Postfaktisch geht alles
Postfaktisch geht alles
27. Januar 2017

Von Baby-Boom und tränenreichen Trennungen

Was wird die Zukunft bringen? Ein Segen, dass wir das nicht wissen. Manchmal juckt es uns doch, und wir erstehen Fachzeitschriften für Illusionen: Freizeit-Heftchen, Adel-Publikationen. So erfahren wir wenigstens, wer alles schwanger ist. Die Moderatorin Michelle Hunziker hat drei Kinder, wünscht sich ein viertes. Wir lasen: „Hurra, ein Junge.“ Wir lasen weiter, dass die Dame einen Hunde-Welpen auf dem Arm trug.

Tatsächlich schwanger ist Frau Lewandowski, weshalb der Gatte nach einem Tor für Bayern München den Ball unter seinem Trikot versteckte. In guter Hoffnung ist auch Sven Hannawald, beziehungsweise seine Gemahlin Melissa. Tatsächlich Vater wurde im hohen Alter von 73 Jahren bereits Mick Jagger. Überall schwirren Kreißsaal-Reporter aus, sodass der Deutschen liebste Boulevard-Zeitung sogar eine Baby-Rangliste der Fußball-Bundesliga veröffentlichte. Wen es denn interessiert: Kickbox-Weltmeisterin Christine Theiss hat ihre Baby-Pause beendet.

Das alles ist vielen Kollegen nicht genug. Wann macht der Florian Silbereisen der Helene Fischer ein Kind? Wann trifft Sebastian Schweinsteiger endlich? Vielleicht hat der Kollege Kai Diekmann seinen Job als Herausgeber besagter Boulevard-Zeitung aufgegeben, um mehr Zeit für die wichtigste Sache der Welt zu haben. Er kann jetzt Berater des englischen Prinzen Harry werden, der auch immer noch nicht Papa ist. Hoffentlich klappt das mit Harry und seiner Meghan Markle, sonst muss der Kai das machen.

Nicht immer sind Beziehungen von Dauer. Die Mimen Til Schweiger und Devid Striesow sind ebenso solo wie der Dauer-Moderator Johannes B. Kerner. Was wir lange Zeit auch nicht wussten: Pietro Lombardi ist tatsächlich nicht mehr mit Sahra zusammen. Die größte Krise der vergangenen Monate erschütterte Deutschland: Tränen flossen, viele tausend Freunde der beiden kommentierten das auf „Facebook“. Wir kommentierten das nicht, fragten uns, ob diese Menschen alle in diesem Jahr auch wählen dürfen.

Aber bestimmt sind bei einem Sender die Drehbücher schon für die nächste Staffel fertig. Dann versöhnen sich die beiden, zeugen ein zweites Kind (live). Pietro kommt in den Bundestag, Sarah in das Dschungelcamp.

Wir leben im postfaktischen Zeitalter, in dem Gefühle wichtiger sind als die Realität. Deshalb brauchen wir uns auch keine Sorgen um zwei Politikerinnen zu machen. Annegret Kamp-Karrenbauer und Hannelore Kraft wechseln nach ihren Wahl-Niederlagen im März zu Astro TV, sagen dort die Schlappe der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst voraus. Unsere Mutti aus der Uckermark ergattert 2018 eine Rolle bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Sie gibt dann die Brünnhilde in „Die Walküre“.

Alles Unsinn? Nein, alles ist möglich. Nachdem der Milliardär Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, dürfte sich auch der deutsche Milliardär Carsten Maschmeyer Hoffnungen machen. Wenn der Freund von Gerhard Schröder dann Ende des Jahres Bundeskanzler ist, trifft er den Kollegen in Übersee – Gespräche auf hohem intellektuellem Niveau.

Als Begleitung empfehlen wir dem neuen Kanzler für die Reise nach Washington Daniela Katzenberger, Barbara Schöneberger und Gina-Lisa Lohfink – damit der Donald auch seinen Spaß hat.

Darf man sich über diese Menschen lustig machen, da es doch so viele wirklich schreckliche Situationen geben kann? Ja, denn selbst derzeit handelnden Politikern fallen lustige Sachen ein. Der Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) will verhindern, dass vegane Wurst so bezeichnet wird. Andere Sorgen hat er nicht, und offensichtlich hält er das gesamte Wahlvolk für sehr bescheuert: Die Verbraucher seien verunsichert. Dabei sind etliche Bürger wegen ganz anderer Vorkommnisse verunsichert. Aber das erörtern wir hier lieber nicht, weil Babys und Trennungen viel besser von echten Problemen ablenken.

Das ist nicht neu. Zwei Jahre vor der Machtübernahme Hitlers schrieb Kurt Tucholsky am 7. März 1931 in der „Weltbühne“ über Postfaktisches: „Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“

Von Günther Wettläufer

Günther Wettlaufer (71) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.


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