Bitte recht freundlich
Bitte recht freundlich
5. Juni 2015

Im Alltag kann es eigentlich gar nicht genug Überwachungskameras geben

Neulich im Wald. Ich mache, wie jeden Morgen vor der Arbeit, noch schnell mit meinem Hund eine kleine Runde. Plötzlich stutze ich. Was ist denn das da Graues am Baum? Ich kann es nicht genau erkennen, aber mein erster Gedanke: eine Wildkamera! Unwillkürlich strafft sich meine Körperhaltung, mit den Fingern fahre ich mir spontan durch die – ungekämmten – Haare. Bisher hatte ich eigentlich nicht das Bedürfnis, mir für den Wald am frühen Morgen die Haare zu frisieren. Aber jetzt ist Schluss damit. Ich werde womöglich gefilmt.

Und während ich mir überlege, wie bleich ich ungeschminkt aussehen muss, trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Diese Kameras sind ein Gewinn! Lasst sie hängen, sage ich! Hängt noch viel mehr im Wald davon auf! Überall! Ganz andere Zeiten würden da anbrechen. Keine gähnenden, ungeduschten und muffeligen Menschen mehr frühmorgens im heimischen Forst, mit verschlafenen Gesichtern im Schlepptau ihrer Hunde. So will ja wohl keiner gefilmt werden. Vor meinem geistigen Auge erscheinen adrett gekleidete Hundebesitzer, die flott und aufrecht durch den Wald federn, immer ein Lächeln und einen freundlichen Gruß auf den Lippen. Ihre Hunde wohlerzogen an ihrer Seite. Was für ein Anblick!

Und nicht nur morgens: Zu jeder Tageszeit wäre die Filmerei ein Segen. Zum Beispiel gäbe es keine Mountainbiker mehr, die mit einem Affenzahn an arglosen Fußgängern vorbeirasen, sie zu Tode erschrecken und fast umnieten. Ich habe die Vision von Zweiradlern, die vorausschauend fahren, rechtzeitig bremsen und aufmerksam ausweichen. Herrlich! Und dann die hundelosen Spaziergänger. Kein patziges „Nehmen Sie gefälligst Ihren Köter an die Leine“ mehr, sondern eher ein „Wären Sie so freundlich, Ihren Hund anzuleinen, aber nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht“.

Umgekehrt würde so manch unbelehrbarer Hundebesitzer unter den Augen der kleinen Kameras mit Sicherheit einen Quantensprung in Sachen Rücksicht vollführen. Kein „Regen Sie sich nicht künstlich auf, der will doch nur spielen“, wenn der 50-Kilo-Berner-Sennenhund hochspringt, sondern eher ein „Tut mir sehr leid, schicken Sie mir doch bitte die Rechnung für die versaute Jacke“.

Wo wir schon dabei sind: Kameras am besten überall! Etwa in der Bäckerei. Nicht nur, dass ab diesem Tag jeder jeden fröhlich grüßt, es gäbe auch kein „Hey Sie! Ich bin als nächster dran!“, sondern eher ein „Nein, kein Problem, gehen Sie ruhig vor, macht doch nichts, ich habe ja Zeit!“. Und erkältete Verkäuferinnen, die hustend und mit Schniefnase Backwaren verkaufen – mein absoluter Horror! – würden ab sofort auch zu Hause bleiben. Welcher Bäckerei-Inhaber will so etwas schon auf einem Film sehen?

Ungeahnte Möglichkeiten tun sich da auf. Stichwort Straßenverkehr. Kein Auffahren und keine Lichthupe mehr auf der Autobahn, kein Überholen rechts. Keine Finger, die an Stirnen tippen oder nach oben gestreckt werden. Kein wütendes Gehupe beim Streit um einen Parkplatz. Keine Fußgänger, die sich nur noch durch einen Sprung Richtung Bordstein retten können. Stattdessen nur freundliche, höfliche Autofahrer. Der Wahnsinn!

Und bitte bringt die Kameras auch in Kleidergeschäften an! Vor allem in den großen, in denen man als Kunde nie einen Verkäufer findet. Und wenn man einen findet, ist er oder sie meist nicht sehr motiviert. Oder wenn man in der Umkleidekabine steht und Hilfe braucht, ist der Verkäufer plötzlich unter mysteriösen Umständen verschwunden. Mit Kameras wäre das alles besser! Da könnte es mit einem jetzt richtig durchgehen bei dem Thema. Kameras in Schulen – keine frechen Schüler, keine fiesen Lehrer mehr. Kameras in Büros – keine ungerechten Chefs, keine lästernden Kollegen mehr.#

Ich stelle mir gerade diese neue heile Welt vor. Und mich mittendrin. Hmmmm. Irgendwie nimmt meine Begeisterung gerade merklich ab, denn mich beschleicht die Frage: Wie halte ich das eigentlich durch, mich jeden Morgen für den Wald zu stylen und ansonsten immer und überall höflich, freundlich, rücksichtsvoll, liebevoll, friedlich und fröhlich zu sein? Mir wird gerade ganz flau bei dem Gedanken. Morgen früh schau’ ich noch mal nach dem komischen, grauen Ding im Wald. Und wenn es wirklich eine Wildkamera ist, dann verhänge ich einfach die Linse.

Heike Sutor




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