Angela Merkel geadelt
Angela Merkel geadelt
12. Juni 2015

In der Nonsens-Fachpresse taucht die Kanzlerin zwischen Camilla und Maxima auf

Bei der Wahl unserer Lektüre sind wir sehr achtsam. Kürzlich passierte uns allerdings ein Ungeschick. Wir ließen „Spiegel“, „Zeit“ und „Focus“ rechts liegen, wo sie hingehören, und griffen zu einem uns bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten politischen Fachblatt. „Adel aktuell“ informierte uns über Kate, Charlene, Madeleine. William und Charles und Harry hatten die Star-Journalisten dieses Druckwerkes natürlich auch nicht vergessen. Dänemarks Königin Margarethe kannten wir aus der ZDF-Sendung „heute“. In der Ukraine, in Syrien war an jenem Tag wohl nicht viel los, deshalb brachten die Mainzelfrauchen und -männchen etwas über die Geburtstagstour der Monarchin, die ihren 75. Geburtstag mehrere Tage feierte. Sogar ein königliches Fernsehprogramm entdeckten wir. Zwangsgebühren werden für solche Sendungen erhoben: „Köstliches aus Schlössern und Herrenhäusern“ (WDR), „Königin Luise“ (hr), „Die Hohenzollern“ (ZDFinfo) sowie „Ländle Deluxe: Gabriela zu Sayn-Wittgenstein“ (SWR). Da durfte Phoenix nicht fehlen mit dem Abendfüller „Die Windsors“.

Nachdem wir uns zwischendurch die Hände mit Desinfektionsmittel gereinigt hatten, blätterten wir weiter – und dann sahen wir SIE! Zwischen Camilla und Maxima ein Foto von unserer Mutti! Angela Merkel hat es geschafft! Sie ist jetzt ganz oben – im Hochadel. Das Foto zeigt sie, wie sie in Japan einem Roboter die Roboter-Hand schüttelt. Sie lächelte und schien etwas gesagt zu haben. „Ich bin für die Menschen da,“ vermutlich.

Angela Merkel bekam vor Jahren schon in Saudi-Arabien den König-Abdulaziz-Orden verliehen, gewann den Kaiser-Otto-Preis. Wir haben noch nie bei einem Preisausschreiben gewonnen. Die Kanzlerin ließ uns nicht mehr los. Bei einem Kreuzworträtsel ging es um den britischen Thronfolger Charles. Das Lösungswort lautete „Neuland“, und schon dachten wir wieder an Angela und Internet.

Nun waren wir neugierig geworden und entdeckten zwischen ungefähr 100 Freizeit-Zeitungen auch noch „Adel exklusiv“. Was waren wir enttäuscht – nirgends Angela Merkel. Bei Kate flossen die Tränen des Glücks, wobei ihr in einer dieser Spezial-Zeitungen Tage zuvor noch die Tränen der Sorgen geströmt waren. Bei Angela, Verzeihung, unserer königlichen CDU-Hoheit, können wir uns Tränen gar nicht vorstellen. Sie wirkt so gelassen, vor allem in Wahlkämpfen, wenn sie sagt, dass es mit ihr keine Maut geben werde. Dann trägt sie eine schwarz-rot-goldene Halskette. Das hat Tradition. Konstantin kreierte einst in Byzanz eine doppelte Goldkette.

Was wir gerne lesen würden: Welche Hofetikette muss im Kanzleramt beachtet werden? Wenn Majestät Audienz gewährt, darf man wahrscheinlich nicht einfach anklopfen, muss warten, bis man hereinbefohlen wird. Setzen darf man sich, wenn Kaiserin Angela I. „Platz“ sagt. Vorher ist aber noch ein Kniefall oder ein Hofknicks zu machen, wobei wir uns fragen, wie ihr schwergewichtiger Vertrauter Peter Altmaier dann wieder hochkommt.

Der Adel war uns ja schon immer teuer, bevor er uns aber auch noch lieb wurde, verzichteten wir auf das dritte Blatt mit dem Titel „Adel heute“. Immerhin: Die Pressefreiheit ermöglicht in dieser postdemokratischen Republik viele Satire-Zeitschriften. Erstaunlich, dass es wohl einige Bürgerinnen und Bürger gibt, die nicht nur mit gesenktem Blick auf ihre Kontoauszüge gucken müssen, sondern gerne mal zu den Hochwohlgeborenen und dem Neu-Adel aus Finanzwelt und Politik aufschauen wollen.

Als 1918 in Deutschland erstmals eine Demokratie versucht wurde, traute sich Kaiser Wilhelm II. nicht mehr aus den Niederlanden heraus. Adel, Konzernchefs und Militär sorgten dann trotzdem dafür, dass die Weimarer Republik nur wenige Jahre dauerte. 15 Jahre exakt. Genau 15 Jahre ist Angela Merkel jetzt CDU-Vorsitzende. Ihr ist zuzutrauen, dass sie in Berlin noch die Einweihung der neuen Schloss-Fassade als Kanzlerin erlebt. Vielleicht sogar auch die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens. Sie ist ja erst 60 Jahre alt, kann noch ein paar Jahrzehnte regieren.

Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (69) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.



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