Veränderungen in Pyongyang
Veränderungen in Pyongyang
13. April 2017

Was ist Schein und was ist Wirklichkeit in Nordkorea?

Bemerkenswerte Dinge scheinen sich im martialisch auftretenden Privatkönigreich der Familie Kim in Nordkorea zu ereignen: Während der Neujahrsansprache verneigt sich Machthaber Kim Jong Unplötzlich vor der Kamera und bittet das Volk um Entschuldigung, da er nicht alles erreicht habe, was er sich vorgenommen hatte. Kurze Zeit darauf wird der Chef des brutalen Geheimdienstes entmachtet und die offizielle Anweisung gegeben, alle „Menschenrechtsverletzungen“ im Umgang mit der eigenen Bevölkerung sofort zu beenden.

Und jüngst dann eine symbolische Entscheidung besonderer Güte: Eine der populärsten in Nordkorea hergestellten Zigarettenmarken wurde verboten. Sie trug den Namen „Land natürlicher Schönheit“, und dies spiegele angesichts der schweren ökologischen Schäden nicht die wahre Natur Koreas wider – zumindest wird diese Begründung dem jungen Staatschef in den Mund gelegt.

Wie passen solche Gesten in ein Land, das gleichzeitig internationales Aufsehen durch permanentes Säbelrasseln in Gestalt von Raketen- und Atombombentests erregt und in den vergangenen Wochen vor allem dadurch auf sich aufmerksam gemacht hat, dass Machthaber Kim seinen eigenen Halbbruder in Malaysia hat ermorden lassen?

Tatsächlich ist in Nordkorea vieles, was von außen wie ein Fortschritt erscheint, in erster Linie ein Zeichen von versuchter Krisenbewältigung. Die zunehmende Durchsetzung des ehemals sozialistischen Landes mit marktwirtschaftlicher Praxis, die Entstehung einer durch Handel und Produktion wohlhabend gewordenen Mittelschicht und damit die Rückführung der einst allumfassenden Macht der Partei bedrohen das Regime, wie es diese Entwicklungen gleichzeitig braucht, um die wirtschaftlichen Grundlagen für den Machterhalt zu erhalten.

Die Verbeugung und scheinbare Entschuldigung in der Neujahrsansprache wurde dafür genutzt, zusätzliche Selbstkritik-Kampagnen im ganzen Land auszulösen. Jeder wurde angehalten, dem Vorbild des Staatschefs folgend Makel an seinem eigenen Handeln zu finden. Konsequenz: Jeder ist schuld an der Misere, alle haben sich nicht genügend angestrengt. Wie kann man dann von Kim Jong Un erwarten, dass er alleine den Karren aus dem Dreck zieht? Dadurch, dass der Führer Kritik an sich selbst geübt hat, verwässerte er seine tatsächliche Verantwortung ins Unkenntliche.

Die Absetzung des Geheimdienstchefs und die Verurteilung seines harten Durchgreifens ist die Weiterführung einer unter Kim Jong Un etablierten Personalpolitik: Wer befördert wird, wird nach einer gewissen Zeit abgesetzt – oft unter harten Strafen und mit öffentlicher Demütigung, damit sich ja niemand in wichtigen Positionen zu sicher fühlen oder gar eine Verschwörung gegen den Chef anzetteln kann. Beförderungen von Kadern sind in Nordkorea mittlerweile, je höher man die Leiter heraufklettert, keine erstrebenswerten Ziele mehr wie früher, sondern werden als ultimative Bedrohung der eigenen Karriere angesehen. Sich kollektiv wegzuducken, um ja nicht positiv aufzufallen, wird zur Regel. Ein System, das sich so seine eigene Grundlage entzieht, da es große Loyalität wie auch Einsatzbereitschaft irgendwann bei jedem bestraft.

Und die Zigarettenmarke? Verbeugungen und solche symbolischen Gesten sind dem Ansinnen der Regierung geschuldet, Kim Jong Un als fürsorglichen Freund des Volkes darzustellen, der nicht ertragen kann, wenn etwas nicht gut läuft. Es bleibt bei der symbolischen Handlung: Auf ökologische Wirtschaftspolitik legt die nach Devisen gierende Machtelite im Grunde keinen Wert.

Wer die Politik Nordkoreas beurteilt, darf sich nicht von der Idee blenden lassen, dass alles, was dort passiere, irrational sei. Manches erscheint in unseren Augen seltsam, aber alles dient der ultima ratio: die eigene Machtbasis in einer feindlichen Umwelt zu erhalten. Nicht alles darf man daher ernstnehmen, im Grunde nicht einmal das Säbelrasseln. Bleibt zu hoffen, dass die Experten in den Nachbarstaaten wie auch in Washington in der Lage sein werden, Schein von Wirklichkeit zu trennen und angemessen zu reagieren. Gerade für die Regierung Trump bestehen da eher Befürchtungen.

Dirk van den Boom

Dirk van den Boom, geboren 1966 in Fürstenau, studierte Politikwissenschaft in Münster und arbeitet als Consultant in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, Migrationspolitik und Sozialpolitik. Er ist selbstständig, schreibt Romane und lebt in Saarbrücken.




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