Südafrika per E-Bike
Südafrika per E-Bike
10. Februar 2017

Fahrrad fahren mit Unterstützung liegt im Trend, Südafrika ebenfalls. Jetzt kombiniert ein Veranstalter beides und präsentiert in diesem Winter die erste deutsche E-Bike-Fernreise überhaupt. FORUM-Autor Christian Haas war bei der Testfahrt dabei.

Das ist ja viel sportlicher, als ich dachte“, bekennt Silvia nach ihrer allerersten E-Bike-Fahrt. Die hat ihr zwar frei lebende Pinguine und erhabene Blicke auf die wildromantische Kap-Halbinsel samt zerklüfteter Atlantikküste beschert, aber eben auch unerwartete Schweißperlen. „Ich hatte mit weniger Eigenleistung gerechnet. Eher mit so einem Mitfahrgefühl!“ Jetzt weiß sie es besser: Zwar sorgt der Elektro-Antrieb für Entlastung (und das in drei Intensitätsstufen), aber wer nicht in die Pedale tritt, kommt auch nicht voran. Nur wer druckvoll tritt, wird unterstützt. Diesen Komfort des Gebens und Nehmens wissen immer mehr Deutsche zu schätzen: 2016 fuhren bereits rund drei Millionen akkubetriebene Räder auf deutschen Straßen, Tendenz stark steigend.

Ein Markt, den zunehmend Tourismusverbände entdecken, indem sie Leihräder an Gäste vermieten. Spezialveranstalter haben entsprechende Touren, mitunter ganze Reisen im Programm. Nun wagt sich Belvelo, erst 2016 als Tochter des renommierten Veranstalters Lernidee Reisen gegründet, einen Schritt weiter und bietet E-Bike-Fernreisen an. Als erster Anbieter überhaupt!

Das Konzept: rund 14-tägige, von der Anreise über die Unterkunft und Transport bis zum deutschsprachigen Guide organisierte Gruppenreisen mit höchstens zwölf Teilnehmern und durchschnittlichen Tagesetappen zwischen 30 und 50 Kilometern. Das Motto: Im Mittelpunkt steht der Genuss – kulinarisch, kulturell und in der Natur – nicht der sportliche Wettkampf. Zehn Reiseziele stehen im druckfrischen Katalog, von Chile über  Marokko bis Vietnam. Ebenfalls dabei: Südafrika, das nach der „WM-Delle“ von 2010 einen starken Zuspruch erfährt, 2016 auf ein Rekordjahr von deutschen Besuchern zusteuerte. Na, wenn das mal nicht passt!

Doch bevor die erste „echte“ Reisegruppe losradelt, steht eine Testreise an. Unter den neun Teilnehmern mit dabei: Silvia. Mit knapp 50 Jahren liegt sie deutlich unter dem gefühlten

E-Biker-Durchschnitt (der Altersschnitt verschiebt sich gerade massiv nach unten). Doch schon zu Beginn der mehrtägigen Reise zwischen Kapstadt und George an der berühmten Garden-Route wird klar, dass es weniger aufs Alter ankommt, sondern eher auf die Affinität zum Thema Radeln, insbesondere zum E-Biken. Der diesbezüglich erfahrene Martin etwa führt trotz baldiger Pensionierung das sich rasch in die Länge ziehende Bikerfeld regelmäßig an. Mal von Jens Deister abgesehen. Der 46-Jährige ist unser Guide und ein echter Allrounder, kennt er sich doch sowohl mit dem Thema Radeln top aus – 1990 durchquerte er per Bike ganz Afrika! – als auch mit Südafrika.

Seit über 20 Jahren lebt er in Kapstadt, war mit einer Südafrikanerin verheiratet, gründete den Radreiseanbieter „African Bikers“, wobei dies hier auch seine erste E-Bike-Reise ist, und weiß generell ungemein viel über das Land, das dank der englischen Sprache und der zahlreichen europäischen Einflüsse so vertraut wirkt und dann doch wieder so exotisch. Die vielen Hautfarben der Menschen.

Die ungemein vielen endemischen Pflanzen, die beim Besuch im fantastischen Botanischen Garten Kirstenbosch geballt erlebt werden können. Und die tolle Tierwelt. Bei der Tour zum Kap der Guten Hoffnung etwa queren unvermittelt Strauße die Straße, etwas weiter sorgen am Wegesrand grasende Elenantilopen für Staunen und eine Extra-Fotosession. Die „Baboons“, possierlich wirkende Paviane, bieten sich auch gerne als Fotomodel an, aber Warnschilder weisen auf deren kriminelle Energie hin. Wir überstehen die Begegnungen jedoch schadlos.

Es gibt viele europäische Einflüsse

Auch von anderem Unheil bleiben wir verschont. Pannen? Während der sechs Tage keine einzige, woran sicher die nagelneuen, hochmodernen, extra aus Deutschland importierten 2.700-Euro-Räder samt Unplattbar-Bereifung und stets zuverlässiger Akkus großen Anteil haben. Unfälle? Fehlanzeige. Auch wenn der Linksverkehr und die vielen Impressionen durchaus vom Fahren ablenken. Vor allem auf dem Weg durchs quirlige Kapstadt, der vermutlich sportlichsten Etappe. Von der Talstation der Tafelberg-Gondelbahn, immerhin auf rund 400 Höhenmeter gelegen, geht es erst durch schönes Grün und später mitten durch die Stadt, in der zwar so manche Radspuren, aber Biker nach wie vor selten zu sehen sind. Silvias Einschätzung: „Wer in Deutschland ungern in der Großstadt fährt, wird hier erst recht leicht überfordert sein.“

Die meisten in unserer Gruppe sind es aber nicht und folgen Jens durch wohlhabende Wohnviertel mit vornehmen Häusern mit omnipräsenten Alarmanlagen und vielen Gittern, durch den berüchtigten District Six. Der wurde zur Hochphase der grässlichen Apartheid von Schwarzen „gesäubert“ und ist heute trotz zentraler Lage immer noch wenig besiedelt. Weiter geht es bis nach Langa, dem ältesten Township Kapstadts. Am Eingang dieser „Stadt in der Stadt“, in der rund 50.000 größtenteils Schwarze in Baracken und einfachen Häusern leben, holt uns Nati ab. Junger Mann, coole Sonnenbrille, Typ Spaßmacher. Der lebt hier schon immer und wird uns durch die Straßen zu dem Haus einer Bekannten geleiten, wo uns ein Mittagessen und der 50-jährige Vusi erwarten. Doch vorher großes Hallo. Mit Jens, der das ungewöhnliche Treffen organisiert – die allerwenigsten Touristen verirren sich in diese Armenviertel – und mit den Rädern. Nati will die „Wunderdinger“ sofort ausprobieren und cruist davon. „Das geb’ ich nicht mehr her!“, ruft er, um es nach dem Lunch freilich doch zu tun.

Abstecher ins Township

Nach zehn Minuten Fahrt durch arg vermüllte Straßen und an Minikiosken, Bretterverschlägen und spielenden Kindern vorbei (auffallend: Es sind kaum Smartphones zu sehen) biegen wir in die Einfahrt eines einfachen Hauses ein. Zeit für Essen und Zeit für eine Zeitreise. Vusi erzählt von vor 1990 und der Entwicklung danach. Auch wenn sich freilich seit der Präsidentschaft des allseits hochgeschätzten Nelson Mandela vieles verbessert hat, kommt der Langzeitarbeitslose doch zu der bitteren Erkenntnis: „Für uns hier im Township ist die Lage nicht viel besser geworden als vor 20 Jahren.“ „Das liegt vor allem an der miserablen Bildung. Wir wissen einfach nicht, wie etwas geht. Es zeigt uns niemand“, klagt Nati. Mit seinen geführten Touren weiß er immerhin eine Nische zu besetzen. Nach drei Stunden im Township fällt es erst mal nicht leicht, zum gewohnten Genussstandard zurückzukehren. Und der ist generell hoch: das von Live-Musik begleitete Dinner im „Africa Café“, die Weinprobe auf dem Land, die Wanderung auf den unglaublich beeindruckenden Tafelberg! Dann die Hotels, die alle über USPs (Alleinstellungsmerkmale) verfügen: direkt an der Vergnügungs- und Einkaufsmeile V&A Waterfront oder mitten im Weinort Stellenbosch gelegen, mal in der Halbwüste, mal mitten im privaten Game Reserve, bei dem die Teilnehmer mal vom Rad in den Jeep wechseln. Zwischen den Stationen übernimmt ein Kleinbus den Transport, allein die Strecke durch die Steppe der Kleinen Karoo würde per Bike Tage dauern, so nur ein paar Stunden.

Und dann erst die Hitze! Bei 36 Grad tagsüber wird selbst eine kurze Radetappe nicht nur Silvia zu viel. Kurzerhand wird diese in die weniger warmen Morgenstunden verlegt. Und Silvias 27 Kilo schweres Rad von Hans, dem Namibier mit dem urdeutschen Vornamen, auf den Anhänger gehievt. Praktisch: Wer nicht mehr kann oder will, nimmt eben den Bus, der als „Lumpensammler“ hinter der Radtruppe herfährt. Wobei man beim Radeln alles intensiver aufnimmt: die Gerüche! Die Farben! Der Fahrtwind, wenn es ganz ohne elektrische Unterstützung (bei 25 km/h riegelt diese ohnehin automatisch ab!) etwa durch die Schlucht von der Cango Cove runter zur Oystrich Farm geht, wo wir viel über Straußenzucht und interessante Fähigkeiten der Laufvögel erfahren. Und das dortige Büfett samt Straußenfleisch und Savannah-Cidre hat man sich dann auch noch mehr verdient. Ein gutes Gefühl ist das allemal. Und ein gutes Gefühl haben die meisten der Teilnehmer auch, was das Projekt „E-Bike-Fernreise“ generell anbelangt.

„Kann schon klappen“, prognostiziert Martin. „Aber es kommt sehr auf die Gruppe an. Wenn sehr unterschiedliche Fahrlevels und Vorstellungen vorherrschen, könnte es schwierig werden, alle bei der Stange zu halten.“ Und damit ist durchaus die Fahrradstange gemeint.




Info:

Belvelo ist der erste Spezialveranstalter für geführte E-Bike-Reisen auf allen Kontinenten. Im ersten Katalog, der diesen Sommer herausgebracht wurde, werden Reisen in folgende Destinationen angeboten: Jakobsweg, Toskana, Marokko, Chile, Costa Rica, USA, Vietnam/Kambodscha, Neuseeland und eben Südafrika.

Die Reise zwischen Kapstadt und Port Elizabeth wird 2017 zu sieben Terminen zwischen Februar und November angeboten und ist ab 2.545 Euro (ohne Flüge ab/bis D) beziehungsweise 3.495 Euro (inkl. Flüge ab/bis D) buchbar.

Infos und Buchung:

Telefon 030-786000124,
info@belvelo.de,
www.belvelo.de
sowie in allen guten Reisebüros



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