Auf Du und Du
Auf Du und Du
2. Oktober 2015

Die leidige Sache mit der Anrede führt immer wieder zu Irritationen

Engländer und Amerikaner haben es leichter als wir Deutsche. Sie sagen einfach „You“, also „Du“, und zwar immer und überall. Herrlich einfach. Während wir uns immer wieder mit der Frage beschäftigen müssen, wen wir siezen müssen oder duzen dürfen. Wer hat sich das eigentlich mal ausgedacht?

Zum Beispiel neulich auf der Party eines Paares, das ich erst seit Kurzem kenne. Mit denen bin ich natürlich per Du. Aber da sind noch andere Gäste, die allermeisten jenseits der 50. Ich erinnere mich an die Feten in meiner Jugend. Da wurde natürlich jeder geduzt. Aber hier in dieser Altersklasse? Die meisten Gäste kenne ich nicht. Darf ich die jetzt automatisch duzen, weil sie Freunde meiner Freunde sind? Wäre doch irgendwie logisch. Keine Ahnung, ob die das auch so sehen.

Meine neuen Freunde jedenfalls führen mich liebevoll in ihren Bekanntenkreis an dem Abend ein. Und dann geht’s schon los. Da stellt sich dann einer zum Beispiel mit „Hallo, ich bin Stefan“, vor. Erleichterung. Wenn der seinen Vornamen sagt, darf ich auch duzen. Alles klar soweit. Der nächste bitte. Der sagt erst mal nix. Blöd. Meine neuen Freunde übernehmen das dann. „Darf ich dir unseren Nachbarn, Herrn Professor Schmitz vorstellen?“. Äh, Nachbar? Ist das jetzt jemand, der auf diesem Fest geduzt werden darf? Herr Professor guckt ein bisschen blasiert. Mutig mache ich den Anfang. „Hallo, ich bin Heike“, sag ich und versuche, ungezwungen zu lächeln. „Angenehm, Schmitz.“ Oha! Was heißt das jetzt? Darf er mich jetzt duzen, weil ich mich mit „Heike“ vorgestellt habe, und ich muss ihn siezen, weil er sich mit „Schmitz“ vorgestellt hat? Ich drehe nervös mein Sektglas in den Händen, setze eine souveräne Miene auf, lächele überlegen – und flüchte Richtung Büfett.

Lustig wird es dann auch, als ich mich später in einer kleinen Runde wiederfinde. Ein paar Du-Partner habe ich mittlerweile identifiziert, aber dummerweise stehen in dem Kreis auch Leute, die ich noch nicht überprüft habe. Es wird munter drauflosgeredet, der Alkohol-Pegel ist schon etwas gestiegen. Ich verirre mich vor lauter Übermut irgendwann im Du- und Sie-Labyrinth. Habe ich jetzt den 75-jährigen Vater meiner neuen Freundin gerade geduzt? Geht komplett gegen meine Erziehung. Ich tue so, als hätte ich es nicht gemerkt.

Beim Du oder Sie fällt man immer gerne über die Altersfrage. Neulich fragt mich ein junges Paar in der Stadt nach dem Weg. Sie sehen echt sehr jung aus. Duzen oder nicht? Ich sieze sicherheitshalber. Sie schauen mich verdutzt an. Ich komme mir sehr alt vor.

In manchen Kreisen ist es übrigens total verpönt, sich zu siezen. Künstler zum Beispiel. Die geben sich gerne betont locker, freigeistig, unkonventionell. Da wird nur geduzt. Wenn man da reingerät und jemanden mit Sie anredet, hat man sich sofort als Unkreativer geoutet.

Echt anstrengend wird es, wenn man in einer Situation steckt, wo es überhaupt nicht klar ist, ob man jetzt siezen oder duzen soll. Hat aber auch Vorteile, denn man entdeckt eine ungeahnte sprachliche Kreativität im Ausdenken von Ausweich-Formulieren. Da entstehen ganz neue Kommunikationsstrukturen. Zum Beispiel, anstatt zu fragen: „Wie stellst Du/wie stellen Sie sich diesen Ablauf vor?“, kommt dann: „Wie soll das ablaufen?“. Genial, oder?

Natürlich gibt es auch noch die Möglichkeit des Frontal-Angriffs. Von „Wir sind doch per Du, oder?“ über „Sagen wir einfach Du!“ bis hin zu „Ist es Ihnen Recht, wenn wir Du sagen?“ ist alles möglich. Befreiendes Gefühl, wenn man das dann geklärt hat. Schwierig wird es aber bei Menschen, die duzen wollen, aber trotzdem immer wieder ins Sie fallen.

Wie zum Beispiel einer unserer Nachbarn. Ein sehr netter älterer Herr. Er hat mir das Du angeboten. Ich halte mich auch unerschütterlich daran. Nur leider er nicht. Das Ergebnis ist, dass unsere Unterhaltungen eine Art Spontan-Comedy sind. Ich beginne das Gespräch mit Du, er antwortet mit Du, ich weiter mit Du, er sagt Sie. Ich bin irritiert, sage dann aus Verlegenheit auch Sie. Es geht ein paar Sätze mit Sie weiter, dann duzt er wieder. Ich bin erleichtert, duze wieder, plötzlich siezt er mich wieder, und so weiter und so weiter.

Schweigen soll ja Gold sein. Zumindest empfiehlt es sich manchmal in scheinbar ausweglosen Du- und Sie-Situationen. Und während man schweigt, kann man sich wünschen, man wäre Engländer.

Heike Sutor



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