Rau und bunt
Rau und bunt
11. August 2017

Statt roter schwedischer Holzhäuser spiegeln sich in den Kanälen Malmös glitzernde Wolkenkratzer, backsteinerne Bürgerhäuser und alte Fabriken. Ein Besuch in Schwedens drittgrößter Stadt, die so gar nicht schwedisch sein will.

Malmö erklären?“, fragt Ali. „Das wäre, als müsste ich einem Affen Mathe beibringen.“ Der 30-Jährige mit dem schwarzen Vollbart und dem hintergründigen Lächeln schaut kurz auf und wirft einen Tischtennisball in einen der vielen roten Plastikbecher, die auf dem Tisch vor ihm stehen. Das selbst gebaute Spiel unterhält die Gäste einer ungewöhnlichen Party. Die sechs Musiker der Band So and Such feiern die Veröffentlichung ihres neuen Albums. Wo sich früher in einem dunklen, verfallenden Innenhof Junkies ihren Stoff holten, ist ein Tagungszentrum eingezogen. Frisch restaurierte, pastellfarben gestrichene Lehm- und Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert geben dem „Sankt Gertrudshof“ einen edlen Rahmen. „Wir haben die Besitzer gefragt, ob wir hier feiern dürfen. Sie haben es tatsächlich erlaubt“, staunen Ali und seine Musiker-Kollegen. Die Betreiber wollen sich ein jüngeres Publikum erschließen.

Berührungsängste sind selten in Malmö. „Die Stadt ist weniger in schwedischen Traditionen verwurzelt als andere“, vermutet der Künstler und Fotograf. „Vielleicht sind die Leute hier deshalb besonders offen für Neues.“ Die beiden jungen Kerle am Mischpult legen auf, was das Zeug hält. Die krummen Wände werfen die wummernden Bässe zurück in den mit groben Katzenkopfsteinen gepflasterten Hof.

Murat und Ezana, beide ebenfalls Musiker und DJs bei So and Such, warten an der Kasse auf Gäste. Für 80 Kronen gibt es einen Stempel auf die Hand. Die meisten zahlen mit ihrem Handy. Man gibt den Code ein, den Murat auf einen Pappkarton am Kassentisch geschrieben hat, tippt das Passwort dazu, und schon ist das Geld auf dem Konto des Empfängers. Bar zahlen in Schweden nur noch wenige.

So and Such ist so etwas wie das moderne Malmö im Kleinen. Ezana, 29, nennt sich Produzent und Musiker. Seine Familie stammt aus Eritrea. Aufgewachsen ist er in Lund, einer Universitätsstadt in der Nähe. Sound-Künstler, Designer und DJ Murat alias „Choys“ hat kurdische Eltern. Ali, der Musiker und Fotograf, floh als Siebenjähriger mit seinen Eltern vor dem Irak-Krieg, hat in Kanada, den USA, Australien und Saudi-Arabien gelebt.

„Jeder von uns ist multi-kreativ“, sagt Ezana. Die Gründer wollen nun „in einer ermutigenden Atmosphäre gemeinsam die kulturelle Landkarte erobern.“ Diese hat sich im Südosten Schwedens gründlich verändert, seit die Öresundbrücke Malmö mit Kopenhagen und dem Rest Europas verbindet. Die Brücke bringt Ideen und neues Publikum in die Stadt. Anderseits müssen Malmös Museen, Clubs und andere Kulturorte gegen die nun nahe, mächtige Konkurrenz von der dänischen Seite bestehen.

Die neue Verbindung hat die Wirtschaft der einst darbenden Industriestadt beflügelt. Vor allem Umwelttechnik, Tourismus, Handel und andere Dienstleister stellen ein. Die Einwohnerzahl wächst. Die Hälfte der Malmöer ist jünger als 35, darunter 26.000 Studenten. Fast jeder Dritte hat ausländische Wurzeln. Die meisten Zuwanderer wohnen im ehemaligen Arbeiterviertel rund um den Möllevångentorget im proletarischen Malmöer Südosten. Dort bietet Mary in einer ehemaligen Fensterwerkstatt Künstlern eine Heimat: „Die meisten sind introvertiert. Sie wissen nicht, wie man sich verkauft“, erklärt die blonde 25-Jährige mit dem wachen, fordernden Blick. Sie verstehe sich als „Kuratorin, die Kunst kommuniziert“. Sie netzwerke, arbeite mit Malmös beiden wichtigsten Museen, der Kunsthal und dem Modernen Museum, zusammen.

„Mach, was Dir entspricht und wofür Du brennst“, schärft sie den Künstlern ein, denen sie winzige Arbeitsecken in ihrer Galerie vermietet. Hier ist sie die Chefin: „Die Leute können sich bei mir anlehnen, aber ich entscheide, was hier passiert.“ Ihr strenger Blick lässt keinen Raum für Zweifel. Wer im Frank ausstellen will, muss seine Arbeiten mit Preisen auszeichnen und sich dem Publikum stellen. Das falle vielen schwer.

Besucher lockt Mary mit interaktiven Ausstellungskonzepten. Wer sich vorher im Waschbecken in der Ecke des weiß gestrichenen Ausstellungsraums die Hände wäscht, darf und soll die Werke anfassen.

Oft sitzt die Galeristin auf ihrem Klappstuhl vor der Tür, unterhält sich mit Passanten und beobachtet das Geschehen auf der Ahlmansgatan, einer von schlichten Mietshäusern des frühen 20. Jahrhunderts gesäumten Seitenstraße. „Kürzlich ist um die Ecke eine Granate explodiert. Hin und wieder gibt es Schießereien“, erzählt sie scheinbar seelenruhig. „Das sind Drogenkriege. Anwohner lassen die in Ruhe.“

So mancher Dealer wohnt ein paar Straßen weiter östlich in einem der berüchtigtsten Plattenbauviertel Schwedens. In den 60er-Jahren brauchten Malmös Werften und Fabriken Arbeitskräfte. Man holte „Gastarbeiter“. Ihnen baute der Staat schnell und billig neue Quartiere. „Eine Million Wohnungen“ hieß das Programm der Regierung. Rosengård (Rosengarten) nannten die Planer das neue Viertel am damaligen Stadtrand.

Der Sozialdemokrat Andreas Konstantinides kam 1974 als Flüchtling nach Malmö. Inzwischen ist Andreas so etwas wie der Bezirksbürgermeister und Seelsorger der rund 25.000 „Rosengärtner“. 7.000 Leute wohnen in den zehn und zwölf Etagen hohen Wohnblocks. „Chinesische Mauer“ nennen sie einen der Klötze, weil er so groß und sperrig in der Landschaft steht. Auf 65 Prozent beziffert Andreas Konstantinides die Arbeitslosenquote im Viertel. Der Optimist zeigt lieber, was sich im Viertel zum Guten wendet. Vor einem der Plattenbauten sitzen Leute auf Gartenstühlen beim Essen. Sie speisen an Plastiktischen Couscous, Bulgur, gebratenes Gemüse und andere orientalische Spezialitäten. Aus der Küche klingen das Klappern der Töpfe und fröhliche Stimmen. Fünf Mitarbeiterinnen schneiden Berge von Petersilie, Schnittlauch, Tomaten und anderem Gemüse. Sie unterhalten sich in einer Mischung aus Schwedisch und Arabisch. Mit Unterstützung der Gemeinde haben die Flüchtlingsfrauen ein Restaurant eröffnet. Welten liegen zwischen Rosengård und dem neuen Westhafen am anderen Ende der Innenstadt. Köckums, einst weltgrößte Werft und lange Zeit wichtigster Arbeitgeber Malmös, schloss 1985. Nach Jahrzehnten des Stillstands und Verfalls wächst nun auf dem Gelände und im ehemaligen Hafen eine neue Stadt.

Peter, ein Deutscher, der einst der Liebe wegen nach Malmö kam, führt Besucher durch das nachhaltige Modellquartier zu Füßen des „Turning Torso“. Der in sich verdrehte 54 Etagen hohe Wohnturm entstand nach Plänen des spanischen Architekten Santiago Calatrava.

Architekten aus 14 europäischen Ländern haben typische Häuser ihrer Heimatländer nachgebaut. Anders als in Rosengård entsteht im Westhafen ein Quartier mit kurzen Wegen zum Wohnen, Leben, Einkaufen, Ausgehen und Arbeiten. Das Ziel bis 2031: 25.000 Arbeitsplätze für 25.000 Einwohner.

Ein Windpark im Öresund liefert den Strom für alle Wohnungen, Solarkollektoren liefern das warme Wasser. Das neue Kongresszentrum bekommt seine Heizwärme über eine Geothermieanlage aus der Erde. Hausdächer sind begrünt, alle Bauten gedämmt, Dreifach-Verglasung ist Standard. In den Tiefgaragen kann man Elektroautos aufladen. An vielen Fassaden sind Luftpumpen für Fahrräder installiert.

„Ich habe Jahre gebraucht, um diese Stadt zu verstehen“, erzählt Musiker Ali von So and Such. „Es ist die dynamischste Stadt in Schweden. Sie schaut immer nach vorne.“

Von Robert B. Fishman




Info:

Malmö-Tipps

Allgemeine Stadtinfos: Börshuset, Skeppsbron  2, Telefon  0046-40341200, www.malmotown.com/de

Cafés: „Lilla Kafferösteriet“ ist ein kuscheliges Café in roher Holzeinrichtung mit idyllischem Garten im Hinterhof. Der Kaffee wird vor Ort selbst geröstet (angeblich der beste der Stadt), Baltzarsgatan 24, www.lillakafferosteriet.se

Ausgehen: Musikkneipe Folk å Rock, Lilla torg, Skomakaregatan 11, www.folkarock.se

Kunst: „Frank“ „ist eine ausgefallene Galerie mit Ateliers verschiedener Künstler in einer ehemaligen Fensterbauer-Werkstatt, Ahlemansgatan 3.

Rund um den Möllevångstorget finden sich einige weitere kleine Galerien.

Ausstellungen, Konzerte, Off-Theater, Lesungen und mehr findet man im „Inkonst“ in einer alten Fabrik, Bergsgatan 29, www.inkonst.com/en/

Einkaufen: Viele kleine Buch-, Design- und Trödel-Läden sowie Galerien finden sich rund um den Davidshalltorgen, die Helmfelts- und Friisgatan, zum Beispiel Ökokaffee, Designmöbel, Poster und Interieur im Hipstore, Friisgatan 16, www.hipstore.se

In das retro-charmante, in die Jahre gekommene Einkaufszentrum „Mitt Möllan“ aus den 70ern, ziehen immer mehr ausgefallene Kunst-, Design- und Ökoläden, Claesgatan 8, www.mittmollan.se

Museen: „Moderna Museet“,  Museum für Moderne Kunst, Ola Billgrens plats  2 bis 4, www.modernamuseet.se/malmo/en/

„Kunsthalle Malmö“ St Johannes­gatan 7, www.konsthall.malmo.se

Im Schloss Malmöhus und dem Schlosspark finden sich mehrere Museen, unter anderem das Technik- und Seefahrtsmuseum mit begehbarem U-Boot, diversen Schiffen, ein Aquarium, das Foto-Museum, Malmoehusvaegen 6, www.malmo.se/museer

In der ehemaligen Mazeti-Fabrik (Malmö Chokladfabrik) erzählt das Schokoladen-Museum die Geschichte und Geschichten der süßen Versuchungen, Möllevångsgatan 36B, www.malmochokladfabrik.se

Volkspark (Folkets Park): Retro-Stadtlandschaft vom Feinsten im Flair der 30er- und 50er-Jahre.

Baden: Malmö liegt am Öresund, der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden. Das Wasser ist hier oft wärmer als in Nord- und Ostsee.





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