Setzt die Segel!
Setzt die Segel!
14. Juli 2017

Es gilt als eines der härtesten Segel­rennen weltweit: das Volvo Ocean Race. Eines der Teilnehmerboote steht jedoch, samt Crew, auch unerfahrenen Seglern zur Verfügung – in Abu Dhabi.

Ruhig liegt der schwarze Zweimaster namens Etihad Towers am Steg neben der momentan verwaisten Restaurantterrasse. Im beinahe wellenlosen Wasser und im Schatten der fünf teils über 300 Meter aufragenden Etihad Towers, dem architektonischen Wahrzeichen von Abu Dhabi. Das reichste der Emirate verbinden die meisten ja eher mit Formel 1 (jüngst wurde Nico Rosberg hier Weltmeister), Kunst (der spektakuläre Louvre Abu Dhabi soll tatsächlich bald öffnen) und natürlich mit jeder Menge Öl, nicht aber unbedingt mit Segeln. Passionierte Wassersportler, aktive wie passive, hingegen schon. Schließlich befindet sich hier ein ansehnliches Motorboot- und Segelrevier mit rund 120 (überwiegend natürlichen) Inseln und passablen Winden, die zahlreiche Regatten ermöglichen.

Die neben America’s Cup und Vendée Globe berühmteste Regatta machte hier bereits Station: das Volvo Ocean Race. Zuletzt in den Jahren 2014/15, wurden auf der inzwischen alle drei Jahre stattfindenden Weltumseglung zwar andere Häfen angesteuert, das Abu Dhabi Ocean Racing Team schaffte jedoch einen respektablen fünften Platz. Den belegte die 60 Fuß lange Etihad Towers bei ihrem großen Auftritt bei der Regatta 2001/02 ebenfalls. Sie pflügte sich wie das damalige deutsche Siegerboot Illbruck auf ihrem Weg von Southampton über Kapstadt, Sydney und Rio bis nach Kiel durch alle sieben Weltmeere und meisterte dabei 30 Meter hohe Wellen und Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 Kilometern pro Stunde.

„Endlich geht es wieder aufs Boot“

Die Crew machte auch was mit: Arbeit an Deck bei Wind und Wetter, Navigieren unter ständigem Zeitdruck und jede Menge Entbehrungen. Und das über acht Monate! Kein Salon, keine Kombüse, nicht einmal eine ordentliche Toilette befand sich an Bord. Ganz zu schweigen von einer Dusche oder gar einer Kajüte mit Bett. Geschlafen wurde ohnehin nur stakkatoartig – in Hängematten unter Deck. Bei schnellen Manövern musste ja rasch tonnenweise Segel- und Seil­material auf die andere Bootseite gewuchtet werden. Diese wilden Zeiten sind für die Race-Jacht zwar vorbei, doch ausgemustert ist sie noch lange nicht. Auf ihr (und auf einem Schwesterschiff) erleben nun „Normalsegler“ ganz besondere Abenteuer, die es woanders nicht gibt: Törns auf einem Volvo-Ocean-Race-Boot.

Stefan Fuchs, gerade noch in seiner Funktion als General Manager des Fünf-Sterne-Hotels „Jumeirah at Etihad Towers“ im Anzug, jetzt in luftiger Sportkleidung, grinst über das ganze Gesicht. „Endlich geht es wieder aufs Boot. Mein erstes Mal in dieser Saison!“ Die beginnt in der Regel Mitte September und dauert bis Juni. Im Sommer ist es für derlei Aktivitäten nicht nur zu heiß, sondern auch zu wenig windig. Und wie bei jeder Entbehrung ist das erste Mal immer wieder etwas Besonderes. Noch dazu, da die „Volvo Ocean Race Experience“ Fuchs’ „Baby“ ist. Vor zwei Jahren hat der vielgereiste Deutsche das Angebot „erfunden“. Bis dahin dümpelte das 18-Meter-Boot mehr oder weniger als schwimmende Werbefläche vor sich hin. „Aber warum nicht den Gästen des Hotels ein besonderes Erlebnis bieten?“, dachte Fuchs sich und heuerte Segelprofis an, die verschiedene Törns organisieren. Seit diesem Sommer sind Stuart Jackson und Tom Way von Pindar Sailing am Ruder. Als Letzterer, ein Brite um die 30, mir und sechs weiteren Gästen die Hand schüttelt, macht er schnell klar, dass wir auch an Bord unsere Hände brauchen werden. Nämlich zum Anpacken!

Die Dreharbeiten werden immer zu zweit ausgeführt

Die erste Viertelstunde fahren wir noch mit laufendem Motor. Das Meer ist hier flach wie ein Fladenbrot, Zeit also zum Reden.„Zweimal die Woche bieten wir eine dreistündige Sunset-Tour vor der Corniche an, so wie jetzt. Wir haben aber auch Nachtfahrten nach Dubai oder Mehrtagestörns bis in den Oman im Angebot“, erzählt Tom Way, der selbst schon eine WeltumseglungsRegatta meisterte und mit allen Wassern gewaschen ist. Auch wenn er als Skipper alles im Blick und seine vier Crewmitglieder im Griff hat, geht es bei diesen Törns ums Mitmachen. Nichts da mit Rumlümmeln auf dem Miezengrill (gibt es ohnehin nicht) oder Füße hochlegen (eh schwierig, weil überall Leinen rumliegen). Vielmehr heißt es bald: Action! Vor allem: kurbeln. Immer zu zweit werden Dreharbeiten durchgeführt. Erst zu hektisch, dann zu langsam. Doch schließlich sind die rund 270 Quadratmeter Segelfläche hochgezogen und flattern im Wind. Jetzt noch sämtliche Leinen gespannt und der Kurs aufs offene Meer gefestigt, dann schaltet Way den Motor aus. Ein erhebendes Gefühl. Die Stille! Die untergehende Sonne! Die angehenden Lichter der Stadt! Und es dämmert nicht nur vor der Corniche, sondern auch den Teilnehmern: Dies ist ein ganz besonderer Moment. Fuchs nennt es „Once in a lifetime experience“.

„Es hängt alles vom Wind ab“, sagt Holly, die neben Mahmoud und Niels zur Crew gehört. Und heute haben wir passable Werte. Fünf Beaufort sind zwar alles andere als extrem, aber für eine neue Frisur reicht es. Und für den „Groove“, bei dem das Boot in leichte Schräglage gerät. Wobei es beim Volvo Ocean Race und anderen Regatten eher darum geht, möglichst flach im Wasser zu liegen, so Way.

Überhaupt ist es anregend, ihm zu lauschen. Etwa wenn er von umherirrenden Eisbergen erzählt, von heftigen Stürmen und heftiger Flaute. Da liegen wir mit dem heutigen Seegang in der absoluten Komfortzone. Und lernen auch noch etwas. Übers Wenden, Navigieren und Steuern.

„Groove“ in der Schräglage

Nach zwei Stunden ist es endgültig dunkel. Das Riesenrad neben der Desert Mall sorgt für leuchtenden Wirbel, der Scheichpalast für Staunen. Fuchs ist selig und sein Grinsen noch breiter als beim Ablegen. Denn plötzlich zaubert er eine Flasche Champagner aus dem Unterdeck – samt bruchfester Kelche. Ein Luxus, den es beim Volvo Ocean Race sicher nicht an Bord gab.

Christian Haas


Info

Segeln: Zweimal pro Woche startet die drei­stündige Sunset-Tour um 16.30 Uhr am Jumeirah at Etihad Towers, Info und Buchung im Hotel, Kosten: circa 95 Euro pro Person

Schlafen: Jumeirah at Etihad Towers Hotel Abu Dhabi, 382 elegante Zimmer, drei Pools und sieben Restaurants, unter anderem das exquisite „Li Beirut“, DZ ab 195 Euro, www.jumeirah.com

Weitere Informationen: www.visitabudhabi.ae/de

 

 

 

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