Stadt der Macher
Stadt der Macher
7. Juli 2017

Wenn im September der Festspiel-Rummel abgeklungen ist, findet Bayreuth wieder zu sich selbst. Wer genau hinsieht, entdeckt in dem barocken Residenzstädtchen eine lebendige Kultur- und Kneipenszene, eine Bier-Erlebniswelt, geheimnisvolle Katakomben, einen Sonnentempel und ein Stück Afrika.

Gute Erinnerungen an einen stinkenden Raum voller Betrunkener“, steht auf dem Zettel, den ein Spaßvogel an die Pinnwand im Iwalewa-Haus geklebt hat. Die Ausstellungsmacher wollen von den Besuchern wissen, welcher ihr Lieblingsplatz in Bayreuth sei. Den Hofgarten nennt einer, die Uni, den Hauptbahnhof, von dem man am schnellsten von hier wegkomme, und natürlich – mit einem Herzchen versehen – das Iwalewa-Haus – ein deutschlandweit einmaliges Zentrum für afrikanische Kunst und Kultur der Gegenwart: In Fischernetzen hängen Zettel, Pässe und Stempel. Die Künstlerin Ndidi Dike dokumentiert mit ihrer in blaues Licht getauchten Ausstellung, warum so viele Afrikaner nach Europa fliehen. „Chinesen und Europäer überschwemmen unsere Märkte mit subventionierten Produkten“, beklagt die Nigerianerin. „Mit Hightech-Fangflotten fischen sie das Meer leer. Die Ölkonzerne zerstören mit Abwässern und undichten Pipelines den Boden.“

Zettel und Stempel zeigen, wie schwer ein Visum für die EU zu bekommen ist. „Du zahlst 400 Euro. Wenn sie dir die Einreise verweigern, ist das Geld verloren“, erklärt die Installations-Künstlerin und freut sich über das Interesse an ihrem Werk. „I love Bayreuth“, schwärmt die kleine, stämmige Afrikanerin. „Alles ist hier nah, die Leute arbeiten hart und das Iwalewa-Haus hat einen so wundervollen Kurator.“ 1981 entstand dieses Kulturzentrum in der Bayreuther Innenstadt als Satellit der Universität mit einem Schwerpunkt in den Afrika-Wissenschaften.

Eine leerstehende Fabrik wurde zur Skaterbahn

Lange Zeit war Bayreuth weniger Hochschulstadt als eine Stadt mit Uni, die weit draußen ihr Eigenleben führt. 13.500 junge Leute studieren auf dem Campus Natur- und Kulturwissenschaften, Jura, Wirtschaft und viele weitere Fächer.

Cornelius Sturm studierte dort Rechtswissenschaften und blieb. Jetzt lehnt der Wuppertaler mit dem roten Lockenkopf entspannt an seiner neuesten Errungenschaft: dem Kulturkiosk auf dem Gelände der Landesgartenschau 2016. Damals organisierte Cornelius alias Coco das Begleitprogramm der Gartenschau. Seinen Kiosk an einem künstlichen See sieht der umtriebige Strafverteidiger und Musiker als „Keimzelle“ für Ideen. Im Sommer will er ein Musikfestival organisieren. Neben seinem Eis- und Getränkeverkauf baut er eine Kleinkunstbühne für Liedermacher und Poetry Slams. In Bayreuth fühlt sich der Bandleader der Gothic-Gruppe Goethes Erben aufgehoben. Er lobt die grüne Hügellandschaft der Fränkischen Schweiz, die exzellenten, preisgünstigen Lokale und die angeblich maulfaulen, schwer zugänglichen Oberfranken: „Wer etwas auf die Beine stellen will, findet hier einen fruchtbaren Boden.“ Auch Peter Weinert schätzt die Unterstützung von Stadt und Kulturreferat. Mit Jugendlichen entdeckte der Hauptschullehrer eine verfallende, leerstehende Fabrik aus den 20er-Jahren in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Aus der Idee, daraus etwas zu machen, wurde eine der wenigen Skaterhallen Deutschlands. Auf die Idee brachten den 53-Jährigen seine Söhne, beide Skater, die in Bayreuth einen Platz für ihre Leidenschaft vermissten. Nach anfänglicher Skepsis hätten die Verantwortlichen der Stadt „gemerkt, dass wir wirklich etwas tun“, freut sich Weinert. „Alles selbst gebaut“, versichert er zwischen Rampen und Podesten aus verschraubtem Sperrholz, über die Jungs mit ihren Boards rauschen, Sprünge und Kurven üben. In der Schoko-Fabrik organisiert Weinert mit zwei Teilzeit-Mitarbeitern und einigen Ehrenamtlichen Skate-Wettbewerbe, Street-Art-Workshops, Konzerte, eine Geschichts- und eine Demokratiewerkstatt mit Jugendlichen. „Die lernen hier, dass man mit Engagement und Kompromissbereitschaft etwas erreichen kann“, und blieben dabei, „wenn sie sehen, dass sich etwas bewegt“. Vor allem die Skate-Halle lockt junge Leute an.

Jonas und Damian, zwei schlaksige Jungs mit Skateboard unterm Arm, sinnieren über ihre Heimatstadt: Die Schoko-Fabrik sei „schon eine coole Location“. Und sonst? „Chillen im Hofgarten“ oder auf dem Landesgartenschau-Gelände finden sie auch nicht schlecht. Jonas, der 16-Jährige, ist mit der Realschule fertig. Er will eine Ausbildung als Kinderpfleger machen und bleiben. Damian, ein Jahr älter, wechselt auf die Fachoberschule und würde gerne mal in einer größeren Stadt leben. Peter Weinert nennen sie hier „den Weini“. Der bärtige Bär kommt in Wollpulli und Parka um die Ecke. Er findet, „dass Bayreuth ein guter Ort ist, um Kinder großzuziehen“, überschaubar, sicher und kurze Wege. Viele seiner Freunde seien nach Berlin gegangen, einige wiedergekommen. Weinert blieb. „Wegen der Familie“, schiebt er nach. Es klingt nicht nach verpasster Chance, im Gegenteil: Bayreuth sei „kleiner als Kreuzberg. Dafür ist hier eine Menge los“.

Leere Wohnungen als Kulturräume

Im „Phoinix“ zum Beispiel organisieren Ehrenamtliche Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. An der selbstgebauten Theke in einer ehemaligen Wohnung verkaufen sie Bier für zwei und Wein für drei Euro. Unten in der einstigen Metzgerei legen DJs auf. Ein Zimmer hat sich der stadtbekannte Graffity-Sprayer Michael Schobert alias Rebel zum Atelier umgebaut. Die schwarz-weiße Wand gegenüber mit der fliegenden Tasse war sein erstes öffentliches Werk. Als Künstler fühlt sich der 44-Jährige in Bayreuth akzeptiert. Seinen Job als freier Kameramann hat er aufgegeben. Er lebt jetzt von seiner Kunst, gestaltet Wände und Fassaden an Gebäuden wie der Marktgrafenschule oder dem städtischen Schwimmbad. Das „Phoinix“ entstand wie so vieles in Bayreuth aus der Initiative einiger Kulturinteressierter. Sie fragten bei der Stadt, ob sie das leerstehende Haus in der Kämmereigasse vorübergehend nutzen könnten. Inzwischen verhandelt der 42 Mitglieder starke Verein mit der Verwaltung über einen dauerhaften Umbau zum Künstlerhaus. „Das Kulturamt ist von unserem Konzept begeistert“, freut sich Mit-Gründer Alex Stiefler bei einem Bier an der „Phoinix“-Theke. Jeden Sonntag zeigen Kinobegeisterte ausgefallene Filme, dienstags bietet der Verein Sübkültür Lesungen, Vorträge oder Poetry Slams.

Anders als in den teuren Großstädten finden sich in Bayreuths Zentrum Freiräume. In Gassen rund um die boulevardbreite Flaniermeile Maximilianstraße stehen einige Wohnungen leer, vereinzelt sogar ganze Häuser. In der Sommersonne schimmern die innerstädtischen Sandsteinbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert goldgelb. Im Winter wirken sie grau und trist. „Viele Eigentümer wollen nichts investieren und verlangen zu hohe Mieten“, vermutet ein Redakteur der örtlichen Zeitung. Während sich die Dörfer im nahen Fichtelgebirge leeren, halte Bayreuth seine Einwohnerzahl von derzeit etwa 75.000. Die Uni und junge Leute aus dem Umland senken den Altersdurchschnitt. Das „Phoinix“ liegt in Wurfweite von Kneipen, Cafés und der Friedrichstraße mit dem Neuen Schloss, einer der besterhaltenen Barockstraßen Deutschlands. Im 18. Jahrhundert heiratete die Schwester des späteren Preußenkönigs Friedrich II. den Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, einem Provinzflecken im Nirgendwo zwischen Sachsen und Bayern. Markgräfin Wilhelmine liebte Kunst und Architektur. Sie ließ den Barockpark Eremitage mit Schlösschen, Wasserspielen, künstlichen Grotten und dem goldgekrönten Sonnentempel bauen, gab das Neue Schloss, einen weiteren Park und das Opernhaus in Auftrag, das inzwischen zum Weltkulturerbe zählt.

Als Komponist Richard Wagner wegen eines Streits mit König Ludwig aus Oberbayern verschwinden musste, suchte er ein Opernhaus für seine gigantomanischen Kompositionen. Er entdeckte den Bau der Markgräfin, fand ihn zu klein und überzeugte reiche Bayreuther, ihm ein eigenes Konzerthaus zu finanzieren. So entstand auf dem Grünen Hügel für Wagners Monumentalopern das heutige Festspielhaus. Sein Judenhass hielt ihn nicht davon ab, das Geld eines jüdischen Gönners zu nehmen. Die dunklen Seiten des Komponisten und die Vereinnahmung seiner Werke durch die Nazis ignorierte das offizielle Bayreuth lange. Schon vor der Machtergreifung 1933 sorgte der braune Mob für den Boykott jüdischer Geschäfte. Wagners Schwiegertochter Cosima und andere Mitglieder der Familie verehrten Adolf Hitler. Der wollte Bayreuth zur Gauhauptstadt mit Aufmarschplätzen, Versammlungshalle und Nazi-Kultstätte umbauen. Inzwischen zeigt das Historische Museum der Stadt das Modell und die Pläne seines Bayreuther Architekten Hans Carl Reissinger.

Ein Gemeindevorsitzender als Macher

Das neu gestaltete Richard-Wagner-Museum widmet dem Dritten Reich in Bayreuth einen Teil seiner Ausstellung. Vor dem Festspielhaus erinnern Metalltafeln an verfolgte jüdische und politisch missliebige Künstlerinnen und Künstler. Die 1760 geweihte Synagoge hat den Nazi-Terror als Anbau an das Markgräfliche Opernhaus überstanden. Die Zerstörung der einen hätte die Vernichtung des anderen bedeutet. Die jüdische Gemeinde, die dank der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wieder mehr als 500 Mitglieder zählt, hat ihr Gotteshaus inzwischen komplett saniert und eine neue Mikwe, ein religiöses Tauchbecken, eingebaut.

Der Gemeindevorsitzende Felix Got­hart, ein jugendlich wirkender Mitt-Fünfziger mit Dreitagebart, strubbeligem grauen Haar und Baseballkappe statt Kipa auf dem Kopf, ist einer der Macher, die Bayreuth bewegen. Seine Eltern, polnische Juden, die die Konzentrationslager knapp überlebt hatten, verschlug es 1945 nach Bayreuth. Aus Theresienstadt befreit, fand sein Vater, der Englisch sprach, eine Anstellung bei der US-Armee. Die schickte ihn nach Oberfranken, wo Sohn Felix zur Welt kam und als Erwachsener die Gemeindearbeit übernahm. „Wer die mit dem Herzen macht“, sagt Gothart, „hat die Unterstützung von ganz oben, von der Stadt und der Regierung.“ Da ist er in Bayreuth nicht der Einzige.

Robert B. Fishman



Info

Bayreuther Festspiele: Tickets: Telefon 0921-78780 , www.bayreuther-festspiele.de, Führungen durch das Festspielhaus von September bis Ende April

Museen und Entdeckungen:
Richard-Wagner-Museum: Haus Wahnfried, einst Wohnhaus des Komponisten und seiner Familie, Richard-Wagner-Straße 48, Telefon 0921-7572816, www.wagnermuseum.de

Schloss und Park Fantaisie sowie die Eremitage: www.bayreuth-wilhelmine.de, Barocke Pracht entfaltet der Park Eremitage mit seinem Sonnentempel, den Wasserspielen, Gartenanlagen, Ruinenschloss, künstlichen Grotten und weiteren Bauwerken,
www.eremitage-bayreuth.de

Iwalewa-Haus: Wölfelstraße 2, www.iwalewahaus.uni-bayreuth.de

Synagoge: www.ikgbayreuth.net

Ausgehen:
Torten-Schmiede: Ausgefallene Torten, Kuchen und andere Kalorienbomben zum Bio-Kaffee serviert Konditor Alexander Pleithner in seiner Torten-Schmiede, Ludwigstraße 10, Telefon 0921-16808031, www.torten-schmiede.de

Kraftraum: Im gemütlichen Café-Restaurant mit vegetarischer Küche, die viele regionale und Bio-Produkte ver­wendet, treffen sich die Kreativen der Stadt, Sophienstr. 16, Telefon 0921-8002515, www.cafe-kraftraum.de

Forum Phoinix: Der gleichnamige gemeinnützige Verein betreibt das alternative Kulturzentrum in einer ehemaligen Metzgerei, Kämmereigasse 9 1/2, www.forumphoinix.de

Kultur im Becher: Comedy, Kabarett, Konzerte, Lesungen und mehr veranstaltet Michael Kraus mit seinem Team im Becherbräu, St.-Nikolaus-Straße 25 www.kultur-im-becher.de

Schoko-Fabrik: Gaußstraße 6, www.schoko-bayreuth.de

Theater: Studiobühne Bayreuth: „Kultur für alle“ bietet das freie Theater in einem ehemaligen Offizierscasino von 1907, an weiteren Spielorten und im Sommer gerne auch draußen. www.studiobuehne-bayreuth.de

Weitere Infos: Bayreuth Marketing und Tourismus, Telefon 0921-88588, www.bayreuth-tourismus.de


 

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