Kolumne: Sotschi vor der Tür
Kolumne: Sotschi vor der Tür
17. Januar 2014

Ein kritischer Blick auf Olympia 2014 und die deutschen Medaillenchancen

Denk ich an Sotschi in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht! So oder so ähnlich könnte man die „Nachtgedanken“ von Heinrich Heine ummünzen, verfolgt man die mediale Berichterstattung zu den bevorstehenden Olympischen Winterspielen. Menschenrechtsverletzungen und Homophobie sind zweifellos schwerwiegende Probleme, die die Spiele belasten. Keine Zeile ist zu viel, die darüber geschrieben wird.

Auch die Kommerzialisierung der Spiele wird immer wieder beklagt. Manche mögen sich noch an das österreichische Ski-Idol Karl Schranz erinnern, der 1972 vor den Olympischen Winterspielen in Sapporo wegen eines Verstoßes gegen das damalige Amateurgesetz disqualifiziert worden war. Er hatte bei einem Benefizspiel ein Trikot mit einer Kaffeewerbung getragen. Nachdem unter der Ägide des IOC-Präsidenten Samaranch der Kommerz auch von Olympia Besitz ergriffen hatte, mutet heute die Sanktion von Schranz wie ein schlechter Witz an. Bei den Winterspielen im subtropischen Sotschi wird der staatliche Energiekonzern Gazprom überall sein. Vielleicht wird man später über die „Gazprom-Spiele“ witzeln.

Kürzlich war zu lesen, der Sport habe seine Seele verkauft. Das mag so sein, aber diese Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar. Es wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Das entbindet aber nicht von der Pflicht, gewisse Rahmenbedingungen einzuhalten und zu respektieren. Die Faszination, die immer noch von sportlichen Großereignissen ausgeht, darf nicht verlorengehen.

Wie sind aus deutscher Sicht die sportlichen Chancen in Sotschi? Deutschland muss sich nicht an der Anzahl der Medaillen messen lassen. Hingegen sind herausragende Persönlichkeiten als Medaillengewinner, aber auch unter den Platzierten, Werbung für unser Land und dienen der Jugend als Vorbilder. Dennoch ist Gold, Silber oder Bronze Grundlage der Förderung der Sportverbände. So gehen die sogenannten Zielvereinbarungen des Deutschen Olympischen Sportbundes von wenigstens 27 Medaillen aus, die in Sotschi gewonnen werden sollen. Es wird mit einer ähnlichen Medaillenausbeute wie bei den vorausgegangenen Winterspielen in Vancouver gerechnet. Deutschland wird unter den drei besten Nationen erwartet. Das scheint realistisch zu sein.

Die Rodler und Rodlerinnen sind seit jeher eine Medaillenbank und können alle vier möglichen Goldplaketten gewinnen. Die Bobfahrer waren in dieser Saison noch nicht so richtig in der Spur und hatten ungewohnte Materialprobleme, sollten diese aber beheben können. Das deutsche technologische Know-how ist geradezu legendär und hilft vor allem dem Bob-und Schlittenverband. Läuft es optimal, gewinnt dieser Verband die Hälfte aller deutschen Goldmedaillen.

Die nordischen Kombinierer sind trotz der norwegischen Konkurrenz die zweitgrößte Medaillenhoffnung. Allerdings wird vieles vom Branchenprimus Eric Frenzel abhängen. Die Biathleten und Biathletinnen haben trotz der zurückgetretenen Magdalena Neuner und trotz der Formschwankungen einiger Athleten Medaillenpotenzial. Aber die Spitze ist so eng geworden, dass verlässliche Voraussagen schwierig sind.

In den meisten anderen Sportarten oder Disziplinen sind die Medaillenkandidaten überschaubar. Trotz der unverkennbaren Fortschritte im Skispringen liegt im Teamwettbewerb die größte Chance. Eine Überraschung scheint im Skispringen der Damen, das erstmals olympisch ist, möglich zu sein. Die alpinen Hoffnungen ruhen auf zwei Personen. Maria Höfl-Riesch und Felix Neureuther können das selbst gesteckte Ziel des Verbandes von drei Medaillen durchaus erfüllen. In den Eisdisziplinen gehört das deutsche Eiskunstlaufpaar zu den Topfavoriten. Die deutsche Eisschnelllaufherrlichkeit ist Vergangenheit. Möglicherweise holt die 41-jährige Claudia Pechstein die Kohlen aus dem Feuer. Die Skilangläufer laufen derzeit der Vergangenheit hinterher. Eine Überraschung ist am ehesten im Sprint der Frauen möglich.

Bei aller Kritik an Olympia im Allgemeinen und Sotschi im Besonderen sollten wir unseren Athleten die Daumen drücken und ihre Leistungen, nicht nur die der Medaillengewinner, würdigen.

Wilfried Kindermann

Universitäts-Professor em. Dr. med. Wilfried Kindermann (73) ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Er war Arzt bei acht Olympischen Sommerspielen, Chefarzt des deutschen Olympiateams und von 1990 bis 2000 internistischer Arzt der Fußball-Nationalelf.



Merken

Merken

Bild der Woche