Fußball-Spaß pur
Fußball-Spaß pur
23. Mai 2014

Wie Begeisterung für die Spieler Schnatterer und Stroh-Engel aufkam

Es war wieder einmal
eines dieser tollen Treffen mit Freunden, bei dem wir uns fast verplaudert hätten. Aber an diesem Samstag brachen wir die gemütliche Runde ab, weil es uns nach Hause an den Fernseher zog – Schnatterer gucken. Zuletzt war uns das vor knapp 40 Jahren passiert, dass wir wegen Sport alles stehen und liegen ließen, als wir mitten in der Nacht aufstanden, um mitzuerleben, wie Muhammad Ali in Manila den Joe Frazier niederboxte. Statt Ali jetzt Schnatterer.

Als wir uns mit der Bemerkung verabschiedeten, wir müssten jetzt die ARD-Sportschau schon um 18 Uhr schauen, weil dann Schnatterer komme, fragte einer der Freunde, ob denn Matthias Opdenhövel moderiere. Denjenigen, den wir meinten, heißt tatsächlich Schnatterer, Marc Schnatterer. Das ist der Kapitän eines bisher drittklassigen Fußballvereins namens 1. FC Heidenheim. Diese Heidenheimer Schwaben gewannen fast immer – wie der FC Bayern München ganz oben. Und sehr oft hörten wir, wie der Reporter den Namen „Schnatterer“ schrie. Und wenn sie gerade keine Treffer erzielten und der Gegner stürmte, dann hielt Torwart Erol Sabanov mit seinen 39 Jahren super. Der stand einst beim 1. FC Saarbrücken zwischen Pfosten und Latte, aber das ist eine andere Geschichte.

Na gut, später war dann natürlich auch Bundesliga angesagt, wobei die Sportschau-Leute die Bayern ja meist zum Schluss brachten, was schon bald nicht mehr spannend war, weil diese Münchner so etwas von überlegen waren. Die Trainer und Spieler der anderen Bundesliga-Vereine erzählten meist griesgrämig irgendetwas in die Mikrofone. Hamburg, Nürnberg, Stuttgart – ständiges Gejammer und Gemaule. Selbst auf Schalke, in Mönchengladbach und Leverkusen war es oft nicht sehr lustig.

Da war die Dritte Liga viel fröhlicher als die Brummbär-Liga. Die Heidenheimer feierten ihren Aufstieg in die 2. Bundesliga wie ein Dorfclub auf Vatertags-Ausflug. Nach dem 1:1 in Elversberg mussten die Gastgeber um ihr schmuckes, gerade ausgebautes Stadiönchen bangen. Das war Freude pur. Es ist immer wieder schön, wenn ein bisher namenloser Club auftaucht. Wir spähten den 1. FC Heidenheim im Internet aus und bekamen den Eindruck, dass dort sehr professionell gearbeitet wird. Und mit Geduld. Als Heidenheim 2008 einen Trainer suchte und keinen geeigneten fand, durfte der ehemalige Spieler Frank Schmidt für zwei Begegnungen ran. Nach einem 9:1 gegen Kirchheim/Teck konnte er sich bis zur Winterpause bewähren. Nach vielen weiteren Siegen beschäftigten sie den Frank Schmidt einfach weiter – bis heute.

Weil wir mit dem 1. FC Heidenheim samstags so viel Spaß hatten, guckten wir weiter Dritte Liga, wobei sehr oft auch der SV Darmstadt 98 im Programm war. Das steigerte unser Fernseh-Vergnügen noch mehr. Nach Darmstadt hatten sie von der ARD auch solch ein Reporter-Talent hingeschickt wie nach Heidenheim. Wir hörten in der Küche, wie jemand jauchzte und schrie: „Stroh-Engel“. Wir dachten an unseren letzten geschmückten Weihnachtsbaum, aber als wir ins Wohnzimmer kamen, sahen wir einen großen jungen Mann, dem alle anderen Darmstädter Spieler zujubelten. Dominik Stroh-Engel traf und traf und schoss damit die „Lilien“ auf den dritten Tabellenplatz. Kein Wunder: Stroh-Engel wurde im Sternzeichen Schütze geboren. Was ihn uns noch sympathischer machte: Seit dem Tag seiner Abnabelung sei er Fan von Borussia Dortmund, ließ er auf der Homepage des Vereins wissen.

Mit Wehmut dachten wir an die SV Elversberg und den 1. FC Saarbrücken. Deshalb schalteten wir gelegentlich den SR und die „Sportarena“ ein und ließen uns über den freien Fall der beiden Clubs informieren. Schade, denn was der 1. FC Heidenheim geschafft hat, könnte doch auch der SV Elversberg gelingen. Und die Darmstädter waren oft weit unten. Wie die sich aufgerappelt haben, könnte beispielhaft für den 1. FC Saarbrücken sein. Das wird dauern – so lange fahren wir vielleicht mal nach Heidenheim. Schnatterer gucken.

Von Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (67) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland





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