Durch den Tunnel ins Tessin
Durch den Tunnel ins Tessin
21. Juli 2017

Der Weg ist das Ziel – das passt auch für die Zugfahrt von Zürich nach Lugano mit den Schweizerischen Bundes­bahnen durch den neuen Gotthardtunnel. Auf der anderen Seite wartet der wunder­bare Luganer See, der Lago Maggiore oder das schöne Städtchen Bellinzona.

Nach 17 Jahren Bauzeit in teils schwierigem geologischen Gelände war der 57 Kilometer lange Tunnel, nun der Weltrekordhalter, mit seinen zwei Röhren im vorigen Sommer fertig.

2.600 Menschen haben dort geschuftet. Nur Personen- und Güterzüge fahren hindurch, keine Pkw oder Lastwagen.

Das allein ist ein Sicherheitsfaktor, und vieles mehr wurde getan. Es gibt Nothaltestellen und solche zum Spurwechsel in die andere Röhre. Außerdem hat man ein halbes Jahr mit 1.000 Fahrgästen geprobt, ehe grünes Licht für den ständigen Betrieb gegeben wurde. Die neue Strecke kommt bestens an: Statt mit dem Auto fahren nun viele per Bahn und schonen die Nerven und die Umwelt.

Vor Erreichen des Tunnels müssen jedoch Altstadt-Fans und Leckermäuler im Städtchen Zug unbedingt aus dem Zug. Die Altstadt ist komplett erhalten, fiel sie doch nach dem Bahnhofsbau im Jahr 1864 „in den Dornröschenschlaf,“ erklärt Stadtführerin Pauline Hruza-Maiwald und geht sogleich zum 52 Meter hohen Zytturm aus dem 13. Jahrhundert, der sich am Kolinplatz zwischen die Häuser zwängt.

Im Städtchen Zug in den Zug einsteigen

Er ist Zugs Wahrzeichen und hat sogar zwei Uhren, eine normale mit römischen Ziffern und darunter die astronomische mit vier Zeigern. „Ein Pfeil zeigt die Woche an, der mit dem Halbmond die Mondphase, der mit der Sonne den Monat und der mit dem S ein Schaltjahr“, weiß Pauline. In Zug kann also niemand den Zug verpassen.

Doch gemach. Steigfreudige können sich den Turmschlüssel holen, um von hoher Warte über die Dächer der über 500 Jahre alten Häuser Richtung See zu schauen oder ins Altstadtzentrum mit dem Hotel „Ochsen“ von 1544, eine echt feine Adresse.

Neben netten Designerlädchen in den Altstadtgassen kann Zug auch mit gelungener Moderne punkten, insbesondere mit dem weißen Komplex Grafenau, errichtet 1992 bis 2000, direkt am Bahnhof. Der wiederum wurde bis 2003 bestens modernisiert und ist wegen seiner farbigen Lichtinstallationen nach Einbruch der Dunkelheit bekannt. Tagsüber lockt die bahnhofsnahe Confiserie Speck, ein Familienbetrieb in der vierten Generation. Lächelnd zeigt Peter Speck eine Zuger Kirschtorte, aromatisiert mit reichlich Kirschwasser, eine Spezialität, aber nicht „jugendfrei“.

Nun Mut anessen für die Fahrt durch den Gotthard-Basistunnel? Nein, das ist völlig unnötig. Eine Frauenstimme vom Band verkündet vorab auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch, dass dieser 57 Meter lange Tunnel der längste der Welt sei und die Fahrt durch ihn circa 20 Minuten dauert. Da die Zugfenster nicht zu öffnen sind, ist rein gar nichts vom Tunnel zu sehen. Doch dort drinnen ist es eh stockdunkel. Mit bis zu 250 Stundenkilometer saust der Zug sanft und vertrauenerweckend durch seine Röhre. Alle reden, lesen oder gucken aufs Smartphone. Niemand wirkt nervös. Dazu besteht wirklich kein Anlass. Wer die Sicht auf die Berge bevorzugt, kann vom 14. April bis 22. Oktober an Wochenenden und offiziellen Feiertagen den Gotthard Panorama Express von Luzern nach Lugano und retour nehmen, wochentags ab 3. Juli bis 20. Oktober.

Beide Züge halten in Bellinzona. Dort strahlt schon die Tessiner Sonne, hier lohnt es sich, ein bis zwei Tage zu bleiben und unter Arkaden auf der Piazza Collegiata gegenüber der Kirche einen Cappuccino zu trinken. Die Palazzi rundherum erzählen von früheren reichen Adelsfamilien. Bellinzona war ein wichtiger Handelsplatz. Die zum Greifen nahe Festung Castelgrande kündet auch von ihrer strategischen Bedeutung.

Wallfahrtskirche hoch über der Stadt

„Bellinzona ist der Schlüssel zu den Alpen und für die aus dem Norden das Tor zum Süden“, betont Stadtführerin Carolina Peter und stapft hinauf zur Burg. Mächtige Türme, Mauern mit Schwalbenschwanzzinnen, Gänge mit hohen Stufen – eine Bilderbuchfestung im schmeichelnden Abendlicht. Der Blick geht hinüber zum Schloss Montebello und weiter zum kleinen Sasso Corbaro. Eine Dreier-Verteidigungskette, in dieser Art einmalig und seit 2000  Unesco-Weltkulturerbe.

Mit dem neuen Ticino-Ticket, das den Gästen bei der Übernachtung in Hotels, Jugendherbergen und auf Campingplätzen ausgehändigt wird und Gratis-Bahnfahrten beinhaltet, verlockt zu Ausflügen, beispielsweise ins fast mediterrane Lugano. Der tiefblaue Luganer See lockt dazu, am Ufer entlangzuspazieren und dann bei „Vanini“ auf der Piazza Reforma Eis zu schlecken.

Ein Muss ist vor allem das LAC, Luganos im September 2015 eröffnetes Kunst- und Kulturzentrum, geplant von Ivano Gianola, das größte im Kanton Tessin. Wie ein Schiffsbug ragt der mit grünem Marmor verkleidete Bau Richtung See, und der wiederum leuchtet durch die hohen Fenster der Eingangshalle. Drinnen ist viel Platz für Ausstellungen und einen Theatersaal in lichtem Birnenholz mit 1.000 Sitzen. Dennoch ist das LAC ein Kulturbau für alle. Seit seiner Eröffnung verzeichnet Lugano 30 Prozent mehr Gäste.

Bleibt noch ein Abstecher nach Locarno und dort der Besuch der Madonna del Sasso, des bedeutendsten Wallfahrtsortes im Tessin. Hoch über der Stadt und dem Lago Maggiore thronen auf diesem Monte sacro (dem heiligen Berg) das 1480 errichtete Kloster und seine inzwischen üppig barockisierte Kirche mit der verehrten Madonna. Eine Standseilbahn und ein restaurierter Kapellenweg führen hinauf, und schon die Aussicht von dort oben kommt einer Andacht gleich.

Gleich neben der Standseilbahn-Bergstation führt eine Gondelbahn weiter hinauf zum 1.340 Meter hoch gelegenen Cardada. Die hat mitsamt der Tal- und Bergstation Stararchitekt Mario Botta entworfen, und das sieht man ihr auch an. Oben genießen dann die einen die Höhensonne auf der Restaurantterrasse und andere die diversen schönen Wanderwege.

Von Ursula Wiegand


Info:

Stadt Zug: www.zug-tourismus.ch

Confiserie Speck: www.speck.ch

Den Turmschlüssel für individuellen Aufstieg gibt’s in der Wunderbox am Fischmarkt 10, außerhalb deren Öffnungszeiten im Restaurant Intermezzo, www.intermezzo-zug.ch.

Am Montag kann er bei der Bibliothek Zug abgeholt werden

(www.bibliothekzug.ch).

Zum Tessin: www.ticino.ch,

Zum neuen Ticino-Ticket:

www.ticino.ch/de/ticket. Das LAC in Lugano ist montags geschlossen.

Empfehlenswerte Unterkünfte in Bahnhofsnähe sind das Hotel Garden City in Zug www.citygarden.ch und das Hotel Internazionale in Bellinzona, www.hotel-internazionale.ch Gute Küche gibt es dort auch im Restaurant Croce Federale

(www.hotelcrocefederale.ch)

Weitere Infos unter:

www.MySwitzerland.com,

Gratis-Telefonnummer

00800-10020030



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