Wo der Wind uns hintreibt
Wo der Wind uns hintreibt
19. Mai 2017

Endlich bin auch ich getauft. Auf den Namen „Großfürstin Katharina, edle Dame des Himmels, ohne Furcht, aber jetzt mit Adel zu Steinbach“. Klingt verrückt, doch diese Zeremonie ist üblich, wenn man sich das erste Mal auf das Abenteuer Ballonfahrt einlässt. Inklusive Erhebung in den Adelsstand.

In 1.000 Metern Höhe ist auf einmal alles ganz still. Fast schwerelos gleitet der Ballon durch die Lüfte. In alle vier Himmelrichtungen ist der Blick frei, der Himmel klar, die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Pracht, grünt und blüht. Die Ballonfahrt-Saison ist eröffnet. Und von oben sieht die Landschaft wenig besiedelt aus. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Fahrt, einen Kilometer vom Boden entfernt, traut man sich, einen Blick aus dem Korb hinaus nach unten zu werfen. Sachte neigt sich der Oberkörper über den Korb, der etwa bis zum Bauchnabel reicht. Schwindelfrei sollte man schon sein, wenn man in einen Heißluftballon steigt. Ein Kilometer nach oben kommt einem wesentlich höher vor, als die gleiche Distanz horizontal auf dem Boden.

Der Aufstieg bis zu der Maximalhöhe am heutigen Tag geht zügiger vonstatten, als man es als Betrachter von außen vermutet. Das Geräusch, wenn das Gas entflammt wird und in den Ballon aufsteigt und somit den Auftrieb verursacht, ist erstaunlich laut. Aber ganz oben, an den Wolken kratzend, herrscht nichts als Stille und Weitsicht. Wäre da nicht Kapitän Fritz Hansen, der gerne plaudert und sämtliche Anekdoten seiner langjährigen Erfahrung zum Besten gibt. Aber alles halb so wild – er meint es gut, lenkt die Passagiere ab, denn nicht alle an Bord steigen ohne wackelige Knie Richtung Himmel.

Eine Stunde in der Luft peilt unser Pilot vorher an. Die Zeit braucht man auch, um erst mal die 1.000 Meter Höhe zu erreichen und dann letztlich etwa acht Kilometer an Strecke zurückzulegen. Woher er das so genau weiß? Auch ein Ballon ist natürlich mit unentbehrlichen Messgeräten wie beispielsweise einem Höhenmesser oder einem Funkgerät ausgestattet. Ohne geht es nicht. Genauso verhält es sich mit Feuerlöscher und Löschdecke. Ein Kappmesser, falls man irgendwo hängenbleibt, sollte auch nicht fehlen. Das macht Mut…

Der Höhenmesser ist selbstverständlich obligatorisch – schließlich darf ein Ballon nicht planlos in der Luft herumfahren. Wenn man in Städten mit Flughäfen in der Luft unterwegs ist, kommt unter Umständen mal die Ansage, dass eine Boeing im Anflug ist und man auf 1.500 Fuß runter soll. „Man muss dann natürlich wissen, wann die Höhe erreicht ist“, weiß Hansen. Wie lange man letztlich in der Luft ist, hängt aber nicht nur vom Gas-Vorrat, sondern auch von den Landemöglichkeiten ab. Der Untergrund muss geeignet sein. „Wir wollen ja nicht mit dem Korb umfallen“, scherzt Hansen.

Ballonfahren kann man prinzipiell das ganze Jahr hindurch. Entscheidend ist die Wetterlage. Das erklärt auch, weshalb ein Pilot richtig fit sein muss in puncto Wetterkunde, Thermik und so weiter. Angenehm für alle, die „nur“ mitfahren wollen, ist die Zeit von April bis Oktober. Warm ist es oben in der Luft eigentlich – der Brennerflamme sei Dank. Aber bei schönem Wetter macht das Ganze natürlich mehr Spaß und wird zu einem einzigartigen Erlebnis. „Die trockenen Monate bieten sich allein schon wegen dem Aufbau an. Wir brauchen wegen dem großen Ballon einiges an Platz. Und wenn der Grund trocken ist, wird der Schirm weniger verunreinigt“, erklärt Hans.

Die Antwort auf die Frage, wie und wie schnell man wieder runter kommt, wenn man möchte, ist denkbar einfach: „Indem ich gar nichts mache“, sagt Hansen und fügt hinzu: „Mit der Hitze steigt der Ballon. Solang er mit warmer Luft gefüllt ist, steigt er. Heize ich nicht nach, fällt er automatisch. Mit dem Heizen steuere ich die Höhe. Die Fahrtrichtung kann ich nicht bestimmen. Das macht der Wind für uns.“ Über 200 Fahrten hat Fritz Hansen bisher absolviert und hegt immer noch die Leidenschaft für sein besonderes Hobby. „Wenn du im Alltag Stress hast, ist alles egal, sobald du dich in die Luft begibst.“ Das Schöne für alle anderen: Er kann jedermann an seinem Hobby teilnehmen lassen. Auch für Hansen ist das schön, denn so kommt er immer wieder mit netten Leuten ins Gespräch. Wer gewerblich Ballon fährt, teilt sich den Korb mit fünf anderen Personen.

Bei Hochspannungsmasten und Windrädern ist Vorsicht geboten. Und zwar im Vorfeld. Schließlich sind kurzfristige Manöver mit einem Ballon nicht machbar. Der Wind bestimmt auch in diesem Fall, wo es lang geht. Ein Experte wie Hansen weiß aber auch, dass er durchaus mit sich verändernden Luftströmen arbeiten kann. Geht der Wind zunächst Richtung Osten auf tieferer Höhe, kann er zwei Meter höher eher Richtung Süden ziehen. Der Wind variiert mitunter relativ stark vom Boden bis auf 2.000 Meter. So hoch geht es für Erstfahrer aber selten. Vor drei Jahren ist Franz Hansen über die Alpen gefahren. Gestartet waren er und sein Team damals am Tegernsee, viereinhalb Stunden später sind sie zwischen Treviso und Venedig gelandet. Der Ballon war entsprechend dem Treibstoffvorrat ein gutes Stück größer als jene, die man so vom Abendhimmel kennt. „Wir sind bei null Grad im Winter am Tegernsee gestartet, waren auf dem Alpenhauptkamm auf 5.000 Metern bei minus 35 Grad und sind in Italien bei plus 15 Grad gelandet. Das war heftig und ein zugleich unbeschreibliches Erlebnis.“ Der Blick reichte bis zur Adria über die kompletten Schweizer Alpen und die andere Seite. Wir haben zwischenzeitlich in den Dolomiten den Funkturm in München gesehen. Aber auch heute wird es schön. Wir werden noch vor dem Sonnenuntergang landen. Da ich kein Licht habe, sehe ich auch keine Hindernisse mehr in der Dunkelheit. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang ist aber ausreichend, um auch noch alles einzupacken.“

Der Ballon hat 3.000 Kubikmeter Fassungsvermögen. Mit Korb misst er etwa 29 Meter Höhe, gehört damit zu den kleineren Modellen. Vier Leute finden in unserem Korb Platz, mit dem Piloten, der eine Privatlizenz hat. Es gibt aber auch Körbe, in die bis zu 15 Personen hineinpassen. Der Schirm eines Ballons besteht aus Polyester, drum herum ist sogenanntes Nomex, das sich dadurch auszeichnet, schwer entflammbar zu sein. Ist auch besser so, in Anbetracht dessen, dass die Brennerflamme dem Schirm sehr nahekommt. Die Gasflaschen sind extra für die Ballonfahrt konstruiert. Die Sicherheit steht dabei im Vordergrund. Acht Knoten Bodenwind sind das Maximum, bei dem man starten darf. Hansen versichert: „Heute wird es aber gemütlich. Es herrscht wenig Wind. Wie man abhebt, kommt man auch wieder runter“ – über eine ruppige Landung muss man sich also keinen Kopf machen. Kaltluft kommt zuerst beim Befüllen des Schirms, dann wird er erst mal groß und prall. Danach kommt die Heißluft mit der Brennerflamme und dann hebt er ab. Wie schon erwähnt: Runter kommt er von alleine. Das Ziel ist auch schnell gefunden, und so peilen wir die Landung auf einem Rapsfeld an. Auf alles gefasst und den Sicherheitsgriff fest in der Hand ruckelt es dann beim ersten Bodenkontakt kurz, bis der Korb zur Landung und absolutem Stillstand kommt. Geschafft!

Jetzt wird nur noch mit versammelten Kräften zusammengepackt und bei einem Erfrischungsgetränk über das gerade Erlebte sinniert.

Von Katharina Ellrich

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