Grüne Orte putzen sich raus
Grüne Orte putzen sich raus
13. April 2017

Am 13. April öffnet die Internationale Gartenausstellung IGA 2017 in Marzahn-Hellersdorf ihre Pforten. Die Macher erwarten rund 2,4 Millionen Besucher, die sowohl in einer bunten Blütenpracht schwelgen, als auch in naturnahen Bereichen Erholung finden können. Parallel zur IGA kommen die Naturoasen der Berliner Bezirke groß raus.

Berlin hat viel an grünen Freiräumen zu bieten, nach offiziellen Angaben sind rund 44 Prozent des Stadtgebiets Grün- und Wasserflächen. Um die ins rechte Licht zu rücken, bietet die IGA eine hervorragende Gelegenheit. In der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat man sich daher entschlossen, das Netzwerk „Berlins Grüne Orte“ zu etablieren. Es stellt mehr als 80 Grün- und Waldflächen in ganz Berlin vor, die in enger Zusammenarbeit mit den Berliner Bezirken ausgewählt wurden. „Die IGA dauert 186 Tage, aber die Berliner sind 365 Tage im Jahr in der Stadt. Grün findet jederzeit und überall statt“, erklärt Ursula Renker, bei der Behörde Gruppenleiterin für die „Gestaltung des öffentlichen Grüns“. Mit den Grünen Orten wolle man das Berliner Stadtgrün im Rahmen der IGA mit abbilden. In einem langen Prozess mit den Grünflächenämtern und weiteren Akteuren wie dem Botanischen Garten habe man herausgearbeitet, welche sehens- und erlebenswerten grünen Orte es in der Metropole gibt. Der Gedanke dahinter: Mit der IGA präsentiert sich die ganze Stadt, umgekehrt zeigt sich die IGA mit den grünen Orten nun auch an den verschiedensten Stellen der Stadt.

Die Bezirke entscheiden selbst, welche grünen Orte sie ausweisen, sie betonen damit: „Das ist eine Grünanlage, die uns besonders am Herzen liegt“. Hilfreich gewesen sei laut Renker das unabhängig von der IGA laufende EU-Förderprogramm BENE (Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung). Eine Sonderförderung darin berücksichtigt auch Grünanlagen unter sozialen und klimatischen Aspekten. Manch ein grüner Ort konnte davon profitieren und aufge-wertet werden.

In einigen Grünanlagen oder Parks weisen Schilder darauf hin, dass es sich um einen grünen Ort des Netzwerks handelt. Genau wie das IGA-Gelände soll auch das Grüne-Orte-Netzwerk dauerhaft Bestand haben. „Gerade in der wachsenden Stadt ist der Erhalt grüner Freiflächen sehr wichtig, in der Konkurrenz etwa mit dem Wohnungsbau dürfen sie nicht untergehen“, so Renker. Die Anlagen des Netzwerks seien sehr unterschiedlich und haben unterschiedliche Zielgruppen. Von der historisch-barocken Parkanlage bis zur urbanen Wildnis sei für jeden Geschmack etwas dabei. Zwei Beispiele: Im Naturpark Südgelände auf dem Gelände des früheren Rangierbahnhofs Tempelhof hat die Natur Vorrang: Nachdem die Reichsbahn das Südgelände 1952 aufgegeben hatte, geriet es jahrzehntelang in Vergessenheit. Die Natur eroberte sich das Terrain zurück, es bildete sich ein ungewöhnlich artenreiches Biotop. 1999 wurde ein Drittel des Geländes als Naturschutzgebiet, der übrige Bereich als Landschafts-schutzgebiet ausgewiesen. Im Jahr darauf konnte der „Natur-Park Schöneberger Südgelände“ eröffnet werden. Wuchernde Natur und verfallende Eisenbahntechnik befinden sich in glücklicher Balance, Kunstobjekte aus rostigem Stahl setzen Akzente. Behutsam haben die Planer das Leitbild „Dynamik und Konstanz“ umgesetzt: Der Pflanzenbestand wurde integriert, bahntechnische Relikte blieben erhalten. Ein Gefüge aus offenen Lichtungen, Hainen und geschlossenen Baumbeständen macht einen Besuch zu jeder Jahreszeit lohnend: Im Frühling blühen Obstbäume und Wildrosen, im Sommer entfaltet der artenreiche Trockenrasen seine Pracht, im Herbst leuchten Hagebutten, Sanddornbeeren und buntes Laub um die Wette.

Den Spaziergänger überraschen mal eine stillgelegte Dampflok, mal eine Tunnelröhre. Alles wird überragt vom Wahrzeichen des Parks, dem Wasserturm. Einen Hauch von Nostalgie verbreiten alte Wasserkräne, Lichtmasten und Schienenstränge. Auch die Brückenmeisterei und die Lokhalle legen Zeugnis ab von der Geschichte des Orts. Seltenheitswert besitzt die noch funktionsfähige Drehscheibe, eine der ältesten Deutschlands.

Der Natur-Park hat etwas Geheimnisvolles an sich und spricht auf besondere Weise die Sinne an: So mancher, der mit offenen Antennen durch die engen Wege streift, wird zwischen den Bäumen und Ruinen Feen und Kobolde entdecken. Die Wege durch den Park folgen dem Verlauf der alten Schienenstränge.

Ein Rundweg von 2,7 Kilometern erschließt die Technikbauten und das Naturschutzgebiet. Der Natur-Park soll den Besuchern in erster Linie Ruhe, Erholung und Information bieten.

Ganz anders das Tempelhofer Feld. Hier ist richtig Platz, hier ist Action pur angesagt. Kite-Surfen, Skaten, Joggen, Fußballspielen – jeder kann nach seiner Façon selig werden. Auf abgegrenzten Arealen dürfen Hundebesitzer ihre Lieblinge von der Leine lassen, in anderen Bereichen grillen türkische Großfamilien mit deutschen Biercliquen um die Wette. Und wieder woanders wühlen urbane Gärtner glücklich in Pflanzkisten und freuen sich an selbst gezogenem Stadtgemüse.

Das rund 220 Hektar große Gelände hält, was es vor allem verspricht: Freiheit. Dieses Gefühl, dass hier eigentlich alles möglich ist, liegt nicht zuletzt an der unglaublichen Weite. Wo sonst kann man in einer dicht besiedelten Großstadt kilometerweit gucken? Wo sonst wird man so vom frischen Wind durchgepustet? Das bunte und leicht chaotische Treiben macht einfach Spaß. Damit das so bleibt, haben 2014 die Berliner per Volksentscheid bestimmt, dass der geschlossene Flughafen nicht bebaut werden darf.

Früher ging es hier eher zackig zu. Schon 1722 ließ der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. den Acker zum militärischen Parade- und Exerzierplatz der preußischen Armee umfunktionieren. 1923 wurde er zum Flughafen, dem in den 30er-Jahren das gigantische Flughafengebäude angegliedert wurde. Vor allem für eingefleischte Ur-Westberliner hat das Gelände bis heute Kultstatus: Während der Berlin-Blockade 1948/49 landeten hier die sogenannten Rosinenbomber und versorgten die Bevölkerung. Ein kleiner unscheinbarer Vogel macht das Tempelhofer Feld auch unter ökologischen Aspekten wertvoll: Die Feldlerche hat hier ihr größtes Brutgebiet Berlins. Im Frühling sind daher große Teile gesperrt. Das tut der Freude keinen Abbruch, schließlich ist ja genug Platz für alle da.

Ute Bauer


Info:

Die Agentur Runze und Casper hat einen Reiseführer zum Thema herausgebracht: „Berlins Grüne Orte: Reiseführer durchs Berliner Stadtgrün“; Berlin 2016, 18,90 Euro.



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