Digitaler Bewusstseinsverlust
Digitaler Bewusstseinsverlust
7. April 2017

Künstliche Intelligenz soll ewiges Leben ermöglichen

Leuchtende Augen beim Drängeln über die Cebit. Technikbegeisterung über all die Möglichkeiten, die Informationstechnologie eröffnet. Das war einmal. In der immer größer werdenden Flut von Groß-events rund um Hard- und Software oder Digitalisierung ist nur noch eines gewiss: Nichts ist mehr sicher.

Vor allem nicht die IT
, die immer weniger von Menschen gelenkt wird, stattdessen eigenständig immer stärker das Leben eines jeden im Privaten, im Verkehr, im Berufsleben steuert. „Security“ ist thematisch ein steter Begleiter von Datenwolken, die eigentlich auf Servern irgendwo auf der Welt ihr Zuhause haben. Ein unsicherer Kompagnon von Automatisierung und Digitalisierung, von jeder Kurznachricht und jedem Blick auf unsere Smartphones.

Über dem Cyberjahr 2017
steht bei vielen Unternehmen, die sich um die Abwehr von Attacken auf wertvolle Daten kümmern, eine alarmierende Botschaft: Es gibt nur noch relative Sicherheit, keine absolute Sicherheit mehr. Die Wege, Daten zu klauen, zu manipulieren, zu missbrauchen, zu blockieren, zu Geld zu machen, sind einfach zu viele, um ihrer noch Herr zu werden.

Der vormals
ungeahnt schnelle Fortschritt der Computertechnologie, das Selbstständig-Werden der Künstlichen Intelligenz als Kind der Computerbefehle, bringt Unsicherheiten und Unglaubliches mit sich. Mit fantastischen Möglichkeiten einerseits. Der Drohung der Unbeherrschbarkeit andererseits. Und der großen Frage: Wollen wir das, brauchen wir das, gibt es eine Bremse?

Dieter Reichert ist CEO
von Censhare, einer weltweit eingesetzten Lösung für medienübergreifende Informationsvernetzung – einer Plattform, die die Chancen der Veränderung des eigenen Denkens unterstützen und fördern will. Er sieht das so: „Unsecurity“ sei angesagt, wenn Menschen und Maschinen ihren Weg der Verschmelzung miteinander antreten, wenn Rechenmaschinen beim Denken mithalten können. Wenn komplexe Formeln und Algorithmen – wie das menschliche Gehirn – Relevanz durch Kontext herstellen, Informationen verknüpfen und Sinn erzeugen.

Reichert verweist
auf den nicht unumstrittenen Technikpropheten Ray Kurzweil, den Leiter der technischen Entwicklung bei Google mit 19 Doktortiteln, von dem Bill Gates als einem führenden Experten im Bereich der Künstlichen Intelligenz spricht. In seiner Jugend erfand Kurzweil eine Lesemaschine für Blinde und für seinen Freund Stevie Wonder einen Synthesizer, der auch mit Sprachkommandos gesteuert werden kann.

Kurzweil prognostiziert
als Vordenker des sogenannten „Transhumanismus“ für das Jahr 2045 eine exponenzielle Zunahme der informationstechnologischen Entwicklung: Eine sogenannte „Singularität“, die eine Künstliche Intelligenz ermögliche, mit der die Menschheit Unsterblichkeit erlangen könne. Singularität beziehe sich darauf, wo die IT in zwei, drei Jahrzehnten stehen könne, wenn sich die kollektive Intelligenz der Mensch-Maschine-Zivilisation millionenfach vermehrt haben werde. Deshalb würde der Begriff „Singularität“ aus der Physik entliehen: Was hinter dem großen Schwarz stehe, könnten wir uns nicht vorstellen.

Der mittlerweile fast 70-jährige
Inhaber unzähliger Patente und Autor sehr vieler Bücher behauptet, dass wir in relativ kurzer Zeit Singularität erreichen werden. Wir hätten das menschliche Genom entschlüsselt, das Geheimnis des Lebens. Wir würden in die Lage versetzt, unsere Gesundheit, unsere Gene umzuschreiben, dem evolutionshistorisch wichtigen Fett-Gen zu sagen: „Halte nicht mehr an jeder Kalorie fest, denn ich bin sicher, dass wir auch morgen genug zu essen haben werden“. Tiere, bei denen das Gen abgeschaltet worden sei, lebten deutlich länger. In 25 Jahren werde ein Computer in einem Blutkörperchen Platz haben. Etwa im Jahr 2045 würden Nanobots, winzige Roboter, in unserem Körper unterwegs sein und defekte beziehungsweise alte Zellen austauschen. Sterblichkeit hätte sich dann erledigt. Einstweilen greift Kurzweil auf Vitamin- und Mineraltabletten zurück.

Beim begrenzten Vorstellungsvermögen, dem Versagen des menschlichen Bewusstseins, knüpft Visionär Reichert an: Die Forschung befinde sich am Quantensprung zu einer Welt, die wir uns noch nicht vorstellen könnten. Die These: „Software erlangt Bewusstsein – Menschen verlieren es“.

Annegret Handel-Kempf



Annegret Handel-Kempf, geboren 1967 in Bamberg, studierte Politikwissenschaft. Nach ihrem Volontariat bei der „Mittelbayerischen Zeitung“ und Stationen als Redakteurin bei der „Abendzeitung München“ und der „Motorpresse Stuttgart“ arbeitet sie heute selbstständig für unterschiedliche Medien.









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