In Merlins Zauberwald
In Merlins Zauberwald
21. Juli 2017

Nur ein Wald oder ehemals die Heimat des legendären Magiers Merlin? Der Magie des bretonischen Brocéliande kann sich kaum ein Besucher entziehen.

Nicolas lächelt, doch sein Blick prüft jedes einzelne Gesicht. „Nur wer seiner Frau immer treu war, sollte jetzt noch weitergehen“, warnt er. „Alle anderen, selbst die, die nur daran gedacht haben es nicht zu sein, warten besser hier.“ Leise plätschert das Wasser des Rauco über rostbraune Kiesel, die Blätter der Buchen und Erlen tänzeln im Wind. Ihre Kronen versuchen das warme Licht der Nachmittagssonne zu schlucken. Wo sie es nicht schaffen, werfen gebündelte Strahlen helle Flecken in den dunklen Wald. „Hier beginnt das Tal ohne Wiederkehr“, sagt der Legendenforscher. „Nur jene Ritter, die der Frau ihres Lebens vollkommene Liebe schenken, kehren von dort zurück. Alle anderen hält Fee Morgane, die Halbschwester von König Artus, hinter unsichtbaren Mauern gefangen.“

Hier soll sich die Artus-Sage abgespielt haben

Eine Fee, die aus gekränktem Stolz über ihren Liebhaber ein Tal verflucht – im Wald von Brocéliande, dem Zauberwald der Artus-Sage in der Bretagne, ist das nichts Ungewöhnliches: Bis zum heutigen Tag herrschen hier angeblich Geister und Zauberer, gibt es geheimnisvolle Brunnen und Seen. Die Helden der keltischen Sagen und Legenden sind in Brocéliande zu Hause: Artus und seine Tafelrunde, Zauberer Merlin, die Weiße Dame. Es klingt wie ein Märchen, doch Brocéliande ist durchaus real, auch wenn sein Name auf keiner Landkarte steht. Offiziell heißt das Waldgebiet, das südwestlich von Rennes eine Fläche von 7.000 Hektar bedeckt, Paimpont.

Das Tor zur Sagenwelt des Waldes ist das Schloss von Comper. Seine grauen Mauern beherbergen das Zentrum der Artus-Fantasie, Nicolas und seine Kollegen erforschen hier die keltische Mythologie und die Entstehung der Sagen über Artus, der in der Bretagne als Urkönig gilt. „Über die Kelten wird viel Unsinn erzählt“, sagt Nicolas. Mit Ritterturnieren, Festspielen und Führungen durch den Wald wollen die Forscher des Zentrums deshalb die Mythen der Region lebendig halten und zwischen Wissenschaft und Legenden vermitteln.

Warum ausgerechnet der Wald von Brocéliande der Schauplatz der Sagen um König Artus sein soll, erklären die französischen Artus-Romane des 12. Jahrhunderts. Sie vermischen keltische Sagen mit Geschichten über den historischen König Artus, der im 5. Jahrhundert gegen die Angelsachsen kämpfte. Die Legenden verbreiteten sich auf beiden Seiten des Ärmelkanals, und so kommt es, dass sowohl Briten als auch Bretonen Artus für sich beanspruchen. Fest steht, dass die Helden der Romane von Robert Wace oder Chrétien de Troyes sich in einem „Wald von Brocéliande“, „der Heide im Wald“, bewegen – eine Bezeichnung, die auch der heutige Wald von Paimpont in mittelalterlichen Urkunden trägt.

Gleich hinter dem Schloss von Comper beginnt der Zauber, hier funkelt und glänzt der See von Fee Viviane in der Sonne. „Die Fee wünschte sich von ihrem Geliebten, Zauberer Merlin, ein Schloss.“ Sanft berieselt Nicolas‘ Stimme die Zuhörer, mit seinem weißen Leinenhemd, Vollbart und den zum Zopf gebundenen Haaren gibt er den perfekten Märchenerzähler. „Merlin baute Viviane einen Palast aus Kristall. Doch er verschleierte ihn mit einem See, um die Fee vor den neugierigen Blicken der Menschen zu schützen.“ Zwei große Steine markieren im Wald das angebliche Grab des Zauberers, direkt daneben verspricht eine Quelle ewige Jugend. Unter dem Zaubersee soll Viviane später Lancelot, den vielleicht berühmtesten Ritter der Tafelrunde, großgezogen haben.

„Die Legenden berühren zwei Grundängste

Altes Laub und Äste modern am Grund der Seen, kein Blick dringt durch das dunkle Wasser. Bäume versperren die Sicht, erschweren die Orientierung. Immer wieder raschelt und knackt es im Unterholz, ein Reh taucht jäh auf und huscht zurück ins Dickicht. Gerade in der Dämmerung scheinen sich 1.000 Augen auf den Wanderer zu richten, der aber kein Tier, nichts sieht. Egal, ob Paimpont das mystische Brocéliande ist oder nicht, der Magie des Waldes kann sich kaum ein Wanderer entziehen.

Diese Eindrücke überfordern die Sinne. „Ausgedehnte Wälder regen seit jeher die Fantasie der Menschen an“, sagt Nicolas. „Die Legenden und Sagen über Brocéliande berühren zwei Grundängste: die Angst vor der Nacht und die vor dem Wald.“ Auch moderne Menschen erliegen dieser Macht der Natur, und wenn die eigenen Sinne streiken, klingt Zauberei auf einmal ganz plausibel. Der Rauco zum Beispiel mit seinen rostbraunen Kieseln: Dunkelrot scheint sein Wasser, laut Legende gefärbt vom Blut der unvorsichtigen Reisenden, die von den Wäscherinnen der Nacht im Bach ertränkt wurden. Blutgetränkt oder gefärbt vom reichlich vorhandenen Eisen? Die geologische Erklärung klingt überzeugend, doch ganz kann sie die schaurige Legende nicht aus den Köpfen der Wanderer verdrängen. Warum auch, immerhin stellt man sich so in der Bretagne die Begegnung mit dem Tod vor: Am Wegrand bieten Wäscherinnen dem Reisenden ihre Hilfe an – um ihn dann für die Ewigkeit bei sich zu halten. Für alles, so scheint es, gibt es verschiedene Erklärungen in Brocéliande. Oder wie Nicolas sagt: „Es gibt immer eine Legende“.

Sandra Rauch




Allgemeine Informationen:

Zentrum der Artus-Fantasie im Schloss von Comper:

www.centre-arthurien-broceliande.com

Tourismusbüro Bretagne:

www.bretagne-reisen.de




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