Rücksicht, frisch gestrichen
Rücksicht, frisch gestrichen
27. November 2015

Radfahrwege ohne Radfahrer – Hauptsache, alles geregelt

Warum fällt uns in diesen Tagen öfter unsere Oma ein, die weise sagte: „Wer keine Probleme hat, macht sich welche.“ Eine andere Weisheit der Oma lautete: „Wenn es dem Esel zu wohl wird, dann geht er aufs Eis.“ Gelegentlich haben wir den Eindruck, dass es Deutschland merkelmäßig nicht nur gut geht, sondern offensichtlich zu gut. Das lässt sich wieder einmal im Schwarzbuch 2015 nachlesen, das der Bund der Steuerzahler herausgegeben hat. Darin wird die Verschwendung von Steuergeldern aufgelistet.

Berliner Flughafen, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 – bekanntlich qualitativ hochwertige Planungsarbeit. Weil in Deutschland nicht jedes dritte Kind an der Armutsgrenze lebt, weil Krankenschwestern und Pfleger außergewöhnlich gut für ihre wertvolle Arbeit entlohnt werden, weil Universitäten finanziell vernünftig ausgestattet sind, können noch etliche andere Projekte problemlos umgesetzt werden. Fälle aus dem Saarland: Meeresfischzuchtanlage Völklingen, Umgestaltung Marienplatz Neunkirchen, Ausgaben der SPD-Landtagsfraktion für ihre Fußballmannschaft „Rote Hosen“.

Der vierte Fall hat uns besonders interessiert: Zwischen Lebach und Nalbach wurde ein sieben Kilometer langer Fahrradweg angelegt. Zwei Kilometer dieses Weges verlaufen parallel zu einem bereits vorhandenen Fahrradweg. Der Bund der Steuerzahler schreibt, es hätten 400.000 Euro eingespart werden können. Es gibt auch andere Maßnahmen, die durchaus günstig sein können, aber ziemlich bizarr sind. Zum Beispiel auf dem Saarbrücker Eschberg, wo wir seit einigen Jahren leben. Auf der Fahrt bis zur Saarbahn benutzen wir den Schlesienring. Der war eines Tages gesperrt, weil die Fahrbahndecke ausgebessert werden musste. Fein! Da nahmen wir Umwege gerne in Kauf, staunten nicht schlecht, als schon nach kurzer Zeit der Schlesienring wieder frei war. Die fleißigen Arbeiter hatten nicht nur eine weiße Mittellinie markiert, sondern rechts und links auch noch Fahrradwege.

Noch nie, wirklich noch nie haben wir auf diesem Teil des Schlesienrings auch nur einen Fahrradfahrer gesehen. Saarbrückens Pressesprecher Blug gab uns irritierten Steuerzahlern kompetent Auskunft. Es werde routinemäßig geprüft, ob bei Sanierungen Fahrbahnmarkierungen für den Radverkehr anzubringen seien. Da ohnehin eine neue Fahrbahnmarkierung gemalt werde, könne dann auch die Markierung für den Radverkehr erfolgen. Das spare Kosten.

Diese Argumentation leuchtet ein. Wenn die zuständige Behörde noch Farbe übrig hat, können wir mit einigen Vorschlägen helfen. Der steile Anstieg von der Goldenen Bremm hinauf auf die Spicherer Höhen könnte zum Beispiel auch mal einen Anstrich vertragen. Der macht sich bei früher Dunkelheit und nach Schneefall gut.

Nun hat die Stadt Saarbrücken bei der Verkehrsplanung Bürger beteiligt, und es macht Sinn, in dieser Metropole lieber mit dem Fahrrad oder mit der Saarbahn als mit dem Auto durch die Innenstadt zu fahren. Von kommunalpolitisch unabhängigen Freunden erfuhren wir indes auch, dass es einen anderen Aspekt gibt. Radfahrer haben eine starke Lobby, und um die zufriedenzustellen, machen sich viele Kilometer Radfahrweg gut.

Nach unseren Erfahrungen regen sich die hier Gemeinten jetzt ganz fürchterlich auf, was, mit Verlaub, auch bezweckt ist. So können wir ins Gespräch kommen. Wie wäre es denn, wenn wir alle aufeinander Rücksicht nehmen würden? Für jüngere Autofahrer und Radfahrer, die das Wort Rücksicht nicht kennen und ältere, die es vergessen haben – bitte googeln. Es ist eine Entmündigung der Bürger, immer mehr vorzuschreiben. Das denken sich in Behörden und Parteien Menschen aus, die offensichtlich unterbeschäftigt sind. Vieles wirkt einfach nur lächerlich.

Und Schilda ist überall. Auf der Ostseeinsel Usedom ist der Bau von Sandburgen verboten. Es gibt eine Schokoladen-Verordnung, wonach Weihnachtsmänner auch als Osterhasen zu gelten haben. Otto von Bismarck, dem Reichskanzler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wird der Satz nachgesagt: „Wer weiß, wie Gesetze und Würste gemacht werden, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen.“

Günther Wettlaufer

Günther Wettlaufer (70) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und seit einiger Zeit wieder im Saarland.



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