Anders leben im Alter
Anders leben im Alter
3. Juni 2016

Wie mit dem Thema Rente Ängste geschürt werden

Damit die vielen Sender täglich etwas zu senden haben, erfinden zum Beispiel Politiker immer neue Themen. Welche Sau wird gerade durchs Dorf getrieben? Rente! Altersarmut! Da lassen sich herrlich Ängste schüren. Das ist ein alter Trick: Wer Angst sät, will Macht ausüben.

Natürlich ist es sinnvoll, sich für das Alter abzusichern. Was wir brauchen, entscheiden wir allerdings selbst und nicht Politiker oder die Versicherungswirtschaft. Wenn mit der Erfahrung der vielen Lebensjahre ein wenig Weisheit aufglimmt, dann kommt auch die Erkenntnis: So viel wie früher benötigen wir gar nicht. Zufriedenheit lässt sich nirgends kaufen.

Es entdeckte also kürzlich der Horst Seehofer, dass es eine Rentenreform geben müsse – nach der Bundestagswahl im Herbst 2017. Was machen solche Politiker eigentlich während einer Legislaturperiode? Koalitionsgespräche, Parlamentspausen, Vorwahlkampfzeit – das zieht sich. Und weil der CSU-Seehofer ein so schönes Thema erfunden hatte, musste der SPD-Gabriel auch für eine Rentenreform sein, weil zu vielen Wählern später einmal die Armut drohe. Ja, Herr Gabriel, wo waren Sie, als die rot-grüne Regierung die Riester-Rente einführte? Und hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass die SPD früher eine sozialdemokratische Partei war, die sich nicht an Umfrage-Ergebnissen, sondern an Inhalten orientierte?

Kaum hatten wir uns abgeregt, da forderte CDU-Finanzminister Schäuble eine Rente mit 70. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Rente aktuell um 4,25 Prozent (West) und 5,95 Prozent (Ost) zu erhöhen. Schön, damit gründen wir eine Briefkastenfirma in Panama.

Jetzt warten wir darauf, dass die Schlaumeier erklären, was bis 70 gearbeitet werden soll. Hier ein Tagesablauf von Rentnern, den es in der Realität schon gibt: morgens Pfandflaschen sammeln, mittags bei der Tafel essen, abends putzen gehen und nachts Zeitungen austragen. Und von dem Geld dann Chemikalien kaufen, die hierzulande als Lebensmittel angepriesen werden.

Wo diese Senioren künftig ihre Mahlzeiten – außer bei der Tafel – einnehmen werden, steht nicht mit Sicherheit fest. Gehätschelte Investoren sorgen dafür, dass immer mehr ältere Menschen ihre liebgewonnenen Wohnungen nicht mehr bezahlen können.

Die von Politikern geschürte Angst treibt etliche besorgte Bürger des zertrümmerten Mittelstandes ausgerechnet zur AfD, von der nun wirklich ätzende neoliberale Thesen zu hören sind. Wie hat Oma schon gesagt: Die dümmsten Schafe suchen sich ihre Schlächter selber.

Da es sich laut Bundesprediger Joachim Gauck bei Deutschland um eine freiheitliche Demokratie handelt, so sind wir denn so frei und leben anders als uns die Parteien und Interessengruppen haben wollen. Wir haben einen großartigen Hausarzt, den wir nur aufsuchen, wenn es nötig ist. Wenn wir menschlichen Kontakt brauchen, rufen wir Kumpels an und schwenken. Wir lassen uns von den Schein-Studien der Pharmazeuten bezüglich Cholesterin-Spiegel und Prostata-Werte nicht kirre machen. Da werden die Messlatten derart manipuliert, dass aus gesunden Gesellschaften kranke Gesellschaften werden.

Gelegentlich gönnen wir uns außergewöhnliche Veranstaltungen. Auch ansonsten nehmen wir rege am kulturellen Leben teil – „für so“, wie der Saarländer sagt. Es gibt an bestimmten Tagen freien Eintritt in Museen. Kinos bieten günstige Karten für bestimmte Termine an. Ein kostenloses Event haben wir fest eingeplant: Am 5. Juni gibt es ein Open Air-Konzert auf dem Landwehrplatz. Das wunderbare Theater im Viertel lädt ein zu Musik von Jimi Hendrix, Carlos Santana, Django Reinhardt. Wir klappern die Kulturbüros der Gemeinden ab und stellen fest: Die Ausgaben für Teilhabe an vielfältiger Kultur lassen sich um mehr als 90 Prozent reduzieren.

Ansonsten geben wir gerne alles aus, wenn etwas von der Rente nach Abzug der monatlichen Kosten übrig ist. Wir schenken auch viel. Trinkgeld der netten Dame im Friseursalon, ein Lächeln der Dame an der Kasse des Discounters. Es macht keinen Sinn, auf dem Friedhof später der Reichste zu sein.

Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (70) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.




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