Das Wundermittel aus Riga
Das Wundermittel aus Riga
18. März 2016

Meldonium – was ist das und warum?

Aktuell steht ein spezielles Dopingmittel im Fokus. Zahlreichen Spitzenathleten, vor allem aus Osteuropa, drohen wegen positiver Urinproben Dopingsperren. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist besonders groß, weil die russische Tennis-Ikone und Spitzenverdienerin Maria Scharapowa bei den Australian Open in Melbourne im Januar dieses Jahres ebenfalls positiv getestet worden ist.

Bei allen wurde Meldonium, beispielsweise als Mil-dronat im Handel, nachgewiesen. Dieses Medikament wurde in den 1980er-Jahren in Lettland entwickelt und ist als Herzmittel und bei neurologischen Störungen in einigen osteuropäischen Ländern zugelassen, so etwa in Russland und den baltischen Staaten. In eher anekdotischen Berichten werden leistungssteigernde Effekte wie verbesserte Ausdauer und Regeneration behauptet. Ernst zu nehmende wissenschaftliche Studien, die eine leistungsphysiologische Wirksamkeit bei Sportlern nachweisen, existieren nicht.

Meldonium stand im vergangenen Jahr auf der Monitoringliste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Das bedeutet: Die Substanz wurde zwar kontrolliert, ein Sportler mit positivem Befund aber nicht sanktioniert. Mit dieser Strategie soll überprüft werden, ob bestimmte bisher noch nicht verbotene Substanzen missbraucht werden, sodass ein künftiges Verbot erforderlich werden könnte. Die Doping-Analyselabore meldeten 2015 eine Häufung von positiven Meldonium-Befunden – insbesondere bei osteuropäischen Athleten. Das hatte ein Verbot der Substanz ab 1. Januar 2016 zur Folge.

Ich selbst habe auf der Tagung „Sportmedizin im Spitzensport“, veranstaltet vom Deutschen Olympischen Sportbund, im November 2015 über die Änderungen der Verbotsliste 2016 referiert, sodass alle anwesenden und im Leistungssport tätigen Ärzte auch über Meldonium informiert wurden. Im Übrigen: Bei deutschen Athleten sind positive Meldonium-Befunde bisher nicht bekannt.

Wie ist die aktuelle Situation zu bewerten? Es ist erstaunlich, wie manche Sportler mit den Anti-Doping-Regularien umgehen und es nicht für notwendig erachten, sich über laufende Änderungen zu informieren. Die Entourage, mit der sich einige Spitzenathleten umgeben, sollte zumindest gewährleisten, solche Fehltritte zu vermeiden, wenn es tatsächlich nur Fahrlässigkeit sein sollte. Die Ernsthaftigkeit, Doping zu bekämpfen, muss in Zweifel gezogen werden. Vielleicht besteht auch eine gewisse Hybris, alles im Griff zu haben und sich mit vermeintlichen Kleinigkeiten nicht aufzuhalten.

Auch die nationalen Sportverbände stehen in der Pflicht, ihre Athleten regelmäßig über die Anti-Doping-Regularien zu informieren. Aber in Ländern, in denen eine nationale Anti-Doping-Agentur nicht funktioniert, soweit überhaupt eine solche unabhängige Einrichtung existiert, kann es auch keine Dopingprävention geben. Die immer wieder beschworene weltweite Harmonisierung der Dopingbekämpfung verkommt von der Vision zum Phantom.

Die zahlreichen positiven Meldonium-Tests offenbaren noch eine andere Seite des Sports, auch wenn diese Erkenntnis nicht neu ist. Die Schluckmentalität ist ungebrochen. Es wird alles probiert, was die sportliche Leistung steigern könnte. Man tut vieles, oft nicht rational Nachvollziehbares, in der Hoffnung, irgendetwas werde schon helfen. Solange etwas nicht verboten ist, wird die sich bietende Grauzone genutzt, denn die Fantasie kennt keine Grenzen.

Ist Doping mit Meldonium eine lässliche Sünde, wie manche argumentieren, oder mehr? Zweifellos gehört die Substanz nicht zu den harten Dopingmitteln wie Anabolika oder Epo. Während die leistungssteigernde Wirkung der beiden genannten Substanzgruppen erwiesen ist und teilweise zu sensationellen Rekorden geführt hat, sind ähnliche Effekte von Meldonium wohl nicht zu erwarten.

Dennoch muss der Athlet glaubhaft erklären, dass kein bewusstes Doping vorgelegen hat. Aber was sonst als die Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit soll die Absicht gewesen sein? So viele Athleten können nicht krank sein, um die Anwendung von Meldonium als Medikament zu rechtfertigen. Keine Frage, es wird Sanktionen geben müssen.

Wilfried Kindermann

Univ.-Prof. em. Dr. med. Wilfried Kindermann (75) ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Er war Arzt bei acht Olympischen Sommerspielen, Chefarzt des deutschen Olympiateams und von 1990 bis 2000 internistischer Arzt der Fußball-Nationalelf.




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