Mit dem Schlitten in die Nacht
Mit dem Schlitten in die Nacht
17. Februar 2017

14 Kilometer Länge, 1.300 Meter Höhen­unterschied, 45 Minuten Rodelspaß nonstop: In Bramberg in Österreich kann man die weltweit längste beleuchtete Rodelbahn runtersausen. Protokoll einer rasanten Fahrt.

Noch neun Stunden bis zum großen Abenteuer. Mich beschleichen Zweifel. Ob das „Rudelrodeln“ heute Abend klappt? Schließlich ist die Schneesituation im Salzburger Land derzeit recht durchwachsen. Die vergangenen Tage waren so warm, dass im Tal immer öfter Grün durch die dünne Schneedecke hervorspitzt. Folge: Viele Skigebiete können zumindest in den unteren Lagen nicht alle Pisten öffnen, wie wir selbst bei unserem Skitag im nicht weit entfernten Zell am See erleben mussten.

18.10 Uhr: Wir probieren es trotzdem. Und der Kassierer der Wildkogelbahn in Neukirchen am Großvenediger ermutigt uns: „Vielleicht ist’s hier und da a bisserl eisig, aber ihr könnt’s scho bis ganz runter. Aber schickt’s eich, die letzte Bergfahrt geht um halb sieben“. Also schnell elf Euro pro Person durch den Bezahlschlitz geschoben, die neben der Gondel- auch die Rodelbahnbenutzung ermöglichen. Nicht inklusive sind Schlitten oder Rodel. Die gibt es für Leute wie uns, die kein eigenes Gerät dabei haben, im Sportgeschäft nebenan. Sechs Euro, eine Pfandhinterlegung und eine Formularausfüllung später halten wir jeder einen rasanten Rennrodel in Händen.

18.25 Uhr: Nicht mehr viel los an der Talstation. Also ohne Anstehen rein in die nächste Gondel und rauf. Rasch wird es sehr dunkel um uns herum. Wo bitte führt die Rodelbahn entlang? Nirgends ist ein Leuchtband zu sehen. Der Pistenplan klärt auf: Die Rodelbahn führt „ums Eck“ – ins einige Kilometer entfernte Bramberg und daher in deutlicher Entfernung unserer Lifttrasse.

18.40 Uhr: Auch von der Bergstation auf knapp 2.100 Metern Höhe ist davon noch nichts zu sehen. Wir müssen erst an der „Ramba Zambar“ vorbei und auf die nächste Anhöhe stapfen. Zur Antennenstation. Zur ersten Lampe. Und zum Startpunkt der 14-Kilometer-Rodelbahn. Weltweit ist keine länger –zumindest keine mit Beleuchtung. Die noch einen Kilometer längere Strecke in Grindelwald ist nämlich „nur“ tagsüber benutzbar – oder mit Stirnlampe. Hier hingegen sorgen unzählige Laternen in regelmäßigen Abständen für Erleuchtung. Jetzt schnell noch einmal alles kontrollieren. Handschuhe: check. Mütze: check. Wertsachen verstaut: check. Und in einem weiten Bogen per Rodel zur nahen Bergstation der Smaragdbahn. Die hat schon Feierband, doch in der „Wildkogelalm“ nebenan geht es hoch her. Vor der Hütte: viele Rodel und Schlitten. In der Hütte: viele junge Leute in ausgelassener Stimmung. Es wird geredet, geschnapselt, getanzt.

18.55 Uhr: So verlockend das Ambiente auch sein mag, die hier nun offiziell beginnende Rodelbahn ist noch verlockender. Also aufgesetzt, Füße auf die Kufen, und los geht’s! Erst auf einem etwas breiteren Stück, dann auf einem Ziehweg, der sich in weiten Serpentinen talwärts schlängelt. Zum Glück wurde dieser so breit gespurt, dass man auch zu zweit oder dritt nebeneinander fahren kann und nie ernsthaft Angst haben muss, den streckenweise imposanten Abhang runterzurauschen. Dennoch: Vor uns haben es zwei Fahrer geschafft, dass sich ihr Schlitten in die Dunkelheit verabschiedet. Ihrem Gekichere zufolge sind sie selbst aber wohlauf. Und ihre Freunde nicht weit …

19.05 Uhr: Wir hingegen machen weiter Tempo. Für Freudensprünge sorgen auch die vielen „Schneewellen“, die durch unsere Vorgänger ordentlich ausgeprägt sind. Das fordert Gerät und Knochen, sorgt aber für Dauergrinsen und Bauchkribbeln der besonderen Art. Während wir die eine oder andere Familie mit Kindern überholen, ziehen in einer Kurve zwei ehrgeizige Rodler vorbei. Ob sie die Rekordzeit knacken wollen? Keine 20 Minuten sollen die schnellsten bis ins Tal brauchen, Normalfahrer kommen auf 40 bis 50 Minuten reine Fahrtzeit. Bei uns ist brutto gleich netto. Quasi ohne Unterbrechung sausen wir Kurve um Kurve bergab. Eine Riesengaudi. Und eine Riesensicht auf weite Teile des Pinzgaus mit seinen Lichtern im Tal.

Weitere 630.000 Euro wurden in die Rodelbahn investiert

19.20 Uhr: Es ist nicht so, dass wir eine Pause bräuchten, aber die auftauchende Hütte mit dem passenden Name „Zwischenzeit“ ist einfach zu einladend. Also Rodel diebstahlsicher festgemacht und hinein in die gute Stube, die das weltgrößte Skitest-Portal Skiresort.de 2012 zur besten Après-Ski-Hütte kürte. Auch gut vier Jahre später tobt hier der Bär, überall wird geschäkert, gespeist – und gestaunt. Kult-Wirt Harry hat auf Podesten Original-Harleys geparkt. Und mit einer Schnapsseilbahn lässt er Stamperl über den Tresen servieren. „Die Leute brauchen was zum Schauen“, sagt Harry, lacht und zeigt auf den ausgestopften Kopf eines Arena-Stiers, aus dessen Nüstern Disconebel wabert. Zwei Getränke an der netten Outdoor-Bar mit den zu Scherzen aufgelegten Barkeepern später geht es beschwingt weiter.

20.35 Uhr: Nur einmal kommt die Fahrt wegen einer querenden Straße etwas ins Stocken, danach das furiose Finale im weiten Auslauf der stadionähnlich beleuchteten Senningerwies’ neben der Talstation der Smaragdbahn. Die liegt auf 826 Meter, also fast genau 1.300 Meter tiefer als der Rodelstartpunkt. Und Neukirchen sechs Kilometer entfernt. Zum Glück gibt’s einen regelmäßigen Shuttlebus – und noch genügend Zeit, auf die gelungene Fahrt anzustoßen.

Neun Monate sind seit der rasanten Fahrt vergangen, und es hat sich einiges getan. Ein Update des Tourismusverbands berichtet von einigen Neuerungen bezüglich der Rodelbahn. So können Rodler wie Skifahrer seit Dezember via Überführung die besagte Straße queren. Zudem wurde die Strecke jüngst verbreitert, sicherheitstechnisch verbessert und neue Ruhe- und Wartezonen eingerichtet. „630.000 Euro wurden in die Optimierung der Rodelbahn investiert“, schreibt Wildkogel-Bergbahn-Vorstand Rudolf Göstl. Am 22. Januar war übrigens die längste Rodelkette der Welt geplant, bei der sich jeder Rodler mit den Beinen am Rodel des Vordermanns einhängt. Und tatsächlich hat es die Aktion ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft! 508 Rodler hakten sich an dem Tag ein und setzten eine Kette von beachtlichen 750 Metern in Bewegung.

Christian Haas



Info:

Bei ausreichender Schneelage ist die Rodelbahn täglich tagsüber geöffnet, dienstags, freitags und samstags bis 22 Uhr, Di/Fr Auffahrt bis 18.30 Uhr mit der Smaragdbahn in Bramberg, Sa bis 18.30 Uhr mit der Wildkogelbahn in Neukirchen; Rodelverleih an den Talstationen.

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