Choco-Pie und Geldmeister
Choco-Pie und Geldmeister
22. April 2016

Nordkorea ist eine Diktatur im – langsamen – Wandel

Derzeit gibt es in dem steinzeitkommunistischen Nordkorea eine Währungskrise. Grund dafür ist die Schließung des gemeinsam mit Südkorea betriebenen Kaesong-Industriekomplexes aufgrund der nach den letzten Atomtests verschärften Sanktionen. Und die Währung, um die es geht, ist nicht der nordkoreanische Won, sondern der in Südkorea hergestellte „Choco-Pie“, ein kleines mit Schokolade überzogenes Küchlein. Dieser – eine in Nordkorea verbotene und daher besonders beliebte Süßigkeit – kann derzeit illegal auf den Märkten für umgerechnet bis zu 20 Euro erworben werden – während er im Herstellungsland für etwa 20 Cent verkauft wird.

Durch die Schließung des Industriekomplexes ist die zentrale Schmuggelquelle der Köstlichkeit zum Versiegen gebracht worden. Wer „Choco-Pies“ gebunkert hatte, kann dafür jetzt fürstlich einkaufen gehen. Wem nach dem Küchlein verlangt, darf das Fünftel eines durchschnittlichen Monatslohns dafür investieren.

Diese skurrile Geschichte wirft ein Bild auf die aktuelle Situation in Nordkorea. Obgleich in westlichen Medien immer noch von einem hermetisch abgeriegelten Land die Rede ist, hat sich die Situation seit der Hungerkatastrophe der 90er-Jahre und der damit verbundenen zwangsweisen ökonomischen Öffnung des Landes verändert. Südkoreanische Filme – ebenso illegal wie Schokoküchlein – werden über USB-Sticks ins Land geschmuggelt und weichen vor allem in der Jugend althergebrachte Feindbilder auf.

Die Partei unter dem jungen „Geliebten Marschall“ Kim Jong Un hat jede Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren. Die staatliche Propaganda funktioniert nicht mehr und führt sich in Inhalt und Form permanent selbst ad absurdum. Die Mobilisierungsaktionen vor wichtigen Ereignissen – aktuell vor dem anstehenden Parteitag der Einheitspartei – sorgen für immer größeren Unwillen. Eine neue, vermögende Mittel- und Oberschicht, die „donju“ (Geldmeister), investiert in Firmen und Dienstleistungen und macht den Staat zunehmend von sich abhängig. Die großen Märkte, die in allen Städten operieren, sind die ökonomischen Lebensadern des Landes und sorgen für eine verbesserte Versorgung der Bevölkerung. Auf ihnen kann man auch, unter der Hand, immer noch „Choco-Pies“ erhalten. Chinesische, japanische, russische und auch – verbotene – südkoreanische Waren sind überall zu finden, westliche Mode-Ideen halten Einzug. Die Bemühungen der nordkoreanischen Regierung, auf all das den Deckel zu setzen, sind letztlich gescheitert.

Die neueste Runde an Sanktionen ist ein Novum für Nordkorea, denn erstmals spielt die bisherige Schutzmacht China mit. Lieferungen von Kohle an den großen Nachbarn warten seit Wochen vergebens auf Abfertigung. Der Schmuggel blüht. Noch herrschte keine Krisenstimmung, da nun viele für den Export bestimmte Güter – neben der Kohle auch Nahrungsmittel – plötzlich auf den Märkten landen und eifrig nachgefragt werden. Doch sollte China seine Sanktionspolitik durchhalten und nicht nur zur Episode werden lassen, steht Nordkorea vor einer ökonomischen Krise, die nicht allein mit Durchhaltepropaganda zu lösen sein wird.

Es sind die „donju“, auf denen die Hoffnung ausländischer Beobachter liegen. Die neue, sich kapitalistisch verhaltende Klasse der Wohlhabenden ist in einer symbiotischen Beziehung mit den alten Parteikadern zu einem echten Machtfaktor geworden. Ihr Reichtum basiert auf dem Wohlstand, den sie aus ihren Geschäften erwirtschaftet haben, und diese lassen eine Rückkehr zumindest zu dirigistischer Staatswirtschaft nicht mehr zu. Sollte die nordkoreanische Regierung die Daumenschrauben zu stark anlegen und wenigstens geduldete gesellschaftliche Fortschritte wieder kassieren wollen, sind sie am ehesten die Quelle eines machtvollen und organisierten Widerstandes.

Noch ist Nordkorea weit entfernt davon, das alte System abzustreifen. Noch leben zu viele Kader und „donju“ gut mit dem Netzwerk an Korruption und Unterdrückung. Aber es besteht zumindest die Hoffnung, dass der Keim des Wandels bereits sprießt. Und dass irgendwann auch für den Mann auf der Straße der „Choco-Pie“ wieder erschwinglich sein wird.

Dirk van den Boom

Dirk van den Boom, geboren 1966 in Fürstenau, studierte Politikwissenschaft in Münster und arbeitet als Consultant in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Migrationspolitik und Sozialpolitik. Er ist selbstständig, schreibt Romane und lebt in Saarbrücken.




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