In der Schusslinie
In der Schusslinie
9. Dezember 2016

Selbst gebackene Plätzchen können den Familienfrieden stören:

Wer fühlt sich nicht geschmeichelt, wenn er möglichst zu allem seinen Senf dazugeben darf? Wir rufen da auch selbst aus vollem Hals ja, weil wir längst die Erfahrung gemacht haben, welch’ schicksalhafte Bedeutung jeder abverlangten Äußerung zukommen kann! Leider kann man ja in den sozialen Medien sogar Stellung beziehen, wenn man nichts zu sagen hat. Auch wenn wir uns sonst nicht um eine Meinungsäußerung drücken, haben wir uns bisher im Internet noch jeglichen Kommentar verkniffen. Wahrscheinlich fehlt uns dafür entweder die Intelligenz oder die Intoleranz.

Gerade in diesen Tagen erleben wir aber den Kommentierungsdruck wieder mit voller Wucht. Denn die adventliche Zeit ist nicht nur die Zeit familiären Plätzchenbackens, sondern auch die Zeit der Verwandtschaftsbesuche. In besonders heiklen Momenten fallen diese beiden Aktivitäten auch noch zusammen. Womit wir die Ursachen unserer alljährlichen Gewissensbisse schon umrissen hätten.

Nichts wäre uns nämlich lieber, als mit Patentante Maria in ebensolcher Harmonie zu leben wie mit Oma Friedchen. Dem steht aber leider ein süßes Geheimnis entgegen: Beiden Damen geht, sobald sie uns als Besucher empfangen, nicht nur das Herz auf, sondern – und damit nimmt unser Schicksal seinen Lauf – auch die weihnachtliche Gebäckdose. „Bub, du muschd unbedingt mei Plätzjer vasuche!“, schallt es uns schon im Flur beider Häuser unisono entgegen, noch ehe wir richtig die Schuhe abstreifen konnten.

Die Einladungen bei Tante und Oma kämen unserem Naschbedürfnis ja eigentlich zupass, wenn wir nicht wüssten, dass es den beiden treusorgenden älteren Damen nicht etwa um unser leibliches Wohl geht. Zumindest nicht in allererster Linie. Vielmehr befinden wir uns hier inmitten eines langjährigen innerfamiliären Schlachtfeldes, wo in der Küche mit Apfel, Nuss und Mandelkern auf das Erbittertste gekämpft wird. Und wir geraten alle Jahre wieder direkt in die kalorienreiche Schusslinie und müssen uns in beiden Haushalten eines wahren Bombardements aus Makronen, Zimtwaffeln und Pfeffernüssen erwehren.

Der Verzehr der Leckereien fällt uns dabei gar nicht mal schwer, aber die Erwartungen an unser untrügliches Geschmacksempfinden und unser unbestechliches Urteil drohen unseren weihnachtlichen Frieden jedes Jahr aufs Neue zu gefährden. Entnervt ergeben wir uns schließlich jedes Mal der unausweichlichen, für uns als harmoniebedürftiger Gast nahezu tödlichen Frage von Oma Friedchen und Patentante Maria: „Gell, mei Plätzjer sinn die beschde!?“ Was eigentlich ja nur eine verklausulierte Feststellung ist.

Jetzt eine falsche Antwort, und der Familienfrieden hätte sich schon vor dem Fest verkrümelt!

Deshalb räumen wir diplomatisch – und natürlich jeweils nur unter vier Augen – jeder der beiden Damen stets den absoluten Spitzenplatz ein („So gutt wie du backt känner!“), was uns dann immer eine Extra-Tüte voller Naschzeug für den Nachhauseweg einbringt.

Die Ungewissheit, ob sich die beiden spitzenmäßigen Weihnachtsbäckerinnen nicht doch über die Feiertage einmal zufällig über unseren Besuch und den von uns – aus reiner Not – doppelt erteilten Spitzenplatz austauschen, lässt aber unseren Appetit auf Süßes schnell vergehen. Wenn unser diplomatisches Ausweichmanöver wirklich mal auffallen sollte, hoffentlich erst nach der Bescherung.

Wegen der Vielzahl an eingepacktem weihnachtlichen Backzeug („Do haschde noch e bissje was fier dehämm. So was kriegschde jo dort doch nit.“) und der begrenzten Aufnahmefähigkeit unseres Magens kann sich unser Hund dann jedes Jahr über leckere Köstlichkeiten aus Omas und Tante Marias Backofen freuen. Die Rückkehr von unseren vorweihnachtlichen Verwandtenbesuchen erwartet der schlaue Vierbeiner immer schon mit wedelndem Schwanz hinter der Haustür.

Diese Weitergabe des Naschzeugs an einen zotteligen Mitesser behalten wir aber selbstredend für uns: Denn die peinliche Frage der spendablen Weihnachtsbäckerinnen, welche Plätzchen denn besser geschmeckt haben, wollen wir wenigstens unsrem Hund dann doch ersparen.

Von Peter Schmidt

Peter Schmidt, 65, ist ehemaliger Bundesligaprofi des 1. FC Saarbrücken und war nach der Fußballkarriere als Journalist und Lehrer tätig. Heute betreibt er ein Pressebüro in Riegelsberg und ist als freier Autor tätig.

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