Terroristische Desperados
Terroristische Desperados
17. Juni 2016

Nach dem Anschlag von Orlando: Wie geht man gegen Einzeltäter vor?

Die Parallelen zwischen den beiden letzten Anschlägen in Amerika sind gespenstisch. Nach allem, was bislang bekannt ist, steckten nicht strategisch geplante Angriffe eines Terror-Netzwerks dahinter, sondern Massentötungen von Einzeltätern.

Am Wochenende ballerte ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma in einem Nachtclub für Schwule und Lesben in Orlando 49 Leute nieder. Der 29-jährige Omar Mateen wurde in New York geboren, hatte ein Haus, ging häufig ins Fitness-Studio und führte von außen betrachtet ein bürgerliches Leben. Seine Eltern waren aus Afghanistan eingewandert. Viele sahen in ihm ein Beispiel für gelungene Integration.

Im vergangenen Dezember erschoss ein städtischer Angestellter zusammen mit seiner Frau 14 Menschen in einem Behindertenzentrum im kalifornischen San Bernardino. Auch der 28-jährige Syed Rizwan Farook war US-Bürger, kam in Chicago zur Welt. Seine Familie stammte aus Pakistan. Farook galt ebenfalls als gut situiert. Arbeitskollegen bezeichneten ihn als den „gelebten amerikanischen Traum“.

Doch die Fassade täuschte. Im Schatten der bürgerlichen Idylle haben sich die Täter radikalisiert. Nach Aussagen der Ermittler speisten sie ihren Hass vor allem aus islamistischen Websites. Dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) das Massaker von Orlando nun für sich reklamiert, muss man nicht wörtlich nehmen. Die Propaganda-Abteilung der Dschihadisten hat insbesondere für den Fastenmonat Ramadan weltweit zu Anschlägen aufgerufen. Es ist eine Art Blanko-Auftrag an alle, die die westliche Lebensweise verabscheuen und sich an extremistischer Ideologie berauschen.

Das ist das Gefährliche an diesen terroristischen Desperados. Sie agieren im Untergrund, hinterlassen kaum Spuren, sind nur schwer zu erkennen und noch weniger zu kontrollieren.

Zugegeben: Das Terror-Risiko durch Einzeltäter ist in Amerika deutlich größer als etwa in Europa. 300 Millionen Waffen befinden sind in US-Privathaushalten in Umlauf. Vor allem die kriegstauglichen Sturmgewehre sind potenzielle Tötungsmaschinen. Die Wahrscheinlichkeit, dass psychisch labile Menschen, geistig Verwirrte oder religiöse Fanatiker hier ein Ventil für ihren Hass finden, liegt entsprechend hoch.

Umso bedauerlicher ist es, dass der rechtspopulistische Präsidentschaftskandidat Donald Trump versucht, das Attentat von Orlando für seine dumpfen anti-islamischen Thesen auszuschlachten. Seine Forderung nach einem Einreiseverbot für Muslime ist ein zynisches Spiel mit Ressentiments: Bei Anschlägen nach dem Muster von Orlando oder San Bernardino bringt dies gar nichts. In beiden Fällen waren die Attentäter Amerikaner.

Es ist zu befürchten, dass das Terror-Thema nun in die Mühlen des US-Präsidentschaftswahlkampfs gerät. Dem polarisierten Land steht ein Kulturkrieg bevor. Auf der einen Seite stehen die Demokraten um die Kandidatin Hillary Clinton: Sie wollen zumindest den Verkauf von automatischen Waffen stärker reglementieren. Auf der anderen Seite halten die Konservativen das „Recht auf Selbstverteidigung“ hoch wie einen Fetisch – trotz der Tatsache, dass immer mehr Menschen Opfer von Amokläufern werden.

Diese bizarren Auswüchse jenseits des Atlantiks bedeuten jedoch keine Entwarnung für Deutschland, das über eines der strengsten Waffengesetze der Welt verfügt. Auch hierzulande gibt es radikalisierte Einzeltäter. So hat eine 15-jährige Deutsch-Marokkanerin Anfang März einen Bundespolizisten in Hannover niedergestochen und schwer verletzt. Zwar gibt es Hinweise, dass die Schülerin im türkisch-syrischen Grenzgebiet gewesen sei und Kontakte zum IS gehabt habe. Doch es handelt sich nicht um die generalstabsmäßige Aktion einer Terrorzelle wie etwa bei den Anschlägen in Paris und Brüssel.

Bei derartigen Attacken spielt die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste eine Schlüsselrolle. Dagegen ist im Fall der Desperados das Umfeld besonders gefragt. Familienangehörige, Freunde, Mitschüler oder Arbeitskollegen sollten Verhaltensauffälligkeiten, die auf Terror-Sympathien oder -Aktivitäten schließen lassen, der Polizei melden. Wer zur Radikalisierung neigt, zieht sich häufig zurück, kappt seine sozialen Kontakte, wird aggressiv. Wachsamkeit ist kein Patentrezept, doch das Risiko lässt sich so zumindest verringern.

Michael Backfisch

Michael Backfisch war Vize-Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, arbeitete als Washingtoner Bürochef des Handelsblatts, später als Nahost-Korrespondent für die Financial Times Deutschland in Dubai. Heute ist er Leitender Redakteur Politik in der Berliner Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe.





Merken

Merken

Bild der Woche