Im Zeichen des Donnerdrachens
Im Zeichen des Donnerdrachens
6. Januar 2017

In Bhutan ist das Wohlbefinden des Volkes wichtiger als das Wirtschaftswachstum. Die Menschen sollen glücklich sein, und das sind sie wohl auch, weil das kulturelle Erbe des Landes bewahrt wird.

Der Mann im Rock – das kennt man ja schon aus Schottland. Trotzdem kleben die Augen an den Männern. Am staatlichen Reiseführer Sonam Phuntsho etwa. Er lächelt freundlich und begrüßt die Reisegruppe mit Handschlag. Die Blicke der Gäste verfangen sich in seinem Kleid, das an einen knielangen Bademantel mit weißen Arm-Stulpen erinnert, sie stolpern hinunter zu den Waden, die eingezwängt wie in Stützstrümpfen verharren und bleiben an den Schuhen hängen. Sonam trägt dazu die blank geputzten Slippers eines englischen Gentlemans. Wer hat sich diese Mode nur ausgedacht? In Bhutan hat sozusagen keiner die Hosen an. Nicht mal der König. Männer tragen einen vertikal gestreiften „Gho“ und Frauen eine horizontal gestreifte „Kira“, eine Art Wickelrock, der bis zu den Knöcheln reicht. Einfarbige und karierte Stoffe sind für beide Geschlechter.

Im Land des Donnerdrachens sind Gho und Kira nicht einfach Kleidungsstücke. Sie sind Teil der Staatsphilosophie. Deren oberster Grundsatz lautet: Das Wohlbefinden des Volkes ist wichtiger als das Wirtschaftswachstum. Der König schickte in den 80er-Jahren Beamtenhorden durchs Land, um die Bevölkerung nach ihrer Befindlichkeit zu fragen. Aus den Antworten entwickelte er die „Grundpfeiler des Glücks“. Dazu gehört eine gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, Umweltschutz (60 Prozent des Landes müssen heute aus Wald bestehen) und die Bewahrung des kulturellen Erbes wie den alten Baustil mit seinen kunstvoll geschnitzten Fensterstürzen oder eben die bhutanische Tracht. Für Personen mit staatlichen Berufen wie Reiseleiter ist sie sogar Pflicht.

Staatsdiener tragen tracht

Am nächsten Tag laufen die meisten Bhutaner in Tracht herum. Denn der vierte König Jigme Singye Wangchuck feiert seinen Geburtstag. Obwohl dieser das Amt bereits an seinen Sohn Jigme Khesar Namgyel abgegeben hat, wird er im ganzen Land noch sehr verehrt. Sein Konterfei und das seines Sohnes prangen auf Fahnen, die aus den Fenstern wehen, auf Straßenschildern und auf Stickern am Gho. Sonam hat ein graues Feiertagsgewand angezogen, dazu, ups, Wanderschuhe. Er fährt mit seiner Gruppe in die Hauptstadt Thimphu. Dort sind die Häuser mit blinkenden Leuchtdioden geschmückt. Am Uhrturmplatz warten Einheimische auf die Eröffnungsrede und den Schneeleopardenkostümtanz. Kinder halten Luftballons mit der Aufschrift „Long live his majesty“. An jeder Ecke riecht es anders, mal nach gebratenem Huhn, dann nach Mottenkugeln, oder es steigt der strenge Geruch von zerkauten Betelnüssen in die Nase. Mönche in roten Roben und mit Einkaufstüten und Smartphones in den Händen schlappen über die Straße, die an diesem Tag für Autos gesperrt ist. Der Mann, der normalerweise den Verkehr auf der Kreuzung aus einer Art überdachtem Laubenhäuschen regelt, hat heute frei.

Auf einem Sportplatz erwartet die Zuschauer eine große Parade. Hier stecken auch die Kinder in Gho und Kira und sehen darin merkwürdig erwachsen aus. Ein Ordnungshüter in Warnweste verteilt den Liedtext für die Geburtstagshymne. Die Bhutaner feiern nicht mit Karussells und Imbissbuden. Stattdessen marschieren Studenten auf den großen Platz. Mit patriotischer Begeisterung schwenken sie Staatsfahnen und Geburtstagsgrüße. Der Nationalstolz, – gepaart mit Angst vor Überfremdung – ging in den 90er-Jahren schon mal so weit, dass nepalesische Flüchtlinge, die sich weigerten, die bhutanische Kleidung zu tragen, aus dem Land vertrieben wurden.

Erst seit 1974 öffnete sich Bhutan überhaupt für Fremde – für einen nachhaltigen Tourismus. Unter dem Motto „Klasse statt Masse“ können Urlauber ausschließlich mit Guide das Land erkunden und zahlen einen festgelegten Mindestbetrag von zurzeit 250 Dollar am Tag. Darin ist jedoch alles enthalten: Hotel, Mahlzeiten, Transport und auch die Eintritte. Zum Beispiel für den Besuch des Tigernestes. Die Tempelanlage wurde auf 3.000 Meter über dem Meeresspiegel in eine steile Felswand gezimmert und ist eines der bedeutendsten Pilgerziele im Himalaya. Oder den Punakha Dzong, die ehemalige Winterresidenz bhutanischer Könige im malerischen Punakha-Tal.

Für die Besichtigung der 21 Tempel mit filigran verzierten Giebeln legt sich Sonam einen weißen Schal mit Fransen um, wie es bei offiziellen und religiösen Anlässen Sitte ist. Die Farbe der Zeremonienschals kennzeichnet die Funktion einer Person in der Gesellschaft. So tragen Minister einen orangefarbenen Schal, Richter einen Grünen. Der safrangelbe Schal ist allein dem König vorbehalten.

Draußen ist es heiß geworden. Sonam steht der Schweiß auf der Stirn. Dabei soll es jetzt noch hoch zum Tempel Khamsum Yulley Namgyel gehen. Er schält seinen Oberkörper aus dem Gho, streift die Ärmel herunter und stopft sie sich in den Rockteil. In der ausladenden Stoff-Falte vor dem Bauch hat man früher den Dolch gesteckt. Heute bringt Sonam darin sein Tablet unter. „Es ist der größte Rucksack der Welt“, lacht er. Dann setzt er eine verspiegelte Sonnenbrille auf, die sein Gesicht in Richtung Moderne katapultiert. Die Wanderung führt über eine mit Gebetsfahnen umflatterte Hängebrücke, durch Reisfelder und Kiefernwald. Oben angekommen hat man eine Panoramasicht ins Tal, wo sich der Fluss Pho entlang bewaldeter Bergkämme schlängelt, die wie Dinosaurier-Rücken im dunstigen Sonnenlicht liegen. Am Horizont lugt die Spitze des 7.194 Meter hohen Masang Gang hervor. Auf dem Rasen vor der Stupa hocken Schulkinder in grüner Uniform im Kreis und essen ihren Pausenreis – ein Ausflug zu Ehren des Königs. „Bist du glücklich in deinem Land?“, fragt ein Mädchen in grüner Schuluniform „Geht so, wir arbeiten zu viel.“ „Ich bin glücklich“, entgegnet die Kleine, deren Name akustisch aus einer Aneinanderreihung von Konsonanten besteht. „Mein Lieblingsland ist Deutschland. Dort gibt es viele Jobs“ – es kommt rüber wie auswendig gelernt.

„Bist du glücklich in deinem Land?“

Ist hier wirklich jeder glücklich? „Diejenigen, die es sein wollen, sind es“, sagt später Robin, der Guides in Bhutan ausbildet. Vor dem Kiychu Lhakhang Tempel in Paro wartet er, dass die Urlaubergruppe herauskommt. Er will ein paar Butterlampen anzünden und mag es lieber, wenn er dabei allein ist. Mit der Brille auf der Nase erinnert er an Puck, die Stubenfliege. „Natürlich gibt es immer Menschen, die nicht wollen. Aber wieso sollten wir uns beklagen? Wir zahlen nichts für Gesundheit und Bildung. Unsere Häuser sind versichert. Und wir haben viel Zeit. Wenn wir sie an westliche Länder verkaufen würden, wären wir nicht nur glücklich sondern auch sehr, sehr reich.“

Dass die Hektik der westlichen Welt im Land des Donnerdrachens noch nicht angekommen ist, spürt man auch auf dem „Highway“. Während eines Staus ist Zeit für ein Schwätzchen auf der Leitplanke. Dort sitzt Bauer Gomchen. Einmal im Jahr nimmt er sich einen ganzen Tag Zeit und fährt von Rukubji über die Grenze nach Indien, um dort Kartoffeln zu verkaufen. Er hat einen (selbstverständlich vertikal) gestreiften Gho an. Auf dem Kopf sitzt eine Kappe zum Schutz vor der Sonne. Inzwischen hat man sich an das bhutanische Outfit gewöhnt. So sehr, dass die jungen Männer neben ihm nun merkwürdig auffallen: Sie tragen Jeans und T-Shirt. Doch zum Glück rückt einer von ihnen das Bhutanbild schnell wieder zurecht, indem er gesteht: „Ich habe zu Hause etwa 30 verschiedene Trachten im Schrank“.

Von Monika Hippe



Info:

Anreise: Mit Lufthansa von München bis Delhi für etwa 519 Euro, weiter mit Buthan Air ab etwa 600 Euro (www.bhutanairlines.bt) oder mit Druk Air ab 560 Euro (www.drukair.com)

Wohnen & Schlafen: Das Meri Puensum Resort liegt in Punakha. Doppelzimmer ab 37 Euro. Weitere Infos unter www.meripuensum.bt

Luxuriöser wohnt man im Hotel Druk in Thimphu direkt am Uhrturmplatz. Doppelzimmer ab 110 Euro. Weitere Infos unter www.drukhotels.com

Veranstalter: Weltweitwandern bietet zum Beispiel eine 18-tägige Reise durch Bhutan, Sikkim und Darjeeling ab 4.190 Euro an. Weitere Infos unter www.weltweitwandern.at

Ausflugstipps: Ein Muss ist der Besuch des „Tigernestes“ (Taktshang). Die Tempelanlage gehört zu den wichtigsten Pilgerorten im Himalaya.

Auch der Punakha-Dzong ist sehr sehenswert. Hier lagert der größte Thondroel – Ein Wandbild gefertigt aus 6.000 Meter Seidenbrokat.

Weitere Infos: Allgemeine Auskünfte unter www.visitbhutan.com

Die Reise wurde unterstützt von www.weltweitwandern.at




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