Maritimes Paradies
Maritimes Paradies
4. August 2017

Der größte Freizeithafen ist ein Hit, doch La Rochelle mit Umland bietet mehr: von Kunst und Kultur über Badefreuden und Wassersport bis zur exzellenten kulinarischen Visitenkarte.

Ab in den Urlaub – Endstation La Rochelle, Bahnhof. Unweit des historisch geprägten Stadtzentrums mit faszinierender Hafenanlage. Belebende, frische Luft vom nahen Atlantik ist fortan ständiger Begleiter. Mit dem Pkw hätte die Tour viel länger gedauert. Unter der Rubrik „Clever reisen“ hält das „Office de Tourisme“ von La Rochelle – zu finden am Quai Le Gabut – auch Gästen, die ohne fahrbaren Untersatz gekommen sind, spezielle Offerten und eine Fülle guter Tipps wie City-Pass und Räder-Verleih-Stationen bereit. Nach dem ersten Pastis laden Ausflüge übers Meer ein, die wunderbare Inselwelt zu erkunden.

Die Nouvelle Aquitaine ist ein Landstrich im Aufwind im Golf von Biscaya, von dem auch die Charente-Maritime-Metropole, La Rochelle, als Seefahrts-, Wirtschafts- und Tourismuszentrum profitiert. Die Gebietsreform fusionierte Anfang 2016 die Regionen Aquitaine, Poitou-Chartentes und Limousin zur Nouvelle Aquitaine. Erste Vorteile durch kooperative Image-Effekte: Welche Region kann von sich behaupten, den längsten Sandstrand Europas zu besitzen? Anfang Juli ein weiteres Highlight: Der Startschuss für die neue „Ligne à Grande Vitesse (LGV) Paris-Bordeaux“ unter zwei Stunden. Der TGV brauchte vorher 75 Minuten länger. Keine Frage, dass davon auch La Rochelles Tourismus profitiert, da man 40 Minuten näher an Paris heranrückte. Nach dem Einchecken könnten Feriengäste dem attraktivsten der drei Badestrände am Jachthafen „Port des Minimes“ eine erste Visite abstatten. Direkt daneben präsentiert sich der „Port de Plaisance“, einer der größten Freizeithäfen weltweit mit etwa 4.000 Boots-Liegeplätzen – Monte Carlo ist dagegen eher überschaubar.

Von hier aus geht es zu Fuß Richtung Zentrum am Wasser entlang (15 Minuten), per Autobus oder Bus de Mer zum alten Hafen und in die Altstadt mit ihren Terrassen sowie zahlreichen Straßencafés, Restaurants, Austern-Bars und Weinlokalen mit Gaumenfreuden auf Schritt und Tritt. Von Arkadengängen gesäumte Straßen, deren Geschäfte an die Krämer vergangener Zeiten erinnern. Fachwerkbauten, noble Stadthäuser und reich verzierte Renaissance-Paläste prägen das Bild, aufgelockert von kleinen gastlichen Plätzen und Ruhezonen. In den verkehrsfreien City-Bereichen lässt es sich gut leben. Dazu gehören die märchenhaften Genüsse einer maritimen Region. Auf dem klassischen Marché mit seinen Markthallen aus dem 19. Jahrhundert finden Gourmets ein wahres Dorado. Weiterer Top-Urlaubs-Tipp: sich in Sachen modischer Anregungen in den Läden der City umzusehen. Was sich sofort bei der ersten Visite in der knapp über 1.000-jährigen Stadt ins Gedächtnis einbrennt, ist der „Vieux Port“ mit den drei markanten Türmen im Herzen der Altstadt. Sehenswert sind vor allem die Zwillingstürme, „Tour Saint-Nicolas“ und „Tour de la Chaîne“, aus dem 14. Jahrhundert. Damals spannte man zwischen beiden abends eine eiserne Kette, um die Hafenzufahrt über Nacht sicher zu schließen.

In Turm Nummer drei, dem „Tour de la Lanterne“, leitete nachts ein Kerzenlicht die Schiffe. Der Kettenturm ist Schauplatz einer historisch wertvollen Dauerausstellung, die die Geschichte der Auswanderung in die „Neue Welt“, in den französischen Teil Kanadas (Stichwort: Québec), Revue passieren lässt. Seitdem sind beide Städte geschichtlich eng verbunden. Für die vielen tausend echter Migranten, die in Richtung Kanada auswanderten, waren diese Türme das letzte, unvergessene Souvenir ihrer alten Heimat Frankreich. Eine ähnliche Geschichte spielte sich vor genau 202 Jahren auf der wenig bekannten Mini-Insel Aix mit den beiden Leuchttürmen, Vauban-Relikten und weißen Stränden vor La Rochelle, in Sichtweite des TV-bekannten Fort Boyard ab. Hier erlebte Napoléon Bonaparte seine letzten Tage auf französischem Boden, bevor er 1815 die Reise ins Exil nach St. Helena antrat. Interessant: Auf dem kleinen Bade- und Wander-Paradies Aix findet sich ein gut eingerichtetes museales Kleinod, das sich wegen seiner historischen Schätze und Schriften kaum vor dem Pariser Invalidendom mit Bonapartes Grab und anderen Preziosen zu verstecken braucht. Tipp: Auf der Insel Aix kann man auch per Rad, mit der Kutsche oder bei einem gastro-kulinarischen Trip einen schönen Tag verbringen, bevor es dann via Ausflugs-Boot zurück nach La Rochelle geht.

100 Konzerte in fünf Tagen

Nach Abstechern auf die Inseln Ré oder Oléron mit ihren ruhigen Ständen, schmucken Ortschaften, Austernzucht-Betrieben oder Salzanbau-Flächen führen über 100 Kilometer lange Vélo-Routen immer wieder zur Hafenstadt zurück. Versierte Wassersportler sind zwischen Festland und Inselwelt in ihrem Element, und Frühaufsteher legen gerne zu Fischfangtouren (de la pêche à l´assiette) ab. Die freundliche Crew beim „Office de Tourisme“ weiß immer Rat, wenn es um Realisierung von Urlaubs-Wünschen geht. Der Anteil deutscher Urlauber hält sich nach Auskünften der freundlichen „Contact-Presse“-Chefin Marine Chaudun in überschaubaren Grenzen: Dem neuesten Dossier zufolge lag die Quote 2016 bei 12,4 Prozent. Also, auf ins Pays Rochelais. Ratsam wäre es, Sprachkenntnisse aufzufrischen, um nicht vor Ort „Franco-Anglais“-Dialoge führen zu müssen.

Es tut sich immer etwas in dieser feierfreudigen Stadt, wo große Kunst und Kultur ein Heimspiel haben: Neben dem Internationalen Filmfestival über die vielen kleineren Veranstaltungen hinaus gibt es die renommierten „Francofolies“, als Mekka des Chansons im positiven Sinne, mit über 100 Konzerten an fünf Tagen auf sechs verschiedenen Show-Bühnen. „Le Grand Pavois“ nennt sich eine der größten Boots-Messen Europas, wo Ende September im „Port des Minimes“ über 80.000 Besucher erwartet werden. Wer die schönsten Wochen des Jahres abseits der französischen Sommerferien antreten möchte, sollte Ende August oder im September reisen: Die Tage sind zwar kürzer, aber das Meer noch angenehmer.

Peter Hanser

Weitere Infos unter:

www.larochelle-tourisme.com





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