Der Verwandlungskünstler
Der Verwandlungskünstler
14. Juli 2017

Donald Trump gilt als Polterer – beim G20-Gipfel gibt er sich weltoffen

US-Präsident Donald Trump hat in weiten Teilen der Welt den Ruf einer politischen Dampfwalze. Beim G20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am vergangenen Wochenende in Hamburg gibt sich Trump von einer völlig anderen Seite. Am Samstagmorgen steht er am Rednerpult eines Konferenzraums. Er sieht entspannt aus, seine Stimme klingt weich. Der US-Präsident preist einen vor Kurzem gestarteten Weltbank-Fonds zur Unterstützung von Unternehmerinnen in Entwicklungsländern. „Damit werden sich Millionen von Leben ändern, die Förderung von Frauen ist ein wichtiger Wert, der uns verbindet“, sagt er. 325 Millionen Dollar wurden bereits eingesammelt. Die US-Regierung habe 50 Millionen Dollar beigesteuert, wie Trump stolz hervorhebt.

Er will als der Gütige erscheinen, der Mann mit einem großen Herz. Er genießt den Auftritt ebenso wie die Rolle des weltoffenen Staatsmanns. An den zwei Hamburger Gipfeltagen sieht die Öffentlichkeit einen neuen Trump. Daran ändern auch die US-Sonderposition bei der Klimafrage und die harten Diskussionen über den Welthandel nichts.

Bereits vor Beginn des Gipfels begrüßt der Präsident Kanzlerin Angela Merkel vor dem Hotel „Atlantic“ in Hamburg. Beide lächeln, Handschlag inklusive. Kein Vergleich zur Abblitz-Aktion am 17. März im Weißen Haus, als Trump Merkel die kalte Schulter zeigt und den „handshake“ verweigert. An den folgenden Tagen sucht er immer wieder den Kontakt zur Kanzlerin und zu den übrigen Staats- und Regierungschefs.

Die Europäer haben sich vorgenommen, Trump einzubinden. Als sich dieser beim Familienfoto am Freitag ganz links außen positioniert, kommt der französische Präsident Emmanuel Macron und stellt sich links neben ihn. Diplomatischer Flankenschutz à la française. Beim Konzert in der Elbphilharmonie am Abend sitzt Macron neben Trump. Immer wieder wendet er sich dem Amerikaner zu, redet mit ihm. Es ist der Versuch, einen persönlichen Draht aufzubauen. Am 14. Juli reist der US-Präsident zum französischen Nationalfeiertag nach Paris.

Auch der russische Staatschef Wladimir Putin bekommt Trumps Charmeoffensive zu spüren. Bei der ersten persönlichen Begegnung geht Trump auf den Kremlchef zu, streckt ihm zweimal die Hand entgegen. Der Russe schlägt sofort ein. Später sitzen die beiden auf weißen Sesseln. Trump beugt sich immer wieder zu Putin hinüber. Beim anschließenden Gespräch vereinbaren beide eine Waffenruhe für Südwestsyrien. Die zwei Alphatiere der Weltpolitik auf Turtel-Kurs.

Der US-Präsident ist in Hamburg der große Verwandlungskünstler. Der alte Trump mit Holzhammer-Attacken und eruptiven Gefühlsausbrüchen ist in der Hansestadt nicht zu sehen. Einer, der immer wieder mit ihm zu tun hat, sagt es so: „Trump hat zwei Gesichter. Er kann bei Gesprächen auf internationaler Bühne sehr gut zuhören und ist geduldig. Aber er ist auch dazu fähig, mit ‚America First‘-Positionen auf den Putz zu hauen. Das kommt beim heimischen Publikum gut an, vor allem bei seinen Wählern.“

Und manchmal macht er beides zur gleichen Zeit. Während er sich in Hamburg um atmosphärische Gipfel-Harmonie bemüht, packt er in einer in den USA veröffentlichten Videobotschaft die Verbalkeule aus. Die Tage, an denen sich die Welt „auf Kosten Amerikas“ bereichern konnte, seien vorbei, wettert er. Eine indirekte Warnung, dass Trump weiter Front gegen das Handelsbilanzdefizit seines Landes machen könnte – und sei es mit Schutzzöllen.

Auch bei seinem Abstecher nach Polen einen Tag vor Gipfelbeginn fällt der Präsident in den Attacke-Modus. In einer Rede in Warschau wirft er Russland „destabilisierendes Verhalten“ in der Ukraine, in Syrien und im Iran vor. Mit Blick auf den Nordkorea-Konflikt nimmt Trump Russland und China an die Kandare. Beide Länder müssten mehr Druck auf das atomwaffenversessene Regime in Pjöngjang ausüben.

Trump, das lässt sich nach dem Hamburger G20-Gipfel sagen, kann sowohl ganz weich als auch ganz hart auftreten. Er pflegt einen politischen Chamäleon-Stil – je nachdem, was ihm nützt. Das scheint auch Kanzlerin Merkel zu ahnen. Skepsis schwingt mit, als sie die Rolle des Amerikaners mit den Worten kommentiert: „In einigen Bereichen gab es recht gute Ergebnisse. Ob das morgen oder übermorgen noch gilt, kann ich nicht abschätzen.“

Michael Backfisch

Michael Backfisch war Vize-Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, arbeitete als Washingtoner Bürochef des Handelsblatts, später als Nahost-Korrespondent für die Financial Times Deutschland in Dubai. Heute ist er Leitender Redakteur Politik in der Berliner Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe.




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