Sonntags in Deutschland
Sonntags in Deutschland
30. Juni 2017

Der gewonnene Kampf gegen die Langeweile bei Dauerregen

Neulich, vor der großen Hitzewelle, war wieder einmal einer dieser gruseligen Sonntage, an dem wir nichts unternehmen konnten. Dauerregen, und nicht einmal ein verkaufsoffener Sonntag. Dabei hätten wir noch Platz gehabt im Keller. Für 500 Teelichter aus einem skandinavischen Möbelhaus.

Alle vorhandenen Bücher gelesen, deshalb legten wir wegen Bräsigkeit mal alte Schallplatten auf. Ausgerechnet vergriffen wir uns an Franz Josef Degenhardt, und prompt sang uns „Väterchen Franz“ das Lied von dem Sonntag in der kleinen Stadt vor: „Wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile giftig-grau die Wand hochkriecht. Wenn es blank und frisch gebadet reicht, dann bringt mich keiner auf die Straße.“ Na, das passte ja.

Die Sonntagszeitungen waren rasch durchgeraschelt. Die Langeweile wich nicht. Kauder, Oppermann, Gauland, Lindner, Merkel, Göring-Eckhardt, Schulz, Wagenknecht – schon seit Monaten, und es würde noch Monate so weitergehen. Erklärungen zu irgendwas und gegen irgendwen.

Vielleicht sollten wir doch lieber ins Bett gehen. Dazu waren wir zu müde und zappten uns durch die televisionären Angebote. Bei der ARD wollten sie Geld von uns: „Du schenkst anderen Menschen ein Lächeln“. Aber nur, wenn wir an der Lotterie teilgenommen hätten. Im Zweiten wurde behauptet: „Strahlen machen krank“. Glaubten wir sofort – bei dem, was da ausgestrahlt wurde.

Phoenix bereitete uns auf den nächsten Weltkrieg vor, indem Dokumente aus den früheren Gemetzeln gezeigt wurden. Im Video-Text erklärte uns dann auch noch Kriegsministerin Ursula von der Leyen, warum der Wehretat erhöht werden müsse. Die Laune wurde auch nicht besser, als uns n-tv Verschwörungstheorien weismachen wollte. Wir waren schon bereit, die Programmmacher zu erschlagen, aber n24 hielt uns mit „Die härtesten Gefängnisse der Welt“ davon ab.

Ansonsten schmatzten uns C-Promis etwas vor. Es wurde gekocht. Wer nicht eingeladen war, saß in einer dümmlichen Rateshow. Zum Beispiel: „Wer weiß denn so was?“ Niveau: Ergänzen Sie den Satz „Ohne Flei.. kein Prei…“. Bei Vox boten sie „Schneller als die Polizei erlaubt – Mutter ins Altenheim“. Die brachten uns durcheinander. War das eine Sendung oder waren das zwei?

Channel21 lockte mit einem Gewinnspiel – Reisegutschein für sieben herrliche Tage in Marokko. Wir hatten keine Chance, mutmaßlich hatten alle Mitglieder von Bündnis90/Die Grünen schon vorher abgesahnt.

Es reichte erst einmal, und wir freuten uns auf den Abend, an dem irgendwo „Mord mit Aussicht“ gezeigt werden würde. Wir kannten zwar alle Folgen, aber unseren spirituellen Zwillingsbruder Bjarne Mädel („Man, man, man“) wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Also, was machen mit dem angebrochenen Nachmittag? Freundinnen und Freunde vergnügten sich mal wieder auf Reisen – in Südafrika, Thailand oder auf Gran Canaria. Wahrscheinlich lagen die in der Sonne. Hier regnete es immer noch.

Beim Kauf der Zeitungen hatten wir entdeckt, dass in einem Regal fünf Meter Rätselhefte lagen. Es war uns immer ein Rätsel, warum Menschen, die einigermaßen bei Sinnen sind, sich mit solchem Kram die wertvolle Zeit ihres Lebens totschlagen. Deshalb kauften wir aus purer Neugier auch mal Rätselhefte. Das war wenig witzig: Wie wird die kommunale Verwaltung in der Türkei genannt? Wer war assyrischer Feldherr von anno dunnemals? Wir hatten auch eine Frage. Wer braucht solch ein Wissen?

Der Blick wanderte zum Bücherregal und fiel auf einen Band „Erich Kästner“. Der hatte einmal geschrieben: „Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es“. Es war wie eine Eingebung. Der Kampf gegen die Faulheit war gewonnen. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Hintern hoch, Zeitungen und Rätselhefte zum Müll bringen, durch den Sommerregen spazieren. Wir trafen Nachbarn, die zuerst auch keine Lust gehabt hatten, ihre Wohnungen zu verlassen. Wir schwätzten über dies und das, und plötzlich war uns gar nicht mehr langweilig.

Zum „Mord mit Aussicht“ waren wir rechtzeitig zurück und machten es uns mit einigen der etwa 1.000 Teelichter aus dem Keller gemütlich.

Von Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (71) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.



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