Zeit als wertvolles Geschenk
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16. Dezember 2016

Besinnliche Weihnachten im Luther-Jahr: Anstoß für ein neues Handeln

Die wichtigste Frage der Christenheit lautete in diesen Tagen, ob der Einzelhandel mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden sei. Das Fest der Jesus-Geburt im Luther-Jahr – da gibt es genügend Gelegenheiten, sich mit Krims und Krams einzudecken, um damit einen lieben Menschen zu erfreuen. Nun genießen wir diese Tage auch, indem wir uns mit Freunden zu einem festlichen Essen in einem weihnachtlich dekorierten Restaurant treffen. Auch Bummel über Weihnachtsmärkte heben unsere Stimmung.

Wenn wir sonst sonntags den Weg zum Gottesdienst nicht schaffen, so wollen wir doch wenigstens Heiligabend in eine Kirche gehen. Wir singen „Stille Nacht“ – nach dem Gottesdienst ist die Nacht tatsächlich still. Nutzen wir wenigstens diese Zeit, nicht besinnungslos jedem Quatsch hinterherzulaufen, der uns sonst angeboten wird.

Weihnachten im Luther-Jahr, da werden wir überhäuft mit Angeboten und Nachrichten: Luther-Brot, Luther-Bier, Luther-Socken – alles online zu bestellen. Und viele Mediendeuter haben sich die Mühe gemacht, uns den wegen seiner Hetzschriften gegen Moslems und Juden umstrittenen Luther zu erklären.

Seit dem Reformationstag lesen wir allerhand irrwitzige Geschichten über Martin Luther. So titelte eine Sonntagszeitung aus Frankfurt in ihrem Wirtschaftsteil: „Luther – der Antikapitalist.“ Während wir noch den Kopf schüttelten, tröstete uns der Göttinger Historiker Thomas Kaufmann im Deutschlandradio: „Es gibt zurzeit viel Schwachsinn zu lesen“.

Danach erfreute uns ein Luther-Film mit Peter Ustinov in der Rolle des Kurfürsten Friedrich der Weise. Von ihm stammen diese Sätze: „Ich weiß nicht, was der Sinn des Lebens ist. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.“ Uns fielen Stellen aus der Bibel ein. „Du kannst nicht zwei Herren dienen – Gott und dem Mammon.“ Und: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.“

Wer schon einmal in Wittenberg durch das Haus geschlendert ist, in dem Martin Luther mit seiner Frau Katharina von Bora und sechs Kindern gelebt hat, der bekommt einen Eindruck davon, dass der Reformator durchaus kein karges Leben geführt hat. Warum hätte er auch sollen? Schließlich hat Jesus laut Bibel Wasser in Wein verwandelt. Für Luther war Jesus das Schicksal für jeden Menschen: Nicht durch Ablassbriefe lässt sich ein Leben ohne Höllenqualen erkaufen. Seelenheil lässt sich niemals kaufen – auch nicht zu Weihnachten; so schön Festessen, Geschenke und Dekorationen auch sind.

Luther erkannte im Römer-Brief: Der Sinn des Lebens erschließt sich den Menschen, die durch die Gnade Gottes erhört werden. Das ist in einer Welt der globalisierten Wirtschaft und einem Selbstoptimierungswahn starker Tobak. Da ist doch Schwäche nicht gefragt! Oder? Luther rät, an Jesus zu glauben. Von dem ist in der Bibel zu lesen, er sei für die Schwachen, die Sünder auf die Welt gekommen. Die Geldwechsler und Devotionalienhändler jagte er aus dem Tempel.

Es rührt immer wieder unsere Herzen an, wenn wir die Weihnachtsgeschichte vernehmen – Lukas, Kapitel 2. Es lohnt sich, weiter im Neuen Testament zu stöbern. Ist da nicht auch die Rede davon, dass derjenige, der zwei Hemden hat, demjenigen eines abgeben soll, der keines hat?

Bei dem Gottesdienst zu Weihnachten singen wir zum Schluss immer „Oh, Du fröhliche“. Danach tun wir einen Schein statt einer Münze in den Klingelbeutel, so eine Art Ablass ist das dann. Letztlich schütteln wir fremden Menschen die Hände und wünschen ihnen ein gesegnetes Fest. Ach, wir können ja so christlich liebevoll zu unserem Nächsten sein.

Unangenehmer könnte es werden, wenn wir auf die Probe gestellt werden, an Tagen, an denen nicht Weihnachten ist. Da liegt eine Nachbarin im Krankenhaus, sie hat wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben. Haben wir Zeit für einen Besuch? Schenken wir Zeit des Zuhörens? Meinen wir es tatsächlich ernst mit unserem Leben? Glaube ohne Taten ist toter Glaube. Weihnachten kann der Anstoß sein, darüber nachzudenken.

Von Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (71) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.



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