für Macau, Estrada da Baía da Nossa
Senhora da Esperança, Telefon 00853-88866868, www.ritzcarlton.com.

Essen:
Wer typisch macanesisch essen will, für den empfiehlt sich das El Litoral, Rua do Almirante Sergio, 261A, Telefon 00853-28967878, www.restaurante-litoral.com

Wer exklusiver dinieren möchte, der findet im Grand Lisboa Hotel das französische Restaurant Robuchon au Dome mit gleich drei Michelin-Sternen, www.grandlisboadhotel.com.

Für kantonesisches Dim Sum, das normalerweise nur mittags, nicht abends gegessen wird, empfiehlt sich ein Abstecher ins Lua Azul, Macau Tower Convention & Entertainment Centre, Level 3, Largo da Torre de Macau
Telefon 00853- 89888700, www.macautower.com.mo/dining/lua-azul.

Typisch portugiesisch isst man im Espaco Lisboa, Rua das Gaivotas auf Coloane.

Weitere Informationen:
www.macaotourism.gov.mo, mgto@macaotourism.gov.mo

Touristen-Hotline vor Ort:
00853-28333000

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