CDU-Waschmittel Klöckner
CDU-Waschmittel Klöckner
19. Februar 2016

Der Spitzenkandidatin für die Landtagswahl könnte ein Text von Bertolt Brecht helfen

Wie mit Sprache manipuliert werden kann, erleben wir seit etlichen Wochen. Da ist von Politikern und Medienschaffenden von Flüchtlingsflut und Flüchtlingsschwemme zu hören und zu lesen. Es ist keine Schwemme, und angesichts der im Mittelmeer Ertrunkenen den Begriff „Flut“ zu verwenden, ist zynisch.

Jede und jeder aus der Politik scheint die Telefonnummer in den Politik-Redaktionen hinterlassen zu haben. So erschreckt uns seit einiger Zeit eine Dame aus Rheinland-Pfalz mit ihren Ansichten zum Thema „Flüchtlinge“. Morgens werden wir vom Radiowecker aus dem Schlaf gerissen und hören als Top-Nachricht, was Julia Klöckner wieder einmal zu Migration, Abschiebung und Burka-Verbot eingefallen ist. Im Fernsehen begleitet uns Julia Klöckner bis in den späten Abend. Sie ist die Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl am 13. März. Wobei sich uns die Frage stellt, welche Politik sie als Ministerpräsidentin dieses Bundeslandes betreiben will.

Irgendwann unterbreitete der CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble den Vorschlag, für die Finanzierung innerhalb der EU eine Benzinsteuer einzuführen. Flugs meldete sich Julia Klöckner, nach Rücksprache sei eine gesonderte Benzinsteuer „vom Tisch“. Eines Tages hofften wir auf einen Klöckner-freien Abend. Vergeblich, denn der ehemaligen Weinkönigin war eingefallen, einen „Plan A2“ einzuführen und dabei Grenzzentren einzurichten. Der Plan war „schnell vom Tisch“, denn über solche Transitzonen war schon Monate zuvor diskutiert worden. Wir dachten an Bertolt Brecht und seine Dreigroschenoper: „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht. Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht.“ Selbst einem Kommentator des regierungsnahen Deutschlandradios fiel nur noch ein, bei A2 handele es sich um die Autobahn von Oberhausen nach Berlin, und auf der sei immer der dickste Stau zu beobachten.

Hat Julia Klöckner keine Wahlkampf-Strategen, die sie davor bewahren, wie die Protagonistin einer Waschmittel-Werbung aufzutreten? Oder hält sie die Wähler schlicht nur für so doof, dass diese ihre Absichten nicht merken würden? Kein Wunder, dass sich viele Menschen mit Grausen vom politischen Geschehen abgewendet haben. Auch eine unsägliche Diskussion über eine Wahlsendung des SWR nervte tagelang. Ministerpräsidentin Manu Dreyer wollte nicht kommen, falls die AfD eingeladen werde. Julia Klöckner giftete sofort los. Vielleicht machen sich die Verantwortlichen in den staatstragenden Parteien lieber einmal Gedanken darüber, warum die AfD in Umfragen so entsetzlich hohe Werte hat.

Julia Klöckner wird von Kaffeesatzlesern politischer Redaktionen schon als Nachfolgerin von Angela Merkel gehandelt. Inzwischen hat sie die Bundeskanzlerin zumindest in der Satire fast abgelöst. Der Kolumnist Dietmar Wischmeyer widmete ihr in der ZDF-„heute-show“ in seinem Beitrag über die „Bekloppten und Bescheuerten“ der Republik einige Worte. Gezeigt wurde ein Film mit Julia Klöckner auf einem Fahrrad, die „Weinberg-Schnecke“ habe als Kind eine schwarze Ziege gehabt. Auch wenn es uns in den Fingern juckt, Klöckner und Ziege in Zusammenhang zu bringen – der Rest von Respekt vor politischen Ämtern verbietet hier weitere Anmerkungen.

Wohin Wahlkampf-Klamauk führen kann, zeigt uns gerade die Vorzeige-Demokratie USA mit dem Republikaner Donald Trump. Seine kruden Ansichten kommen bei einem Teil der Bevölkerung wohl an, wobei wir uns fragen, warum dort anstelle des Milliardärs nicht gleich Dagobert Duck aus Entenhausen gewählt wird.

Während wir gerade diese Kolumne schreiben, kommt im Radio wieder einmal eine Klöckner-Meldung. Wir beschließen, bis zum 13. März auf keinen Fall die Tür aufzumachen, falls es klingelt. Wir trauen der wie weinbeseelt agierenden Kandidatin zu, sogar im Saarland Hausbesuche zu machen. Vielleicht schieben wir ihr unter der Tür aber einen Zettel zu, auf dem der Schluss des Brecht-Textes steht: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht anspruchslos genug. Drum ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug.“

Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (70) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.



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