Gewusst, wohin damit
Gewusst, wohin damit
10. Februar 2017

Keine Pflegeprodukte benutzen ohne vorherigen Fremdsprachenkurs

In unserem Badezimmer fühlen wir uns nicht mehr wirklich wie zu Hause. Und das nicht nur, weil der Spiegel uns längst nicht mehr so zeigt, wie wir unserer Meinung nach aussehen. Wenn wir an unserem Waschbecken stehen und mal ein wenig nach links und rechts blicken, fühlen wir uns irgendwie fremd im eigenen Land. Zumindest, wenn unser Auge auf die vielen Kosmetik- und Pflegeprodukte fällt, ohne die offenbar kein Mensch mehr leben kann oder ohne die man sich seinen Mitmenschen einfach nicht zumuten will.

Wenn der deutsche Mensch schön und gepflegt sein will, braucht er Mittelchen mit wohlklingenden Namen, für die es in seiner Muttersprache wahrscheinlich keine passenden Bezeichnungen gibt. Da Frauenkosmetik hier besonders betroffen ist, strengen sich die Mädchen in der Schule im Fremdsprachenunterricht besonders an.

Manchmal wundern wir uns allerdings ein wenig über die verwirrende Namensgebung. Warum müssen eigentlich Kosmetikprodukte oft irgendwie „so untenrum“ heißen? Da steht beispielsweise im Regal ein Duftwässerchen mit der Bezeichnung „After Shave“, und das soll dann trotzdem nur im Gesicht verwendet werden!? Und kaum ein „Eau de Toilette“ wird wirklich für die Klo-Reinigung benutzt, zumal es meist besser riecht als es klingt. Das gilt sogar für die Edel-Marke „Chloé“.

Gleich nebenan steht eine Creme mit der Aufschrift „Peau sensible“, die man – entgegen unserer Vermutung – auch an anderen Stellen des Körpers anwenden kann. Da muss man schon sprachlich fit sein, wenn man Fehler vermeiden will.

Ein nicht ganz so sensibles Sälbchen wirbt mit „All skin types“: Damit kann man wahrscheinlich sogar Lederschuhe pflegen. Bei dem Deo „Dry Impact“ kann man nur hoffen, dass die Verwendung nicht so katastrophal daherkommt wie ein ähnlich klingender Hollywood-Schocker der 90er-Jahre! Sonst muss man womöglich zur „Skin Repair“ greifen, die zum Glück aber bei uns immer bereitsteht.

Unter der Dusche verzichten wir auf die Verwendung von „Shower Foam“, weil es uns allein schon bei diesem Namen schaurig-kalt den Rücken runterläuft. Da greifen wir doch lieber zum „Push up-Shampoo“. Wenn uns dann die Haare zu Berge stehen, bekommen wir das mit dem „High Hair Sleek Wonder“ – natürlich in der Ausführung „Strong Control“ – schnell wieder in den Griff.

Danach brauchen wir nur noch einen „Hair Lac“ einzukämmen, damit das abschließende „Color Radiance Leave-in Conditioning Spray“ seine optimale Wirkung entfalten kann. Jeder Pflegebewusste weiß natürlich längst um die Vorteile einer kombinierten Anwendung zusammen mit der „Color Protect Professional Performance“.

Am meisten ist natürlich unsere Haut dem überwiegend englischsprachigen Kosmetik-Ansturm ausgesetzt: Schließlich haben wir ja viel mehr Hautfläche als Kopfhaar („Head and Shoulders“), Augenlider („Eye Make up Remover Pads“) oder Lippen („Protect Labial Lip Gloss“). Hautnah erleben wir daher im Badezimmer, wie mit Mizellen-Technologie auf unser größtes Organ – selbst Männer haben kein größeres – eingewirkt wird.

Schon nachts wird die Körperoberfläche mit der „Youth Memory Night Cream“ bestens vorbereitet, so dass morgens nur noch der „Hydro Booster“ mit der „Anti-Fatique Hydrating Care“ kombiniert werden muss. Natürlich nicht ohne mit der „High Performance Lifting Foundation“ die notwendige Grundlage geschaffen zu haben. Massive Hautprobleme sollten mit dem „Purifying Care Cleansing Gel“ behandelt werden, falls die Entstellungen nicht schon so gravierend sind, dass der „Blemish Balm“ zum Einsatz gebracht werden muss. Fast schon eine Selbstverständlichkeit ist heute die tägliche Verwendung einer „Anti-Age-“ oder „Perfect Face Lotion“. Wer allerdings öfters nach dem Tübchen mit dem „Hydro-active-Komplex“ greift, sollte schnellstmöglich einen Termin beim Psychiater buchen.

Schönheit ist also nicht zum Nulltarif zu haben. Bevor man all diese unverzichtbaren Pflegeprodukte kauft, raten wir zu einem Englisch-Kurs. Sonst geht das mit dem „After Shave“ mit Sicherheit in die Hose.

Von Peter Schmid

Peter Schmidt, 65, ist ehemaliger Bundesligaprofi des 1. FC Saarbrücken und war nach der Fußballkarriere als Journalist und Lehrer tätig. Heute betreibt er ein Pressebüro in Riegelsberg und ist als freier Autor tätig.



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