Alltägliche Desinformation
Alltägliche Desinformation
20. Juni 2014

Wir erleben eine Flut von Nachrichten, die eigentlich gar keine sind.

Gelegentlich kommt es uns vor, als stehe die Welt permanent unter Strom. Das wollen uns jedenfalls Nachrichten-Fabulierer weismachen. Wir sollen elektrisiert werden. Von Ereignissen, die keinerlei Relevanz für das Leben eines Normalbürgers haben, wird in Echtzeit berichtet. Ein Nachrichtensender verkündete als „breaking news“, der Zustand des im Koma liegenden Michael Schumacher sei „unverändert“‘. Das Magazin „Focus“ meldete permanent über seinen Live-Ticker Fakten, Fakten, Fakten: „Schumachers Zustand unverändert.“ Wobei uns ein Aphorismus des Wiener Spötters Karl Kraus einfiel: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht einen Journalisten aus.“

Während viele Sender über die Vorgänge in der Ukraine berichteten, schalteten etliche Sender unten im Bild Laufbänder ein. Während Menschen für ihre Rechte demonstrierten, mussten wir gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass der Dax mit einem Plus von 0,02 Prozent aus dem Handel gegangen war. Der Kurs von Danone lag unverändert bei 50,70, was alle Fruchtzwerge gefreut haben dürfte. Frankreich: Regierung zurückgetreten – Ist Kim Gloss eifersüchtig? – Steinmeier: Hoffnung auf No-Spy-Abkommen – Emma Watson will nicht brav sein – Erdogan droht Gegnern – Wenn Sebastian Madsen Stracciatella-Eis isst, kann er keine Texte schreiben. Wir auch nicht.

Alles muss schnell gehen, und nur Neues wird als interessant verkauft. Dabei ist dies mindestens 170 Jahre alt. Am 24. Mai 1844 stellte Samuel Finley Breese Morse die erste Telegrafenverbindung her. Vier Jahre später wurde die Presseagentur AP gegründet. Zeitungen nutzten die Möglichkeit, Nachrichten aus aller Welt aktuell zu übermitteln. Was sich änderte? Nicht mehr die Qualität der Meldungen war von Belang, sondern die Zahl der gelieferten Informationen.

Der Telegraf war der Angriff auf den Buchdruck: Belangloses, Zusammenhangloses wurde produziert. Der Schriftsteller Henry David Thoreau: „Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegrafen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. Vielleicht lautet die erste Nachricht: Prinzessin Adelheid hat Keuchhusten.“

Wenn heute jemand hustet, kann das die ganze Welt mitbekommen – per Live-Ticker, über Apps, via Twitter, auf Facebook. Aber welche Auswirkungen haben diese Desinformationen für unseren Alltag? Was unternehmen wir zur Eindämmung des Konflikts im Nahen Osten? Wie treten wir für Umweltschutz ein? Wie stehen wir zur Integration von Flüchtlingen? Wir sind so frei und erklären: Wir machen gar nichts. Alle vier Jahre geben wir anderen die Macht, für uns zu handeln. Die politische innere Kündigung als Folge der politischen Ohnmacht.

Wir geben nicht nur unsere Stimme ab, auch unsere Meinung, die von Meinungsforschern verwurstet wird. Mit ihren meist dürren Fragen legen sie sich eine Version der Realität zurecht, die sie uns in Politbarometern verkünden. Die uns hingeworfenen Nachrichten entlocken uns zwar Meinungen. Aber die bieten wir als Stoff für weitere Nachrichten an – mit denen wir dann erneut nichts anfangen können. Es gibt zu viele Antworten auf ungestellte Fragen.

Die Beschleunigung des Lebens hatte schon Ende des 19. Jahrhunderts fatale Auswirkungen. Die Neuras-thenie war Folge eines Wandels mit Fließbandarbeit, immer schnelleren Autos. Extra-Blatt! Extra-Blatt! Wer bei Schach zur Besinnung kommen wollte, spielte lieber Blitz-Schach. Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind die Lebensbeschleuniger mit Internet und 100 TV-Programmen unsere Wegbegleiter. Das Tempo ist teilweise unmenschlich geworden. Die Nachrichten verbrennen uns. Burnout. Die Zahl der Nervenärzte und Apotheken hat sich in vier Jahrzehnten vervielfacht. Wir stellen fest, dass uns der Überfluss an Nachrichten zu konsumierenden Lemmingen degenerieren lässt. Dazu passt der berühmteste Satz des englischen Poeten Samuel Taylor Coleridges: „Wasser, Wasser überall, aber kein Tropfen zu trinken.“

Von Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (67) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und ist jetzt wieder im Saarland heimisch.







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