Irlands sandiger Süden
Irlands sandiger Süden
13. April 2017

Südlich des zur lebenswertesten Kleinstadt der Welt gekürten Clonakilty zeigt sich Irland vergleichsweise unirisch. Auf der Inchydoney-Halbinsel locken lange Sandstrände. Und ein Aktivprogramm erster Klasse.

Steile Küsten, Pubs und Keltenkultur – dieses Trio haben viele vor Augen, wenn es um Irland geht. Ob sie nun schon da waren oder nicht. Die dazu passenden Aktivitäten: wandern, singen, staunen. In der Grafschaft West Cork im Süden der grünen Insel gehören mitunter noch andere Tätigkeiten zum Standardprogramm: Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, lange Strandspaziergänge machen – und baden. „Feinster Sand in den Dünen, flaches und sauberes Wasser, für das die blaue Flagge steht, und obendrein viel Platz: Meiner Meinung nach sind die Strände der Inchydoney-Halbinsel die familienfreundlichsten von ganz Irland“, sagt einer, der schon Dutzende, überwiegend felsige und kiesige Strände kennengelernt hat: Joshua Ruberman. Der Schreiner aus England reist seit Wochen durchs Land, stets auf der Suche nach dem idealen Spielplatz für seine vier und acht Jahre alten Kinder. „Was ich hier als Erwachsener obendrein schätze, ist das umwerfende Panorama!“

Drachenflieger, Kiter und Sonnenanbeter tummeln sich hier

Die rund eineinhalb Kilometer breite Bucht wird von sanften Felsen und grünen Wiesen begrenzt, im Hintergrund der Strände umfließen breite Priele die mit sandigen Dünen bestückte Halbinsel. Die zum Teil mit kleineren Booten befahrbaren Wasserarme reichen, zumindest bei Flut, teils bis zum ein paar Kilometer landeinwärts liegenden Städtchen Clonakilty. Die Krönung aber sind die breiten Sandstrände an der Spitze der Halbinsel. Bei Wind tummeln sich hier Drachenflieger und Kiter, bei Flaute Sonnenanbeter, Jakobsmuschelsucher und Schwimmer. Und selbst jetzt, wo sich Nieselregen und mittägliche Sonne  ständig abwechseln, ist einiges los am Strand. Man fühlt sich fast wie bei einem Ali-Mitgutsch-Wimmelbild, mit durchaus konträren Motiven. Denn während manch Übervorsichtiger – aus Deutschland? – seine Hightechjacke zuknöpft, hüpfen nur ein paar Meter weiter Kinder in den mit rund 18 Grad zugegebenermaßen eher frischen Atlantik.

Wieder etwas weiter werfen sich Jugendliche mit Neoprenanzug und Surfbrettern in die Wellen. An wenigen anderen Plätzen wartet ein derart attraktives Angebot für Bodysurfer, es gibt mehrere Kursanbieter vor Ort. Was es noch zu bestaunen gibt: Spaziergänger mit Hund, Jogger in kurzen Hosen, eine Gruppe Reiter am Strand.

Die bunte Szenerie lässt sich trefflich vom „Inchydoney Island Lodge & Spa“ beobachten, das erhaben zwischen den beiden Strandabschnitten thront. Die im Eingangsbereich zahlreich angebrachten Auszeichnungen hat sich das Hotel aber nicht nur durch die Toplage verdient, sondern auch durch den vor einigen Jahren aufgepeppten Spa-Bereich, das Michelinstern-gekrönte „The Gulfstream Restaurant“ und ein maritimes 20er-Jahre-Ambiente. Gut zu wissen: Nicht nur für Hotelgäste ist das Viersternehaus ein lohnenswertes Ziel, sondern auch für Tagesausflügler. Der volle Parkplatz und das volle Terrassencafé zeugen davon.

Wo es Einheimischen gefällt, ist für Individualreisende mit Sinn für authentische Erlebnisse meist ein guter Indikator. Und die Iren lieben die Gegend hier. Zum Beispiel Deaglan, der mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Dublin in die Gegend von Clonakilty gezogen ist. Was auch soziale Konsequenzen hat, meint er. „Wenn du in so einer schönen Gegend lebst, kommen ständig Freunde vorbei.“ Ein weiterer Vorteil für Deaglan: Er kommt viel in die Natur. Vor allem zum Seakayaken, seine große Leidenschaft. Für seinen Chef Jimmy Kennedy, der nach seiner aktiven Profikarriere in der Kayaknationalmannschaft die Outdooragentur „Atlantic Sea Kayaking“ gegründet hat, begleitet er manchmal Gäste. „Ich muss ein wenig schmunzeln, wenn ich behaupte, das sei Arbeit.“ Zumindest ist der Arbeitsplatz stimmungsvoll. Im etwas abgelegenen Reen Pier, das nur über eine brombeerumrankte Straße erreichbar ist und ein paar Kilometer von Unionhall und dem schnuckeligen Glandore entfernt liegt, lässt er die rund vier Meter langen, robusten Kayaks ins Wasser. „Der Einstieg hier ist ideal. Familien mit Kindern und Anfänger lotsen wir in den einige Kilometer langen Inlandfjord, wo es keine Gezeiteneinwirkung gibt und keine Wellen. Mit allen anderen fahren wir aufs Meer hinaus.“ So wie mit mir. Sanft geht es los, vorbei an dahinschwimmenden Segelbooten, einigen Anglern und ehrwürdigen englisch anmutenden Häusern. Nach einer Viertelstunde wird es am Ufer einsamer, in meinem Boot feuchter. Offenbar hab ich das Paddel zu schwungvoll in die nun etwas bewegtere See gestochen und mich ordentlich nass gemacht. „Den meisten geht es so“, tröstet mich Deaglan. „Und die meisten spüren die Anstrengung eher in den Beinen als in den Armen.“ Ich auch. Abwinkeln geht ja auch nur bedingt, dadurch wird das Boot instabiler. Doch angesichts der Szenerie werde ich gut abgelenkt. Hier mache ich einen Abstecher zu einer kleinen Höhle, die so schmal ist, dass man in ihr nicht wenden kann, sondern wieder rückwärts rauspaddeln muss. Dort liegen eine vorgelagerte Insel und haushohe Klippen, saftig grüne Wiesen mit Schafen – Irland wie aus dem Bilderbuch.

Dutzende Waldwege im Hinterland und am steilen Meer entlang

Die drei Stunden mit Deaglan kommen mir vor wie ein ganzer Tag – nicht nur, was meine ab und an krampfenden Beine anbelangt, sondern auch den Genuss- und Infofaktor. Er erzählt von Jasper Winn, der hier startete, um Irland per Kayak zu umrunden, was er in einem Buch niederschrieb. Von Bauern, die bis vor einigen Jahren noch Kühe, Schweine, Schafe durch die rund 500 Meter breite Meerenge getrieben haben, damit sie auf einer kleinen Insel grasen konnten. Von Delfinen, die sich mitunter ganz nah an die Seakayakfahrer herantrauen. Etwas weiter draußen ziehen gar Orcas ihre Bahnen, womit die in der Nähe startenden Waltour-Boote werben. Und er erzählt von kriegerischen Spaniern, die einst vor der Küste lagerten, aber aufgrund des dichten Nebels von einer Invasion Abstand nahmen.

Wenn heutzutage schlechtes Wetter ist, muss man von einem Aufenthalt nicht Abstand nehmen. Das kleine Städtchen Clonakilty ist auch dann hübsch. Vor allem sein Modelleisenbahnmuseum, seine allseits für seine hochwertigen musikalischen Auftritte gelobten Pubs und seine putzigen Läden, bei der das gute Gewissen mit einkaufen gehen kann. Clonakilty ist nämlich Fair-Trade-Town, Irlands erste.

Was den 4.000-Seelen-Ort noch einzigartig macht: 2001 gewann er beim LivCom-Award den Titel „Lebenswerteste Stadt der Welt“ in der Kategorie „Orte bis 20.000 Einwohner“. Zu diesem Erfolg trug auch die lebenswerte Umgebung bei. Neben Inchydoney warten da nämlich noch Dutzende Wanderwege durchs Hinterland und am steilen Meer entlang, einer führt zum keltischen Ringfort Lios-na-gCon in Darrara. Kurz: Wer unter seinem Irlandaufenthalt Pubs, Wandern und Keltenkultur versteht, findet diese Bilder rund um Clonakilty eben auch.

Christian Haas



Info
Generell: Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt am Main
Telefon 069-66800950, www.ireland.com

Speziell: Inchydoney Island Lodge & Spa, Clonakilty
Telefon 00353-238833143, www.inchydoneyisland.com
DZ/F ab 158 Euro

Anreise: Das rund 50 Autominuten entfernte Cork wird von Aer Lingus und British Airlines angeflogen. Es bestehen häufige Verbindungen zu allen großen deutschen Flughäfen

Atlantic Sea Kayaking: www.atlanticseakayaking.com







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