Kanada: Bei Eremiten, Künstlern und New-Age-Jüngern
Kanada: Bei Eremiten, Künstlern und New-Age-Jüngern
4. August 2017

Die Southern Gulf Islands vor der Küste von British Columbia bieten herrliche Natur, schöne Strände, leckeres Essen. Und sie trumpfen noch mit einer Besonderheit auf: einer hohen Anzahl schräger Inselbewohner, die man einfach kennenlernen muss.

Hey, du hast ja noch gar kein Instrument. So kommst du mir hier nicht rein!“, schimpft der Mann mit den schlohweißen Haaren, den pechschwarzen Augenbrauen und dem knallbunten Hawaii-Hemd kopfschüttelnd. Dann drückt er der verdutzten Frau einen Schellenkranz in die Hand und lässt sie erst danach in den quietschgelben ehemaligen Schulbus einsteigen. Da ahnen die meisten Passagiere schon: Diese Fahrt wird anders! Der Mann im Hawaii-Hemd klettert hinters Steuer und schaltet die Lautsprecher ein. „Ich bin Tommy Transit. Willkommen im Magic Bus“, ruft er gut gelaunt. Und dann beginnt die wohl ungewöhnlichste Busfahrt, die man sich vorstellen kann. Als erstes legt Tommy Musik ein – Johnny Cash, Sammy Davis Jr. oder Aretha Franklin. Songs, die alle mitsingen können. Während er auf gespielt halsbrecherische Art die Kurven der kleinen Insel schneidet, drischt er was das Zeug hält auf Trommeln, Becken und andere Percussioninstrumente ein, die er über dem Fahrerspiegel angebracht hat.

Ein exzentrischer Busfahrer und Hobby-Comedian

21 Jahre lang war Tommy ein ganz normaler Busfahrer im Stadtverkehr von Vancouver. Bis er eines Tages anfing, mit den Fahrgästen zu plaudern, Anekdoten zu erzählen und Scherze zu machen. Schnell wurden Radiostationen und Fernsehsender auf ihn aufmerksam. Heute ist Tommy eine Institution auf Galiano Island, einem der vielen Inselchen in dem Meeresarm zwischen Vancouver Island und der Küste von British Columbia. Hier fährt er den „Hummingbird Inn Pub Bus“, der halbstündlich zwischen lokalem Pub, Marina und Campingplatz verkehrt. Eine Inselrundfahrt der etwas anderen Art. Während die Meute bald fröhlich grölend und klatschend die Musik untermalt, erzählt Tommy Geschichten zur Insel und ihren Einwohnern. So erfahren die Fahrgäste zum Beispiel, dass das verwunschen aussehende kleine Häuschen im Wald da hinten ein Restaurant beherbergt, dessen Küchenchef schon im „Noma“ in Kopenhagen gearbeitet hat, das bereits viermal als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnet wurde. „Seitdem könnt ihr bei Jesse fermentierte Gerstengrütze, Kartoffeln in Seetang-Öl und Gurken-Kefir essen. Wir sind schrecklich stolz auf ihn!“, prahlt Tommy.

Der exzentrische Busfahrer und Hobby-Comedian steht exemplarisch für eine bestimmte Spezies: nämlich die der leicht verschrobenen Inselbewohner. Den Southern Gulf Islands, zu denen Galiano zählt, verleihen die schrägen Vögel jedenfalls einen unvergleichlichen Charme. Ob Inseln eine besondere Sorte Mensch anziehen? Immerhin befand der kanadische Folkmusiker Valdy einst: „Die Golf-Inseln sind nur eine Anhäufung von Meinungen umgeben von Wasser.“ Befragt man dazu die Künstlerin Marcia de Vicque, die 2003 von Alberta nach Galiano zog, hier herrliche Glasobjekte kreiert und Teil der Insel-Atelier-Tour ist, dann nickt sie lachend. „Die Einheimischen hier haben schon einen leichten Knall“, stimmt sie zu und verschweigt, ob sie sich dabei selbst mit einschließt. „Es ist hier ja ohnehin recht einsam“, führt sie weiter aus, „aber manchen wäre es am liebsten, wenn nicht mal die Fähre anhalten würde um Urlauber auszuspucken.“ Pech gehabt. Von Vancouver aus lassen sich die Southern Gulf Islands ganz bequem mit der Autofähre von BC Ferries bereisen.

Idealerweise beginnt man im kleinen Galiano, das vom Festland aus am besten zu erreichen ist und grade mal 1.200 Einwohner hat, aber die größte Pro-Kopf-Dichte an Künstlern in ganz British Columbia. Von dort arbeitet man sich auf das schon etwas größere Pender Island vor. Auch hier fühlen sich viele Künstler heimisch, doch Pender ist vor allem was für Naturfreunde. Das 36 Quadratmeter große Eiland verfügt allein über 60 Wander- und Spazierwege, viele davon ein Teil des Gulf Islands National Parks.

Besonders märchenhaft mutet die Runde um den Roe Lake an, der einzige unberührte, natürliche Süßwasser-See der Insel. Zahlreiche Wasserpflanzen bedecken die Oberfläche. Das felsige Terrain am Ufer hüllt sich in Moose und Flechten. Kleine Wildblumen stecken ihre Köpfe hervor. Und dann taucht plötzlich ein Wald voller Nadelbäume auf, der knietief im schimmernd grünen Wasser badet. Das einzige, was fehlt, um die Märchenlandschaft perfekt zu machen, sind kleine Feen und Elfenwesen, die durch die Luft tanzen. Eine prominente deutsche Bewohnerin hat Pender Island übrigens auch. „Katerina Jacob lebt hier“, erzählt der rotblonde Curtis Redel, der mit seinen stylischen Retro-Wohnwagen und Airstreamers die vielleicht coolste Übernachtungsmöglichkeit der Insel bietet. „Ist die nicht eine bekannte Schauspielerin bei euch?“ Ja, doch. Das ist doch die Frau, die jahrelang an der Seite von Ottfried Fischer im „Bullen von Tölz“ eine Kommissarin gespielt hat! Die wohnt auf Pender? „Ja, manchmal trifft man sie im Café an der Hope Bay. Ein Buch über die Insel hat sie auch geschrieben“, antwortet Curtis, und dann entschuldigt er sich, weil das Wetter so schön ist und er unbedingt noch auf den Mount Norman rauf muss, der mit 244 Metern höchste „Berg“ der Insel. Von hier hat man einen umwerfenden Blick über die umliegenden Inselketten.

Der höchste „Berg“ misst 244 Meter

Auch das nächste Ziel der Island-Hopping-Tour lässt sich von hier gut ausmachen: Salt Spring Island ist mit Abstand die größte der südlichen Golf­inseln. Nach der beschaulichen Ruhe von Galiano und Pender wirkt Salt Spring mit seinen 15.000 Einwohnern fast schon rummelig. Es gilt als Gastro-Zentrum dieser kleinen pazifischen Inselwelt. Drei Weingüter liegen hier dicht beieinander, zwei Käsereien gibt es, unzählige Bio-Bauern, einen Lavendel-Farmer und natürlich ein buntes Potpourri an schicken Restaurants, Bistros und Cafés. Essen ist definitiv eine ernstzunehmende Beschäftigung, der hier von jedem Besucher die nötige Zeit beigemessen werden sollte. Auch Shopping-Freunde kommen auf ihre Kosten. Neben den vielen Boutiquen, Galerien und Krimskrams-Lädchen hat der große Samstags-Markt im Hauptort Ganges besondere Strahlkraft. Da präsentiert sich nicht nur die ganze Produktpalette der Insel – neben all den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Backwaren, Wein und Ethno-Küche gibt es vor allem Kunst und Kunsthandwerk jeder Art. Nein, hier kommt auch der Aussteiger- und Hippie-Charakter des Eilands so richtig schön zur Geltung. Junge Leute mit Rastazöpfen und Batik-T-Shirts spielen Straßenmusik. Frauen in Walla-Walla-Kleidern verkaufen Esoterikbücher.

Aussteiger- und Hippie-Charakter

Ein Typ mit langem grauem Rauschebart und grüner Wollmütze spricht zwei junge Mädels an: „Wollt ihr das achte Weltwunder erleben? Wollt ihr eine Reise in die Vergangenheit unternehmen?“ Erst verunsicherte Gesichter, dann ein zögerliches Nicken. „Gut, dann schicke ich euch in die 60er-Jahre“, sagt das kleine Männlein, das sich mit seinem New Age-Namen „Palu Rainbowsong“ vorstellt. Die beiden Mädels müssen die Augen schließen, das Gesicht der Sonne zugewandt. Jetzt zieht das Männlein einen Bogen hervor, in dessen Mitte er ein Stück Holz gespannt hat, in dem sich zwei Löcher befinden. Er hält den Mädels das Holz vors Gesicht, spielt dazu Didgeredoo, das Holz gerät in Schwingung, die Sonne fällt durch die Löcher. Das erzeugt bunte, flackernde Lichtreflexe auf der Netzhaut. Nach ein paar Minuten fragt Palu stolz: „Na, wie waren die 60er?“ Die Mädels kichern. „Wie ein LSD-Trip ohne LSD!“, antworten sie und drücken Palu ein paar Münzen in die Hand. Schön zu sehen, dass die Spezies verrückter Inselbewohner auch in Salt Spring keinesfalls auf der Liste der gefährdeten Arten steht.

Mittlerweile ist es Abend geworden. An der Waterfront versammeln sich die Ausgehwilligen. Im „Tree House Café“ am Hafen spielt die Rockband „Happy Daze“ gegen die Bossa-Nova-lastigen Klänge von „Simone and the Soul Intentions“ im Restaurant schräg gegenüber an. Die Sonne versinkt als glutroter Ball im Wasser. Der Duft nach gutem Essen und aromatischem Wein liegt in der Luft. Perfektes Inselleben.

Von Alexa Christ



Info:

Anreise: Flug nach Vancouver zum Beispiel mit Condor, Lufthansa oder Air Canada ab etwa 500 Euro. Dann am besten mit dem Mietwagen über die Autofähre von BC Ferries zu den Golfinseln. Das Fährterminal liegt in Tsawwassen, eine gute halbe Stunde von Vancouver entfernt. Infos unter: www.bcferries.com

Übernachten: Sehr luxuriös: Galiano Inn and Spa direkt am Meeresufer. Es gibt Zimmer und Villen. Doppelzimmer in der Hauptsaison ab 249 Dollar, www.gallianoinn.com. Coole Airstreamer, Retro-Wohnwagen, Holzhütten und Lodgezimmer bietet: Woods on Pender. Doppelzimmer ab 90 Dollar, www.woodsonpender.com. Ein romantisches B&B mit Top-Frühstück (3-Gang-Menü) auf Salt Spring: Hedgerow House, Doppelzimmer in der Hauptsaison ab 180 Dollar, www.hedgerowhouse.ca

Essen und trinken: Die südlichen Golfinseln bieten unzählige Möglichkeiten, auch Spitzenküche ist darunter zu finden. Sehr ungewöhnlich: „The Pilgrimme“ auf Galiano Island. Küchenchef Jesse hat im Kopenhagener „Noma“ gelernt, 2806 Montague Rd, Galiano, www.pilgrimme.ca. Im „Hastings House“ auf Salt Spring kocht der Schweizer Marcel Kauer – frische kanadische Küche mit Zürcher Touch, 160 Upper Ganges Rd, Salt Spring, www.hastingshouse.com.

Mit schönem Patio am Wasser: Auntie Pesto‘s, 115 Fulford-Ganges Rd, Salt Spring, www.auntiepestos.com.Sehr empfehlenswert ist der Besuch der Salt Spring Island Cheese Company (köstliche Ziegenkäse): 285 Reynolds Rd. www.saltspringcheese.com.
Hervorragende Weine gibt es bei: Sea Star Vineyards auf Pender Island: 6621 Harbour Hill Drive, www.seastarvineyards.ca.





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