Kampf um die Fernbedienung
Kampf um die Fernbedienung
11. August 2017

Zwei Generationen, ein Fernsehprogramm und null Verständnis

Manchmal sitzen Philipp und ich abends noch vor der Glotze. Mit einem Eis, einem Fruchtjoghurt oder Schokolade. Eine gemeinsame Aktivität, die wir trotz unseres Altersunterschieds sehr genießen. Wenn wir uns nur auf ein gemeinsames Programm einigen könnten! Philipp mag Sitcoms. Eigentlich weiß ich immer noch nicht genau, was das eigentlich ist. Nur, dass die eingeblendeten Lacher mich wahnsinnig machen. Aber ohne solche Lachkonserven wüssten ahnungslose Zuschauer wie ich vermutlich gar nicht, wo wir die Mundwinkel zu verziehen haben.

Besonders gefällt Philipp die Situationskomödie „Two and a Half Men“. Die zweieinhalb Männer, das sind zwei Brüder und der Sohn des einen, der nach über einem Jahrzehnt auf der Mattscheibe längst kein Kind mehr ist. Eine Sendung, die ich früher gar nicht wahrgenommen habe. Jetzt scheint sie zu laufen, wann immer wir die Flimmerkiste anmachen. Widerstand ist zwecklos. Philipp hat die Herrschaft über die Fernbedienung, und ich bin dazu verdammt, die Gespräche des Trios über mich ergehen zu lassen. Philipp dagegen findet sie hochinteressant und lauscht mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen, besonders, wenn es um Herzensangelegenheiten oder um Sex geht.

Immer, wenn die Mutter dem Männerhaushalt einen Besuch abstattet, gibt es Streit. Die Mutter heißt „Mom“. Früher nannte mich Philipp noch Mama, jetzt bin ich auch „Mom“. Viele aus Philipps Klasse nennen ihre Eltern jetzt Mom und Dad, wie in den amerikanischen Serien, erzählt er mir. Er findet das albern, ich auch. Aber Mama sagen? Das ist doch einfach peinlich!

In einem plötzlichen Aufbegehren versuche ich in der Werbepause, die Fernbedienung an mich zu reißen. Da ist so eine Talkshow im Dritten, die mich interessiert. Doch Philipp ist schneller. Er zappt weiter zur „Big Bang Theorie“. Da sitzen drei Fastfood mampfende Bleichgesichter auf der Couch vor dem Computer und faseln über den Urknall, Sternenstaub und den Weltuntergang. Ich verstehe nur Bahnhof, aber füge mich in mein Schicksal. Der, der auf mich regelrecht verhaltensgestört wirkt, sei einer der „übelst gut verdienenden Schauspieler der Welt“, erklärt Philipp mir. Sein Gesicht habe ich schon mal in einer Illustrierten im Wartezimmer gesehen. Bevor mir einfällt, in welchem Zusammenhang, ist wieder Pause.

Drei leicht bekleidete Frauen räkeln sich verführerisch im Bild und sprühen sich mit Parfüm ein. „Blasenschwäche!“, ruft eine Männerstimme drohend. Danach säuselt eine Frau: „Elite Partner für Akademiker und Singles.“ „Schalte sofort um, bitte!“, flehe ich – und bereue es gleich wieder. „Bad Boys, Teil 2“, ruft Philipp begeistert. Ohnmächtig beiße ich die Zähne zusammen.

Nach drei Minuten kommt die nächste Unterbrechung. Reklame für Klosteine. Aggressive Muskelmänner schießen mit verzerrten Gesichtern auf Kalkablagerungen im WC. Zeit für eine Toilettenpause. Als ich zurückkomme, preist eine fünffach geliftete Dame hochkarätigen Schmuck zu Sensationspreisen an. An ihrer Seite ein Mann mit unechtem Gebiss und mindestens ebenso falschem Lächeln. „Dann doch lieber wieder ‚Big Bang Theorie‘“, bettele ich. Auch dort ist gerade eine Mutter zu Besuch. Die heißt genau wie ich „Mom“.

Viel lieber würde ich jetzt Frontal 21 gucken und auf Arte läuft bestimmt auch etwas Interessantes. Aber Philipp hält die Fernbedienung fest umklammert. Aber was ist das? Er hört gar nicht zu. Ständig piepst sein Handy. „Nur eine Nachricht“, erklärt er. Ich zähle sieben. Und ich höre Stimmen. Kommen sie nun aus dem Fernseher oder aus dem Telefon? Früher, als Philipp klein war, sahen wir einmütig „Upps! Die Pannenshow“. Zwanzig bis dreißig Jahre alte Videos, in denen Menschen stolpern, Unfälle bauen oder beim Tanzen die Hosen verlieren. Zwischendurch stellte eine sympathische Schießbudenfigur die Preisfrage: Wie nennt man einen Gegenstand, mit dem man abwäscht? Ist das ein Schwamm oder eine Klobürste? „Wie wär’s mit ‚Upps! Die Pannenshow‘?“, frage ich. Philipp schaut mich nur mitleidig an: „Für wen hältst du dich, Mom? Für meine Mutter?“

Von Daniela Noack

Daniela Noack schreibt als freie Journalistin für Tageszeitungen und Magazine. Lange hat die studierte Übersetzerin aus Paris über das französische Leben berichtet. Heute macht sie sich lieber Gedanken über die eigenen Landsleute.


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