Kolumne: Voll in der Spur
Kolumne: Voll in der Spur
28. April 2017

Als Urlauber sollte man möglichst ausgetretenen Pfaden folgen

Zugegeben: Das Jahr ist jetzt nicht mal fünf Monate alt, und da verbietet es sich einem verantwortungsbewussten Arbeitnehmer eigentlich, gleich schon wieder an den Urlaub zu denken. Aber so sind wir nun mal und wissen uns da in großer Gesellschaft. Dass wir uns nicht schon früher mit diesem Thema beschäftigt haben, liegt einzig und allein daran, dass wir bis jetzt noch gar nicht wissen, wohin wir in diesem Jahr verreisen sollen.

Alljährlich wälzen wir immer im ersten Quartal die druckfrischen Reisekataloge und lesen uns quer durch die entsprechende Fachpresse. Was man da an den wort- und bildreich angepriesenen Urlaubsorten nicht alles unternehmen kann! Da reichen eigentlich 24 Stunden am Tag nicht annähernd aus, um das vollgepackte Erholungsprogramm selbst im Laufschritt absolvieren zu können: bei 45 Grad im Schatten Tennis spielen, bei Windstärke acht das Surf-Segel stundenlang aus dem Wasser wuchten, bei schönstem Wetter in tageslichtfernen Museen Kulturbeflissenheit unter Beweis stellen oder jeden Abend zehngängige Menüs bewältigen. Das geht erheblich an die Substanz. So viel Resturlaub bleibt uns da gar nicht, um uns bis Silvester wieder zu erholen. Da wir ja alle zu Hause ohnehin schon mindestens dreimal die Woche im Fitnessstudio am Body Shaping arbeiten, kann uns abwechslungsverwöhnten Menschen Sport als Urlaubsinhalt allein nicht mehr genügen. Deshalb raten die Reiseprospekte zu verschärften kulturellen Angeboten. Und damit sind nicht etwa landestypische Speisen und Getränke gemeint. Ohne Kultur geht heute in Sachen Urlaub überhaupt nix mehr. Vor allem, wenn man später zu Hause mit niveauvollen Erlebnissen Freund und Feind beeindrucken will.

Geistig rege Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz ohnehin nicht genügend gefordert werden, müssen sich notgedrungen in die kulturellen Angebote ferner Landstriche stürzen. Selbst wer daheim keine Spur Interesse an kulturellen Dingen zeigt, muss sich im Urlaub auf Empfehlung der Tourismusexperten an entlegensten Orten auf die Spur irgendwelcher historischer, sportlicher oder künstlerischer Größen setzen. Denn wer traut sich heute wirklich noch, seine Reiseerinnerungen nur mit der Anzahl an Sonnenbränden, Flirts oder Skiverletzungen aufzuhübschen?

Vor allem die zahlungskräftigen Senioren können da ohnehin körperlich nicht mehr so richtig mithalten. Da muss ein Ersatz her: Also müssen wir Erholungssuchende spuren. In Spanien stolpern wir „Auf den Spuren von Salvatore Dali“ durch die engen Gassen von Cadaquès, laufen uns in Lanzarote „Auf den Spuren des Vulkanismus“ die Hacken heiß oder folgen in Hameln den „Spuren des Rattenfängers“. Selbst im verschlafenen Alpennest werden wir im Tourismusbüro auf die „Spuren von Alois Hinterhuber“ gehetzt, um derbe bajuwarische Kultur-Witterung aufzunehmen. Man weiß dann hinterher zwar immer noch nicht genau, wer Alois Hinterhuber war, aber man hat wenigstens seine Schneespuren breitgetreten und ausgiebig seinem Lieblingsschnaps zugesprochen.

Wann endlich wird unsere Reisebranche erkennen, welche Besuchermassen ins Land gelockt werden könnten, wenn man sie „Auf den Spuren von Angela Merkel“ durch Flüchtlingscamps, „Auf den Spuren von Heiko Maas“ durch den Paragrafendschungel oder „Auf den Spuren von Boris Becker“ durch die Besenkammern schicken würde? Wer sich jedes Jahr durch die Urlaubskataloge mit ihren tollen Angeboten arbeitet, der merkt schnell: Der moderne, kulturbeflissene Urlauber hat zu spuren. Erholen kann er sich ja hinterher am Arbeitsplatz, wo seine detailreichen Reiseberichte sicher sogar das Betriebsklima eine Spur (!) verbessern können.

Noch haben wir unsere diesjährige Urlaubswahl nicht getroffen. Aber wir werden bestimmt, wie viele andere auch, wunschgemäß in der Spur laufen statt, einfach spurlos zu verschwinden und sinnlos zu entspannen: Da geht ja gar nicht! Heißer Favorit ist deshalb eine weitere Bildungsreise unter dem Motto „Auf den Spuren der Erholung“.

Peter Schmidt

Peter Schmidt, 65, ist ehemaliger Bundesligaprofi des 1. FC Saarbrücken und war nach der Fußballkarriere als Journalist und Lehrer tätig. Heute betreibt er ein Pressebüro in Riegelsberg und ist als freier Autor tätig.


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