Lynchmorde und Sklavenhalter
Lynchmorde und Sklavenhalter
10. März 2017

Der Süden der USA stand lange für Sklaverei und Rassismus. Ausgerechnet dort etabliert sich nun eine neue Form des Tourismus: Museen, Denkmäler und Gedenkstätten rund ums Thema Bürgerrechte.

Als Elaine Turner an der Ampel anhält, muss sie an Handschellen denken. „An genau dieser Kreuzung wurde ich verhaftet“, sagt die 72-Jährige, die schon so manche Nacht in der Zelle verbracht hat. Ihre Vergehen waren immer die gleichen: Bus fahren, Kinofilme anschauen, Restaurants besuchen. Für die meisten Amerikaner gehörten diese Freizeitaktivitäten schon in den 60er-Jahren zum Alltag. Für Turner nicht, denn sie ist schwarz. Wer ihre Hautfarbe hatte, musste im Kino und im Bus hinten sitzen. „Weiße“ Restaurants waren komplett tabu. Doch das scherte Turner nicht. Sie wollte die Ungerechtigkeit aufzeigen, provozieren, wieder und wieder. Und landete im Gefängnis.

Heute organisiert Turner Stadtrundfahrten und betreibt ein kleines Museum in Memphis. Die Polizeiwache liegt gleich nebenan. Als die adrette ältere Dame auf die Straße tritt, winkt ein Cop freundlich herüber. Andere Zeiten, allem Anschein nach. „Hier hat sich viel geändert im Laufe der Zeit“, sagt Turner, die die Rassentrennung noch am eigenen Leib miterlebt hat. Ein schwarzer Präsident? „Daran hätte ich früher nie geglaubt. Als Obama gewählt wurde, war ich unglaublich glücklich.“

Turner hat die Geschichte der Afroamerikaner zu ihrem Leben gemacht. In ihrem Museum dreht sich alles um William C. Handy, den „Vater des Blues“. Ohne seinen Einfluss, sagt Turner, hätte es Elvis nie gegeben. Auch Memphis wäre eine andere Stadt. Doch die Musik ist nicht der einzige Grund, warum Touristen in die Südstaaten-Metropole kommen: Die Geschichte der Schwarzen ist hip. Immer mehr Amerikaner, auch Weiße, interessieren sich dafür. In Zeiten, in denen regelmäßig unbewaffnete Schwarze von der Polizei erschossen werden, bekommt die Bürgerrechtsbewegung eine neue Aktualität. Zumal der neue US-Präsident Donald Trump sich schon vor der Wahl abfällig über Protestierende geäußert hatte, die gegen Polizeigewalt auf die Straße gingen: „Alles nur Schläger.“

Demgegenüber steht eine neue Bewegung: Civil-Rights-Tourismus. Darunter versteht man Museen, Denkmäler und kulturelle Wahrzeichen, die an die Geschichte der Afroamerikaner erinnern. Im Februar 2016 eröffnete Barack Obama persönlich das neue „National Museum of African American History“ in Washington. Doch vor allem im „Deep South“, den ehemaligen Sklavenstaaten, boomt diese Form des Tourismus. In Memphis setzt sich das nationale Civil-Rights-Museum bereits seit 1991 mit der Vergangenheit auseinander. In Atlanta eröffnete 2014 das „National Center for Civil and Human Rights.” In Jackson, der Hauptstadt des Bundesstaates Mississippi, wird derzeit ein neues Museum gebaut, während in Montgomery (Alabama) eine Privat-Initiative an die Opfer von Lynchmorden erinnern will.

All das wirkt auf den ersten Blick sehr positiv. Immerhin investieren der Staat und private Förderer viel Geld, um an die Geschichte der Schwarzen zu erinnern – allein die letzte Sanierung des Civil-Rights-Museums in Memphis hat rund 27,5 Millionen Dollar gekostet. Andererseits entstehen derartige Leuchtturm-Projekte vor allem in den Großstädten. Auf dem Land fehlen vielerorts prominente Gedenkstätten. Oder sie leiden an Geldnot.

Beispiel Sumner: Die Kleinstadt im US-Bundesstaat Mississippi hat sich ins kollektive Gedächtnis vieler Afroamerikaner eingebrannt. Hier wurde 1955 der schwarze Teenager Emmett Till ermordet, weil er einer weißen Frau hinterhergepfiffen haben soll. Die mutmaßlichen Täter wurden vor Gericht freigesprochen. Ein Jahr später gestanden sie in einem Interview die Tat. Der Gerichtssaal, der bis heute genutzt wird, dient vielen Schwarzen als Mahnmal. Eine Gedenktafel auf dem Vorplatz erinnert an die Geschehnisse von damals. Eine weitere Gedenktafel am Tatort wurde kürzlich entfernt. Auf sie ist so oft geschossen worden, dass man die Inschrift kaum noch lesen konnte. Sumner ist ein Ort, wie es ihn hundertfach in den verarmten Südstaaten gibt. Rings um den Marktplatz stehen Einfamilienhäuser mit Schaukel und Pick-up-Truck im Vorgarten – die Wohngebiete der Weißen. In den Außenbezirken zeigt sich ein anderes Bild: heruntergekommene Wohnwagen, Schlaglöcher so groß wie Mondkrater. Hier wohnen vor allem Schwarze. Zu sehen ist auf den Straßen fast niemand; öffentlich ausgetragen werden die Rassenkonflikte heute nicht mehr. Doch man spürt, dass unter der Oberfläche noch etwas lauert und jederzeit wieder auftauchen kann – so wie in den Sümpfen von Mississippi.

„Viele Menschen haben sich mit der Geschichte hier nie wirklich auseinandergesetzt“, klagt Benjamin Saulsberry, ein langjähriger Einwohner. Wie er ist rund die Hälfte der Bevölkerung schwarz. „Bei uns ist der Mord an Emmett Till ein Teil der Kultur“, sagt der 32-Jährige. „Schon als Kind haben mir meine Eltern davon erzählt.“ In der Öffentlichkeit sei die Tat aber nie richtig aufgearbeitet worden. „Das sieht man an dem zerschossenen Schild“, sagt Saulsberry. „Wir haben bis heute nicht genug Geld zusammen, um es zu ersetzen.“ Seit Jahren bemühen sich Freiwillige darum, eine Gedenkstätte zu errichten. Gegenüber dem Gerichtssaal haben sie das „Emmett Till Interpretive Center“ eröffnet, eine Ausstellung zu den Ereignissen. Viel zu sehen ist hinter den Schaufenstern allerdings noch nicht – Geldmangel ist der Grund. So setzen die Geschichtsinteressierten auf den direkten Kontakt, führen Besucher in den Gerichtssaal und an den Tallahatchie River, wo der ermordete Teenager aufgefunden wurde. „Unsere Besucher sind vor allem von außerhalb“, sagt Saulsberry, wobei längst nicht nur Dunkelhäutige kämen. „Das macht Hoffnung, auch wenn noch eine Menge Arbeit vor uns liegt.“ Diesen Zwiespalt spürt man überall. In Tennessee will das Fremdenverkehrsamt die Civil-Rights-Attraktionen in Zukunft noch stärker bewerben. Gleichzeitig fließen immer noch Steuermittel in die Pflege diverser Südstaaten-Denkmäler. So thront in Memphis etwa der Sklavenhändler Nathan Bedford Forrest auf einem steinernen Ross. Forrest wurde berühmt, weil er im amerikanischen Bürgerkrieg besonders brutal gegen gegnerische Truppen vorging. Später war er an der Gründung des rassistischen Ku-Klux-Klans beteiligt. Seit Langem tobt in Memphis deshalb eine Debatte, ob man das Denkmal nicht lieber entfernen sollte. Doch der Gegenwind ist stark. Viele Weiße verehren Forrest wie einen Helden, weil er für die Rechte der Südstaaten gekämpft hat – darunter das Recht auf Sklavenhaltung.

Für viele Schwarze ist das Denkmal ein klarer Affront. Schon mehrfach wurde es absichtlich beschädigt. Im Juli 2016 sprühten Unbekannte „Black Lives Matter“ auf den Sockel, den Schlachtruf der Demonstranten, die gegen rassistische Polizeigewalt protestieren. Doch auch die Symbole der Bürgerrechtler ziehen Hass und Häme auf sich. Im Sommer 2014 legten Mitglieder einer Studentenverbindung in Oxford (Mississippi) einer Statue eine Schlinge um den Hals. Es handelte sich um das Abbild von James Meredith, dem ersten Schwarzen, der 1962 an ihrer Universität zugelassen wurde. Die Tat – zunächst als Dummer-Jungen-Streich abgetan – löste massive Proteste aus und führte schließlich dazu, dass sich die Studentenverbindung auflöste. „Es ist, als ob wir fünf Schritte vorwärts gehen und vier wieder zurück“, sagt Minnie Watson, eine Veteranin der Bürgerrechtsbewegung, die sich noch immer für die Rechte der Schwarzen einsetzt. Die 73-Jährige arbeitet als Bibliothekarin am Tougaloo-College, einer Elite-Uni für Schwarze, die nach dem Ende der Sklaverei gegründet wurde. „Der Tourismus ist für uns eine Riesen-Chance“, sagt Watson, „denn er bringt Leute nach Mississippi, die sich zuvor noch nie mit der Geschichte auseinandergesetzt haben.“ Das Tougaloo-College, einst ein Hotspot der Bürgerrechtsbewegung, hat viele seiner Akten digitalisiert. Wer will, kann auf dem Campus vorbeischauen und in den Archiven stöbern. „Das Interesse nimmt definitiv zu“, sagt die Bibliothekarin.

Ein paar Kilometer vom Campus entfernt liegt das sogenannte Medgar-Evers-Haus. Der ehemalige Student wurde 1963 erschossen, nachdem er sich für die Rechte der Schwarzen engagiert hatte. Noch heute sind die Blutflecken in der Garagen-Einfahrt zu sehen; das Haus fungiert als Mahnmal. Staatliche Mittel gab es dafür bisher nicht; die gesamte Ausstellung wird vom College bezahlt. „Wir könnten natürlich Eintritt verlangen“, meint Watson, „aber dann könnten sich viele den Besuch nicht leisten. Fahren Sie doch nur mal die Straße entlang und schauen, in welchen Barracken viele Afroamerikaner wohnen. Für uns hat sich in diesem Punkt nicht viel geändert.“ Immerhin: Im Januar hat die Nationalparkverwaltung das Gebäude zum nationalen Denkmal erklärt. „Das bedeutet Qualität“, sagt Watson. „Und hoffentlich auch Geld.“

In Memphis hat sich im Civil-Rights-Museum eine lange Schlange gebildet. Die Besucher bleiben andächtig vor den Exponaten stehen: dem Stethoskop eines schwarzen Arztes, Gasmasken von Polizisten, dem Tresen in einem Diner („Nur für Weiße“). Sklaverei, so lernt man, war vor allem ein Geschäft. Noch 1860 wurden über vier Millionen Schwarze zur Arbeit gezwungen, vor allem auf den Baumwoll-Plantagen des Südens. Geschätzter Gesamtwert der menschlichen Waren: acht Milliarden Dollar. Wie viel seither passiert ist, sieht man an den Besuchern des Museums. Pärchen mit unterschiedlicher Hautfarbe umarmen sich vor den Exponaten. Afroamerikaner halten vor einem nachgebauten Boot inne, mit dem viele ihrer Vorfahren aus Afrika entführt wurden. „Sehr gut, sehr angemessen“, findet Kenny Whitehead die Ausstellung. Der 36-jährige kommt aus Texas und bezeichnet sich selbst als Civil-Rights-Tourist. „Ich bin von Hawaii bis Washington zu allen möglichen Museen gefahren. Dieses hier ist wirklich gelungen, weil es zeigt, wie viel wir schon geschafft haben, aber auch wie viel noch vor uns liegt.“ Die Studentin Page Butler, eine Weiße, ringt nach Worten: „Bis jetzt kannte ich dieses Thema nur aus der Schule. Aber wenn man sieht, wie es wirklich war – das ist sehr bewegend.“  Ein Blick in die Zukunft an einem Ort der Vergangenheit. Genau hier, im heutigen Museum, wurde 1968 der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen. Damals war das Gebäude ein Motel. Heute müssen Besucher einen Metalldetektor passieren und ihre Taschen abgeben – ein typisches Bild im modernen Amerika, ganz gleich ob für Schwarze oder Weiße.

Steve Przybilla


Info:

Unterkunft: Memphis: Das „Sleep Inn at Court Square“, 40 N Front Street, ist ein einfaches Hotel direkt im Stadtzentrum, DZ ab 120 Dollar, www.choicehotels.com.

Jackson: Das „Fairview Inn“, 734 Fairview Street, liegt in einem denkmalgeschützten Herrenhaus aus dem Jahre 1908, DZ ab 199 Dollar, www.fairviewinn.com.

Destinationen: In Memphis hat das „National Civil Rights Museum”, 450 Mulberry Street, täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet (Dienstag Ruhetag), Eintritt: 15 Dollar, www.civilrightsmuseum.org.

„Schwarze“ Stadtrundfahrten bietet der Anbieter „Heritage Tours“, Erwachsene zahlen 35 Dollar, ermäßigt 27 Dollar, www.heritagetoursofmemphis.com.

Das „Megdar Evers House“ in Jackson, 2332 Margaret Walker Alexander Drive, kann kostenlos besichtigt werden.

Ebenfalls kostenlos ist die Bibliothek am Tougaloo-College. Anmeldungen per E-Mail unter libraryservices@tougaloo.edu.

Das „Emmett Till Interpretive Center“ in Sumner, 120 North Court Street, bietet Führungen im Gerichtssaal und am Tatort an, ab fünf Dollar, Termine nach Vereinbarung: www.emmett-till.org.

Weitere Infos: Verkehrsbüro der Stadt Memphis und des Staates Mississippi, Telefon 0521-9860420, www.memphis-mississippi.de.



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