Der Traum vom ewigen Leben
Der Traum vom ewigen Leben
18. November 2016

Wie ältere Menschen abgezockt werden und mit ihren Ängsten gespielt wird

Seit einiger Zeit kümmere ich mich um eine alte Dame. Die ist sehr misstrauisch. Sie fühlt sich von den neuen Nachbarn beobachtet und glaubt, sie hätten es auf ihr Geld abgesehen. Nun erhielt sie einen rätselhaften Brief, der ihrem Misstrauen neue Nahrung gab. „Vertraulich“ stand dick auf dem roten Umschlag und „wichtig“: Betrifft Ihre nächste Reise, Ihren nächsten Hotelbesuch und Ihr Zuhause: WERDEN SIE ABGEHÖRT?“ Schnell solle sie antworten. Dann winke auch ein Geschenk: ein Mini-Spion-Detektor. Damit könne man den Lauschangriff mit Kameras und Wanzen im trauten Heim abwehren. Der Kalte Krieg ist noch nicht vorbei. Er tobt heute in Form von Abzocke von alten Menschen.

In Zeiten von NSA und Abhör-Affären sollten auch Senioren, die ein gänzlich unauffälliges Leben führen, sich schützen können. Gut, dass sie die dafür nötigen Informationen in ihren Briefkästen finden: „Geheimwissen“ und „verbotene Informationen“. Der Chefredakteur einer Zeitschrift, die so geheim ist, dass nur Hochbetagte von ihr wissen, ist „besorgt“ um das Wohlergehen der alten Dame und wendet sich sogar „höchstpersönlich“ an sie: „Sie brauchen den Wanzen-Detektor zu Ihrem persönlichen Schutz und dies besonders in Zeiten der Flüchtlingskrise, Terrorgefahr und Finanzinstabilität.“

Mit dem „verbotenen Wissen“ gibt es für die ängstlichen Senioren ein Stückchen Sicherheit: Der Preis von 9,97 Euro bleibt stabil – „auch für den Fall, dass noch mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen sollten“. Kein rausgeschmissenes Geld findet die alte Dame. Denn Wissen ist Macht. Immerhin erhält sie „lebensrettende Informationen“. Zum Beispiel, wie man der „Todesfalle Supermarkt“ entkommt. Zusatzstoffe in Lebensmitteln werden enttarnt, die sieche Senioren zu schnell altern lassen.

Mit den Ängsten der alten Leute spielen, das funktioniert. Dabei haben sie hart gearbeitet und sich einen ruhigen Lebensabend verdient. Einige möchten sich den versüßen. Zum Beispiel mit einem köstlichen Gläschen Wein. Der edle Tropfen verspricht, sich positiv auf die Gesundheit auszuwirken und Kalkablagerungen aus den Adern zu spülen. Gesundheitsfördernd muss er wohl sein. Insbesondere, wenn er von einem „Kurhaus“ verschickt wird. Gleich mehrere Kisten davon, die Flasche à 25 Euro, hat der leicht demente Vater eines Freundes bestellt und das, obwohl er eigentlich nur Bier trinkt. Pech gehabt. Hätte er das „verbotene Wissen“ aus der Zeitschrift von Dr. Benefit gelesen, wäre er nicht auf die plumpe Masche reingefallen. Schon im Werbeschreiben steht: „Achtung! Immer mehr Ganoven wollen sich an Ihnen bereichern.“ Der alte Herr aber mag die Ganoven, die den Wein bringen. Sie sind freundlich und stellen nicht so dumme Fragen wie die Familie.

Ich kann die Seniorin nicht davon abhalten. Sie will unbedingt ihren Gratis-Mini-Spion-Detektor. Schließlich muss sie sich schützen. Auf ihren Prospekten steht es in Großbuchstaben: „WARNUNG! Sie verhalten sich auf den ersten Blick wie Freunde. Doch das sind sie nicht.“ Dann wird es philosophisch: „Was ist bloß mit Deutschland los? Wem kann man heutzutage noch trauen?“

Vielleicht dem Gesundheitsspezialisten Dr. Hall aus dem Schwarzwald? Der weiß nämlich, dass sich Schmerz einfach wegsprühen lässt. Dr. Numberger aus Bonn wiederum kann die frohe Botschaft verkünden, dass Alzheimer nur ein Mangelzustand ist und sich mit Finger­yoga wegtrainieren lässt.

Ein anderer Prospekt preist einen Supertrunk, der eine ganze Tagesration Obst und Gemüse auf nur einem Löffel konzentriert. Dank der Forschung zweier Nobelpreisträger lassen sich hier „Jugend und Gesundheit zurückgewinnen – und das nur in 72 Stunden“. Ich werde ganz neidisch. Auch, wenn ich die ständigen Einladungen der alten Dame zur „Übergabe von Gewinnen“ sehe. So viel Aufmerksamkeit bekomme ich nicht. Es muss toll sein, alt zu werden. Vielleicht kommt man dann eines Tages sogar in den Himmel!

Daniela Noack


Daniela Noack schreibt als freie Journalistin für Tageszeitungen und Magazine. Lange hat die studierte Übersetzerin aus Paris über das französische Leben berichtet. Heute macht sie sich lieber Gedanken über die eigenen Landsleute.





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