Ein Stückchen Orient im feurigen Spanien
Ein Stückchen Orient im feurigen Spanien
2. Juni 2017

Im kahlen Umfeld der Sierra Nevada erhebt sich Granada wie eine Oase der Kultur und des Genusses. Die spanische Stadt mit starken maurischen Einflüssen ist vor allem durch die Palastanlage Alhambra berühmt, bietet aber so viel mehr als nur dieses klassische Touristenziel.

Die Abendsonne taucht die sandfarbene Alhambra in weiches Licht. Umsäumt von Bäumen liegt sie eingebettet in der farblich passenden Kulisse der Sierra Nevada. Die riesige Anlage, die über der Stadt Granada thront, ist nicht ohne Grund Weltkulturerbe der Unesco: Die Festung ist einer der bedeutendsten Bauten aus der islamisch-arabischen Zeit, eine Ansammlung von Palästen und die größte profane Anlage dieser Art in Spanien. Den Königen der Nasriden-Dynastie galt sie als Residenz und ist berühmt für ihre beeindruckenden Stuckdecken und den Löwenbrunnen. Obwohl sie als Palast bezeichnet wird, ist sie doch mehr wie eine kleine Stadt für sich. Wohngebäude, Bäder, Werkstätten, ein Münzamt und der prachtvolle Garten müssen hier neben dem eigentlichen Palast auch Erwähnung finden. Der Zahn der Zeit hat aber auch vor der Alhambra nicht haltgemacht und so ist ein Großteil der Gebäude nur noch in Fragmenten erhalten, was aber auch an den zahlreichen Umbauten zur Zeit der christlichen Herrschaft liegt. Die Geschichte der Alhambra geht weit zurück. Bereits unter der Herrschaft der Römer über Andalusien wurden auf den Grundmauern einer vorherigen Festungsanlage im 9. Jahrhundert Teile der heutigen Alhambra errichtet. Der eigentliche Bau der Palastanlage begann dann unter den oben genannten Herrschern und im Besonderen unter der Herrschaft von Mohammed Ibn-Nasr im Jahr 1238. Fokus des Baus war der imposante Turm, der sogenannte Torre de la Vela, der nicht nur einen hervorragenden Blick über die Region bot, sondern auch in den folgenden Jahren vom Kalifen als Sitz benutzt wurde. Anschließend machte man sich an den Bau einer 700 Meter langen Stadtmauer sowie diverser Sommerpaläste wie dem Generalife. Mit dem Machtwechsel kamen auch bauliche Veränderungen auf die Alhambra zu. Die kastilischen Herrscher überbauten viele maurische Paläste mit christlichen Bauwerken. Nichtsdestotrotz ist die Alhambra ein beeindruckendes Bauwerk, das trotz vieler Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte zu Recht Hundertausende Besucher pro Jahr anzieht.

Die Gassen von Albaicín sind wie ein Labyrinth

Einen besonders schönen Blick aus der Ferne auf die Alhambra hat man vom Mirador aus, einem Aussichtspunkt im Stadtviertel Albaicín, das ebenfalls zum Weltkulturerbe der Unesco gehört und ein ehemaliges maurisches Wohnviertel ist. Der Stadtteil zeigt deutlich die Ursprünge der andalusischen Stadt. Bis heute hat er sein typisches maurisches Bild erhalten. Bereits zu Zeiten der Römer, Iberer und Westgoten wurde dieser Stadtteil besiedelt, seine wahre Größe hat er aber unter der Herrschaft der Mauren erreicht. Von deren Bauwerken ist heute leider nicht mehr viel übrig. Eine Entdeckungsreise durch den Albaicín lohnt sich aber allemal, wenn auch nicht ganz ohne Mühe. Wenn man nicht gerade die angebotenen Segway-Touren für Touristen in Anspruch nimmt, muss man die mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Gässchen mit guter alter Muskelkraft aus eigenem Antrieb bergauf erklimmen. Der unregelmäßige Boden und die verschlungenen Gassen sind kennzeichnend für dieses Viertel. Verwirrung stiften war hier Absicht: Um Angreifer abzuwehren, wurden die kleinen Gassen, gesäumt von unzähligen wunderschönen, alten Häusern und bunten, blumenbedeckten Fassaden, als eine Art Labyrinth angelegt. Stundenlang kann man hier durch die Gassen wandern, mal bergauf, mal bergab. Wenn man nicht den Massen folgt, verirrt man sich auch schnell, wenn auch nur kurz. Kleine Plätze, die immer mal wieder plötzlich auftauchen, sind teilweise reich bestückt mit Bars und Restaurants, wie zum Beispiel der Plaza Nueva, der wichtigste Treffpunkt dieses Stadtteils. Tapas-Bars, Diskotheken sowie Restaurants ziehen vor allem abends die Massen an. Aber auch tagsüber ist die Mudejar-Kirche einen Ausflug wert. In ihr werden viele Skulpturen wichtiger andalusischer Bildhauer verwahrt. In Axares sollte man sich das Kloster Santa Catalina sowie die arabischen Bäder ansehen. Wer genug von Sightseeing hat und sich langsam auf den langen Weg bergab begibt, kann gleich bei den Händlern und Handwerkern vorbeischauen, für die Albaicín ebenfalls bekannt ist. Töpferware, Kunstschmiedearbeiten oder auch Lederprodukte gibt es hier en masse.

Die Alcaicería lockt Kauffreudige an

Im Stadtviertel Sacromonte befinden sich die cuevas, die berühmten Wohnhöhlen. Überlieferungen zufolge wurden die Höhlen von sesshaft gewordenen Roma und Sinti errichtet, nachdem diese im Anschluss an die Rückeroberung Granadas durch das katholische Spanien aus der Innenstadt vertrieben wurden. Auch Gitanes, Juden und Muslime, wurden zu dieser Zeit aus der Innenstadt vertrieben und siedelten sich ebenfalls auf dem Berg Sacromonte an. Heute werden die Höhlen hauptsächlich als Zigeunerwohnungen bezeichnet, weil sie im 20. Jahrhundert hauptsächlich von diesen bewohnt wurden. Die Assoziation kalter, ungemütlicher Höhlen, die sich aufdrängt, ist falsch. Die Wohnungen sind gut ausgestattet und entsprechen einem typischen Wohnhaus in Granada. Teilweise finden sich in diesen Höhlen heute Flamenco-Schulen, denn Sacromonte repräsentiert die Hochburg des feurigen Tanzes. Findet man das richtige Fleckchen, hat man auch hier vor allem nachts einen tollen Ausblick über Granada und die mit Scheinwerfern perfekt angestrahlte Alhambra.

Auch für Shoppingbegeisterte bietet Granada allerlei tolle Läden. Neben den klassischen Modeketten in der Hauptstraße, finden sich auch überall Märkte und kleine Lädchen. Besonders einladend für Touristen sind hierbei natürlich die vielen Souvenirläden, in denen man typische Ledertäschchen und -rucksäcke in allen Variationen, orientalische Töpferarbeiten und Holzkästchen, sowie Lederarmbänder und natürlich allerlei weiteren Schnickschnack kaufen kann. Die Alcaicería, der ehemalige Seidenmarkt, sollte von keinem Touristen ausgelassen werden. Zwar finden sich auch hier die typischen, kleinen Lädchen, wie in vielen Teilen Granadas, aber die engen Gässchen, die Düfte und Architektur, lassen beinahe vergessen, dass man sich in Spanien befindet. Im direkten Umfeld des Alcaicería befindet sich die berühmte Kathedrale von Granada. Das fünfschiffige Gotteshaus ist im Renaissancestil errichtet und zählt zu den wichtigsten Bauten des Landes. Die mit Skulpturen verzierte Fassade der großen Kapelle „Capilla Mayor“ sowie die Kapellen an den Seiten gehören zu den eindrucksvollsten Elementen des Kirchengebäudes.

Die maurischen Einflüsse sind in der ganzen Stadt deutlich erkennbar und schaffen eine ungewöhnliche Mischung aus typisch spanisch und fremdartig orientalisch. Tee-Düfte und Shisha-Rauch strömen durch die Gassen ebenso wie der Duft diverser Fischgerichte oder auch Flamenco-Klänge.

Eines kann man in Andalusien und in Granada im Speziellen genießen: Tapas in allen Variationen und Größen. Ein erfrischendes Getränk – spritzig und leicht ist Tinto de verano zu empfehlen: gekühlter Rotwein mit Limonade und frischen Zitrusfrüchten – wird selbstverständlich gleich mit dem kleinen Fingerfood serviert. Von kleinen frittierten Fischchen über spanische Mini-Tortillas, kleine Tintenfischchen bis hin zu – alle Veganer und Vegetarier sollten jetzt nicht weiterlesen – frittiertem Kalbshirn, ist hier alles vertreten. Eines haben aber alle gemeinsam: Lecker ist es immer! Vor allem zu erwähnen ist hier die Tapas-Bar „Los Diamantes“ in der Innenstadt. Dass das Essen dort gut ist, hat sich aber natürlich herumgesprochen und Einheimische und Touristen füllen das Lokal immer bis zum Bersten. Genau wie bei der „Heladería Los Italianos“ an der Hauptstraße, dem besten Eiscafé der ganzen Stadt. Die Schlange ist zwar immer lang, das Anstehen lohnt sich aber allemal.

Mit dem Bus zum Strand nach Salobreña

Zum Frühstück muss jeder Tourist mindestens einmal außerhalb speisen und die köstlichen und herrlich fettigen Churros probieren. Empfehlenswert ist die „Churrería Alhambra Cafeteria“. Zum starken, typisch spanischen Kaffee, der einen bis abends wachhält, gibt es die langen, schmalen Teigstäbe mit Zucker und Zimt, mit Schoko oder ohne – ganz wie man möchte.

Gestärkt kann man so die unglaublich vielfältige Stadt genießen, die Straßenmusiker und die historischen Fassaden und Gebäude. Wer einen Tag auch noch den Strand erleben möchte, kann ganz unkompliziert einfach den Bus nach Salobreña nehmen. Für nur etwa zehn Euro pro Fahrt geht es innerhalb etwa einer Stunde Fahrt, die dank der herrlichen Landschaft wie im Fluge vergeht, direkt in das kleine Örtchen. Der Strand ist zwar nicht der allerschönste in ganz Spanien, aber Meer ist Meer und das Restaurante El Peñón direkt am Wasser allein ist schon einen Ausflug wert. Wer hier zum Mittag- oder Abendessen einkehrt, sollte definitiv die butterzarten Sardinen vom Grill oder die vollmundige kalte Gazpacho bestellen.

Für Genießer und Kulturbegeisterte sowie für Shoppingfreudige ist Granada der perfekte Urlaubstipp in Andalusien. Wer die ganze Stadt in seiner Fülle genießen möchte, sollte Zeit mitbringen und in aller Ruhe die kleinen Gässchen, Restaurants, Bars und Lädchen erkunden.

Rebecca Maaß

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