Der beste Freund des Mannes
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11. Dezember 2015

Warum viele Eltern ihren Nachwuchs wie einen Pawlow’schen Hund behandeln

Bei meinem letzten Herbstspaziergang: Die blassgoldene Sonne bahnte sich ihren Weg durch mächtige Wolkentürme, Bäume und Büsche warfen ihre farbenfrohen Blätter in den Himmel – verschwenderisch, als gäbe es keinen Winter – und irgendwo in der Ferne sang ein Krähenvogel sein monotones Lied. Herrlich. Wenn da nicht, nun ja, diese Menschen wären: Fahrradfahrer auf Gehwegen, laute Großfamilien und Hundebesitzer samt animalischem Anhang.

Wieder kam mir jemand entgegen: „Ben! Ben!! Hierher!!! Du sollst hören.“ Der kleine Racker war nicht angeleint, gehorchte aber auch wirklich gut. Dann bekam er den Kopf getätschelt, denn gutes Benehmen wird belohnt. Nur so lernen sie es ja – die Kinder. Kinder? Ach ja, fast vergessen: Ben war kein Hund. Ben war ein etwa dreijähriger Junge, der mit seiner Mutter spazieren ging.

Als Vater achte ich sehr darauf, wie ich, wie Bekannte, wie wir alle mit unseren Kindern sprechen. Das bisherige Ergebnis meiner nicht repräsentativen Studie: 80 Prozent der Eltern behandeln ihren Nachwuchs wie Hunde. Verhalten sich die Kinder erwartungsgemäß, werden sie gelobt, sind sie „böse“ werden sie bestraft. Konditionierung à la Pawlow. Nur ohne Glöckchen und Sabbern.

„Wie sollen sie es sonst lernen?“, heißt es oft. Die Frage ist aber: Was lernen die Kinder? Lernen sie, dass es so etwas wie richtig und falsch gibt und überprüfen von da aus ihr Verhalten? Oder lernen sie, nur deshalb etwas Gutes zu tun, weil es dann ein „Leckerli“ gibt und Böses zu vermeiden, weil es negative Konsequenzen für sie haben kann? „Gut erzogen“ heißt in den meisten Fällen, dass Kinder das tun, was man ihnen sagt und nicht, dass sie moralisch handelnde Wesen sind, die selbst entscheiden, was gut und schlecht für sich und ihre Mitmenschen ist.

Das Ganze ist kein reines Kommunikationsproblem. Es geht um nichts weniger als bedingungslose Liebe. Große Worte? Durchaus. Aber es ist doch so: Fragt man Eltern, ob sie ihr Kind bedingungslos lieben, ist die überwiegende Antwort: „Selbstverständlich“. Möchte man dann wissen, ob sie sie loben, nicken die engagierten Köpfe im Takt: „Natürlich!“ Und damit haben sie sich selbst widersprochen. Nicht nur Bestrafung, auch (übermäßiges) Lob widerspricht einer bedingungslosen Liebe, denn wir knüpfen unsere Zuneigung an eine „gute“ Leistung.

Ein Lob kommt im Alltagsgeschehen selten aus tiefstem Herzen. Hand aufs Herz: Wie groß ist die Freude, wenn der Sohn das 37. Bild anschleppt, auf dem außer Gekrakel nichts zu erkennen ist? Wir loben häufig deshalb, weil wir ermuntern wollen, weil wir gerne möchten, dass das Kind Malen als etwas Schönes empfindet. Wir meinen es nur gut. Keine Frage.

Nachricht aus der Realität: Die meisten kleinen Hobby-Picassos sind nicht süchtig nach Malen, sie sind süchtig nach dem Lob, das sie von den Eltern für jedes noch so hässliche Bild bekommen. Sie entwickeln sich zu wahren Lob-Junkies. Spielplatz-Beispiel gefällig? „Papa! Guck mal, wie ich rutschen kann!“ Und Papi applaudiert dem Nachwuchs. Elfmal hintereinander. Seien wir doch mal ehrlich: Das Kind hat sich hingehockt, und den Rest hat die Physik erledigt! Wenn Kinder so konditioniert sind, zu gefallen, ist es da ein Wunder, dass sie später einmal nicht das tun, was ihr Herz ihnen sagt, sondern das, was am meisten Anerkennung bringt?

Was Kinder brauchen, ist nicht Lob. Was sie brauchen, ist Aufmerksamkeit. Statt immer wieder zu sagen „Wow, das ist das schönste Bild aller Zeiten“, fragen wir unsere Kinder doch, warum sie diese oder jene Farbe benutzen, was sie ausdrücken möchten, wie sie auf die Idee gekommen sind und so weiter. Zugegeben: Das ganze erfordert mehr Einsatz von Eltern.

Ein Lob ist meist das Ende der kommunikativen Fahnenstange: Kind gelobt, Gespräch vorbei. Doch wenn wir wollen, dass Kinder selbstbestimmt werden, sollten wir unsere Lob-Rate ein wenig senken und stattdessen echte Aufmerksamkeit schenken. Damit Kinder das tun, was ihnen wirklich liegt und nicht alles machen „um zu“.

Christian Krauß

Christian Krauß ist Texter, Lektor und Marketingliebhaber und hilft mit seiner Agentur kleinen Unternehmen dabei, weniger klein zu werden. Mit Vorliebe schreibt er über alle
Facetten und Abwege der mensch­lichen Kommunikation.




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