Das Gesumse im Wahlkampf
Das Gesumse im Wahlkampf
5. Mai 2017

Hilfe kommt von Charles Baudelaire, Karl Kraus und Ruprecht Polenz

Seit Wochen erleben wir gar sonderliche TV-Sendungen und Artikel in den Print-Medien. Es ist Wahlkampf, und dann sagt A etwas, was B sofort dementiert, wobei C dem A zur Seite springt und D dann zur Mäßigung aufruft. Zum Schluss wird dann auch noch Margot Käßmann gefragt.

In der Online-Ausgabe eines „seriösen“ Hamburger Magazins war zu lesen, die FDP neige zu einer Ampel-Koalition. Dieses wurde von den führenden Politikern der FDP dementiert. Es gab Umfragen bei der SPD und bei den Grünen. Die FDP dementierte immer noch. Drei Tage später schaffte es das Thema „Ampel-Koalition“ tatsächlich in das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Da wurde am Sonntag der FDP-Vorsitzende Lindner befragt, und er dementierte wieder.

Weil dieses Thema nichts mehr hergab, stürzten sich alle möglichen und unmöglichen Journalisten auf die SPD. Ob die denn wohl nach der Bundestagswahl mit der Linken koalieren würde? Nachdem die Spitze abgegrast war, durfte auch der SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil etwas sagen. So recht wollte sich nach dem Ergebnis der Landtagswahl im Saarland niemand festlegen. Auch der Linke Dietmar Bartsch wurde befragt, was dann folgende Nicht-Meldung bei n-tv ergab: „Bartsch schweigt zu Rot-Rot.“

Uns wurde das allmählich zu langweilig, und wir griffen deshalb zu wertvoller Literatur. Charlie Hebdo legte uns nahe, sich mit Charles Baudelaire zu beschäftigen. Als 18-jähriger angehender Dichter habe er einen Selbstmord in Erwägung gezogen, er wolle in eine Welt ohne Zeitungen wechseln: „Jede Zeitung ist nur ein Gewebe von Horrormeldungen.“ Er entzog sich dem Schwall des Gräuels, indem er Gedichte und Satiren schrieb.

Darf in einer Kolumne Ketzerisches über Kollegen geschrieben werden? Wir trösteten uns mit dem Spötter Karl Kraus: „Ich bin der Vogel, der sein Nest beschmutzt.“ Es sei die „einzige Mission der Zeitung, für Geld zu lügen“. Ohne Zeitungen, so Kraus, wäre der Erste Weltkrieg nicht möglich gewesen.

Nachdem wir uns ein halbes Jahrhundert in dieser Branche getummelt haben, dürfen wir feststellen: So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Wir lernten Menschen kennen, die ganz ernsthaft recherchierten und die Ergebnisse in wohlfeilen Reportagen veröffentlichten. Das war einst möglich, weil Verlage und Fernsehanstalten ihren Lohnabhängigen genügend Zeit und Mittel zur Verfügung stellten.

Mit Kostendruck und Stellenabbau in vielen Redaktionen ließ die Qualität nach, was sich auch negativ auf Auflagen und Einschaltquoten auswirkte. Schon längst deuchte uns, dass viele Geschichten nur noch für die Kollegen von der Konkurrenz gemacht wurden.

Inzwischen beschäftigen sich etliche Medienschaffende damit, wie sie denn angesichts des sozialen und asozialen Gesumse im Internet noch glaubwürdig die Meinungshoheit behalten können. Dies wiederum geschieht vor den Augen der Menschen – so sie denn einschalten oder lesen.

Das alles ist ganz hübsch, doch wir zweifeln, ob das hilft. Fast manisch stürzen sich viele auf die Partei „Die Linke“, wobei Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine herhalten, um die Gier zu befriedigen. Da ist sich denn auch niemand zu schade, den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder zu interviewen, der natürlich vor dem Ehepaar aus dem Saarland warnt. Schröder – das war der, der mal gesagt hat: „Putin ist ein lupenreiner Demokrat.“ Solch einen Satz hat noch nicht einmal Sarah Wagenknecht gesagt. Aber die würde auch nie ein Angebot von Gazprom annehmen.

Nachdem wir genügend erbauliche Literatur ins Gehirn gepresst hatten, schalteten wir noch einmal den Fernseher ein. Ein Jens Spahn von der CDU schlug vor, ein Islamisten-Gesetz zu schaffen. Wenn das so ist, dass Religionen unter Gesetze gestellt werden, dann könnte es doch auch bald wieder ein Juden-Gesetz geben? Bevor wir das zu Ende dachten, rettete uns Ruprecht Polenz, der Spahns Vorschlag als unsäglichen Populismus abtat. Dem vertrauten wir, obwohl oder weil Polenz ein Grande der CDU ist.

Was lernen wir daraus? Wenn A was sagt, ist B dagegen. Im Wahlkampf kann der sogar der eigenen Partei angehören.

Von Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (71) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.

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