Neue Seen braucht das Land
Neue Seen braucht das Land
11. August 2017

In der Lausitz lag einst das wichtigste Braunkohle-Abbaugebiet der DDR. Jetzt entsteht dort eine der größten Seenlandschaften im wiedervereinigten Deutschland.

Die Vögel haben sie schon entdeckt, die Seen der Naturlandschaft Wanninchen in der Niederlausitz. Kraniche und Wildgänse legen an den flachen Gewässern auf ihrer herbstlichen Reise in Richtung Süden gerne Pause ein. Vogelfreunde kommen dann hierher, um mit ihren Feldstechern vom Aussichtsturm am Heinz Sielmann Natur-Zentrum am Schlabendorfer See das Zugvogel-Spektakel zu beobachten.

Auch eine Wolfsfamilie hat sich inzwischen in dem Gebiet angesiedelt. Die allerdings bekommt man kaum zu sehen: Entdeckt wurde das Rudel nur, weil es in eine von Naturschützern angebrachte Fotofalle tappte. Schritt für Schritt erobert sich die Natur zurück, was ihr der Mensch weggenommen hat. Zu DDR-Zeiten holte man hier mit gewaltigen Schaufelradbaggern Braunkohle aus der Erde und ließ dabei ein geschundenes Stück Erde mit riesigen Löchern zurück.

Seit dem Ende des Tagebaus 1991 wird das Gebiet schrittweise renaturiert, die Lausitz zur Heimat eines riesigen Badeparadieses. Mehr als 20 ehemalige Grabelöcher werden geflutet. 14.000 Hektar Wasserfläche, das entspricht in etwa der Größe von 20.000 Fußballfeldern, entsteht so neu.

Kalk macht das Wasser azurblau

Einige der künstlichen Seen haben schon jetzt die geplante Wasserhöhe erreicht, bei anderen dauert das noch ein paar Jahre. Solange bleiben sie für Badegäste tabu. Baden wäre zu gefährlich, denn an den wachsenden Seen gehören Uferabbrüche zum Alltag. Damit aus den ehemaligen Kohlegruben überhaupt Badeseen werden können, müssen sie aufwendig befestigt und anschließend gekalkt werden. Der pH-Wert der mir Wasser gefüllten Bergbaugruben ist sehr hoch – das bedeutet, das Wasser ist zu sauer und damit schädlich für die Haut der Badenden. Das Kalken hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich die Farbe des Wassers ändert – in ein Azurblau, wie man es aus der Südsee kennt.

Allmählich wird aus dem ehemaligen Industriegebiet ein Urlaubsziel. An der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen sollen sich bald Bade- und Boottouristen aus ganz Deutschland im viertgrößten Seengebiet Deutschlands erholen. Noch sind es aber vor allem die Einheimischen, die die neuen Seen für sich entdecken – so wie Familie Jünger aus Altdöbern.

„Im Sommer sind wir fast jedes Wochenende mit unseren beiden Kindern hier am Gräbendorfer See“, sagt Frau Jünger. Besonders der zwölfjährige Timo, die „Wasserratte“ der Familie, ist begeistert. Er hat aber keine Zeit für ein Gespräch, denn an der Wasserkante wartet schon sein Freund ungeduldig mit dem Ball in der Hand. Dafür hat Vater Jünger einen Geheimtipp parat. „Am Bärwalder See gibt es Sandstrände wie in der Südsee“, schwärmt er. Anders als im fernen Polynesien sind dort aber die Badestrände fein säuberlich getrennt – je einen gibt es für Textil-, FKK- und Hundefreunde. So kann jeder nach seiner Fasson glücklich werden.

Hauptanziehungspunkt der Lausitzer Seenlandschaft ist aber nach wie vor der Senftenberger See. Der wurde bereits vor 45 Jahren geflutet – und deswegen sieht man ihm nicht mehr an, dass er eigentlich auch nur ein gefluteter Tagebau ist. Von seinen 18 Kilometern Uferlänge sind sieben Kilometer bester Badestrand.

Konzerte am Fuß des Stahlriesen

Beliebt ist auch der Bergheider See nördlich von Lauchhammer. Allerdings nicht nur bei Badegästen, die sich dort mit einem Sandstrand an dessen Nord-Ufer begnügen müssen. Hauptanziehungspunkt ist die F 60, die größte Abraumförderbrücke der Welt. Das 502 Meter lange Monstrum ist das größte bewegliche Bergbaugerät der Welt und kann täglich besichtigt werden. Technikfreaks kommen hier voll auf ihre Kosten, aber auch jene, die einfach die perfekte Fernsicht suchen. Denn ganz oben steht man 75 Meter über Grund und kann weit über die Lausitz blicken. Wegen ihrer gigantischen Dimensionen wird die F 60 oft als der „liegender Eiffelturm der Lausitz“ bezeichnet. Fotofans mögen die Abraumförderbrücke ebenfalls, denn in weitem Umkreis findet man kein skurrileres Fotomotiv – besonders in den Abendstunden, wenn eine Lichtinstallation den gigantischen Bagger in mystisches Licht taucht.

Im Sommer finden am Fuß des 11.000 Tonnen schweren Stahlriesen Konzerte und Festivals statt. Zum bekanntesten, dem Feel-Festival Anfang Juli, strömen jedes Jahr Tausende von Fans alternativer Rock- und Technomusik in die Lausitz.

Der Bergheider See ist aber auch ein Beispiel für die Konflikte um die wachsende Seenlandschaf: Die einen wollen das Wasser als Fläche für Sport- und Freizeitvergnügen, wollen mit Jetskis und Motorbooten über den See brausen. Die anderen, unter der Führung der lokalen Angler, wollen ein „lebendes“ Gewässer, in und an dem sich in Ruhezonen Tiere ansiedeln können und die Petrijünger auf große Fänge hoffen dürfen.

Konflikte wie diese müssen für jeden See separat ausgefochten werden. Denn dadurch, dass der Mensch die Seen schafft, hat er auch Einfluss auf ihren Charakter.

Bei der neuen Seenlandschaft geht es nicht nur darum, Badespaß für die Einheimischen zu kreieren. Es geht um viel Geld. Die Immobilienpreise der neuen Wassergrundstücke werden steigen, Hotel- und Pensionsbesitzer können auf höhere Einnahmen hoffen und auch Kleinunternehmer – angefangen vom Bootsvermieter bis zum Naturguide – bekommen neue Chancen. Der Tourismus bringt der strukturschwachen Region neue Hoffnung. Verteilungskämpfe scheinen da normal.

Rasso Knoller



Info:

Naturlandschaft Wanninchen www.sielmann-stiftung.de

Lausitzer Seenland

www.lausitzerseenland.de

Besucherbergwerk F 60

www.f60.de







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