Kolumne: Fußball über alles
Kolumne: Fußball über alles
2. Oktober 2014

Weltmeister werden ist schwer, Weltmeister sein bringt Verantwortung

Wir sind alle Weltmeister. Es gibt wohl keine andere Sportart, die ein Volk so vereinen kann, wie es der Fußball tut. Zumindest in Deutschland. Es gibt auch keine Zweifel, die über das gesamte Turnier stabilste Mannschaft hat den Titel gewonnen. Und noch mehr, der neue Weltmeister hat auch den besten Kombinationsfußball gespielt. Brasilianisch spielen war gestern, heute ist Deutschland der Trendsetter.

Vorbildlich auch das Verhalten des deutschen Teams während des Turniers und vor allem auch beim unglaublichen Sieg gegen desaströse Brasilianer. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Brasilianer in der zweiten Halbzeit lächerlich zu machen. Die Spieler taten es nicht. Es war weniger Mitleid als Respekt vor einer großen Fußballnation. Auch der Gaucho-Tanz bei der großen WM-Party am Brandenburger Tor ändert nichts an dieser Einschätzung. Man kann es schlimmstenfalls als lässliche Sünde bezeichnen. Es war mehr Übermut als Böswilligkeit.

Und wie wird es weitergehen? Deutscher Fußball-Bund (DFB) und Deutsche Fußball-Liga (DFL) sind national und international stärker denn je. Macht haben ist die eine Seite. Wie man sie ausübt und damit umgeht, die andere. Das macht das Agieren nicht leichter, denn auch die Erwartungen nehmen zu. Auch wenn es sich manche wünschten, der deutsche Fußball kann nicht politische oder gesellschaftliche Probleme lösen und darf sich auch nicht instrumentalisieren lassen. Dennoch, die Fettnäpfchen stehen bereit. Bremen das Länderspiel gegen Gibraltar wegzunehmen, weil der Bremer Senat die DFL an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligen will, war eine überzogene Reaktion. Wie hätte man wohl entschieden, hätte Deutschland nicht den vierten Stern gewonnen?

Deutschlands Sportart Nummer eins trägt auch Verantwortung für andere Sportarten. Nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft werden noch mehr Kinder und Jugendliche ihren WM-Vorbildern nacheifern wollen. Hinzu kommt die überbordende Medienpräsenz, sodass der andere Sport Gefahr läuft, nur noch am Rande wahrgenommen zu werden. Es ist bereits einiges getan worden. Seit Jahren gibt es eine Kooperation zwischen DFL und Deutscher Sporthilfe, die Sportlerinnen und Sportler anderer Sportarten unterstützt. Weitere Joint-Venture-Projekte sollten folgen, zumal beide Seiten davon profitieren können.

Alle sind sich einig, der aktuelle Erfolg ist in erster Linie der Nachwuchsförderung im DFB in diesem Jahrtausend zu verdanken. Bereits in den 90er-Jahren hat der damalige Bundestrainer Berti Vogts eine systematische Nachwuchsförderung angemahnt und Konzepte vorgelegt, ohne gehört zu werden. Als damaliger Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft erinnere ich mich, wie frustrierend die Suche nach Talenten verlief. Das Durchschnittsalter der Nationalmannschaft bei der WM 1998 in Frankreich lag bei 29,8 Jahren. Inzwischen kann man sagen, das Desaster der Europameisterschaft 2000 war der Grundstein für die heutige erfolgreiche Mannschaft. War bis dahin Berti Vogts noch der Rufer in der Wüste, hatten nunmehr alle begriffen, dass umgedacht werden musste.

Soll das Erfolgsmodell auch künftig funktionieren, sind DFB und DFL mehr denn je gefordert, überzogenen Erwartungen gegenzusteuern. Eltern und oft auch Beratern muss verdeutlicht werden, dass nur wenigen eine Profikarriere gelingen wird. Umso wichtiger ist die duale Ausbildung, die im Fußball eher möglich ist als in den zeitaufwendigen Ausdauersportarten. DFB und DFL können einiges tun, vorzeitig abgebrochene Ausbildungen zu verhindern. Im Übrigen, vor einiger Zeit wurde in einer Zeitung ein fehlender „Arschlochfaktor“ im deutschen Team angesprochen. Es bleibt zu hoffen, dass das nicht zu den Zielen einer Nachwuchsförderung gehört.

Noch einmal zurück zur erfolgreichen Weltmeisterschaft und zur Erwartungshaltung der deutschen Fußballgemeinde. Was wäre wohl gewesen, hätte Neuer im Spiel gegen Algerien nicht wiederholt als Libero gerettet? Oder was hätten die Medien mit Löw angestellt, wäre im Endspiel der Wechsel zwischen dem offensiven Schürrle und dem defensiven Kramer schiefgegangen? Ich will damit sagen, Leistung ist planbar, zum Erfolg gehört aber auch Glück.

Von Wilfried Kindermann

Univ.-Prof. em. Dr. med. Wilfried Kindermann (73) ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Er war Arzt bei acht Olympischen Sommerspielen, Chefarzt des deutschen Olympiateams und von 1990 bis 2000 internistischer Arzt der Fußball-Nationalelf.





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