Aufdringliches Du
Aufdringliches Du
29. November 2013

Schon in ihrer Werbeansprache nimmt uns die Wirtschaft nicht ernst

Schon lange überlegen wir, uns noch besser über die Fußball-Bundesliga zu informieren. Eine Zeitung mit großen Buchstaben und vielen bunten Bildern bot Hilfe an: „Alle Spiele, alle Tore schon 40 Minuten nach Abpfiff im Video – wo, wann und so oft du willst!“ Wir erinnerten uns, gelernt zu haben, dass bei einer schriftlichen persönlichen Anrede das Wort „Du“ groß geschrieben wird. Allerdings konnten wir uns nicht erinnern, mit dem Chefredakteur dieses Blattes jemals auf Brüderschaft angestoßen zu haben.

Die Werbung spricht oft gezielt in der zweiten Person Einzahl an. Im Vorfeld der Bundestagswahl irritierten uns die Grünen mit der politischen Aussage: „Und Du?“ Vielleicht stört das immer weniger Menschen, zumal viele „Mutti“ vertrauen – der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Unsere richtige Mutti sagte nach wieder einmal flegelhaftem Benehmen mit erhobenem Zeigefinger „Du, Du, Du.“ Später half uns unsere Kinderstube, hielten wir auf Etikette und fragten bei gegebenem Anlass: „Darf ich Ihnen das Du anbieten?“ Wenn uns jemand das „Du“ anbot, fühlten wir uns geehrt. Wenn wir heute von Medien und Wirtschaft geduzt werden, fühlen wir uns eher nicht ernst genommen.

Es ist Absicht, Erwachsene wie Kinder zu behandeln. Der seriöse Verlag C. H. Beck vertreibt das Buch „Consumed – wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt“. Autor Benjamin Barber beschreibt, welche Gefahren lauern: „Überflüssige Güter werden in großer Zahl produziert, Kinder zu Konsumenten gemacht und Erwachsene in infantile Schnäppchenjäger transformiert. An die Stelle eines demokratischen Kapitalismus ist eine infantile Konsumwelt getreten, deren Pathologien die Freiheit der liberalen Welt bedrohen.“ Schon vor mehr als 30 Jahren warnte der Kult-Autor Robert Bly („Eisenhans“) vor der selbst gewählten Entmündigung. In „Die kindliche Gesellschaft“ beschrieb er die Weigerung vieler Erwachsener, tatsächlich erwachsen zu werden.

Das „Du“ in der Werbung kann das Gefühl der Nähe, der sozialen Wärme erzeugen. Wir wissen nicht, wie viele „Mutti“-Wähler gewisse Telefonnummern anrufen. Die Videotext-Seiten der meisten Privatsender sind voll mit Angeboten – Motto: „Heiße Frauen warten auf Dich.“ Der Markt scheint nicht klein zu sein. Solche Werbung ist nicht neu. So funktioniert das älteste Gewerbe der Welt. Es passiert gelegentlich, dass wir auf dem Weg vom Restaurant zum Parkplatz angemacht werden: „Na, Süßer?“

Wir schlagen das Angebot der Damen aus und nehmen die Aufforderung nicht weiter krumm. Auch nicht, wenn wir bei Facebook geduzt werden. So erreichte uns Werbung für Sachen, die wir nicht wirklich brauchen. Zum Beispiel ist „Long Range Systems“ ganz stolz, von der Initiative Mittelstand den „Best of 2013 Award“ bekommen zu haben. Es geht unter anderem um das Verhalten in Warteschlangen. Diese ausgezeichnete Firma köderte uns folgendermaßen: „Je länger man auf dich wartet, umso höher ist dein Status.“ Und wozu ist das gut?

Eine andere Werbung ließ uns sehr staunen: „Du entscheidest. Du hast jetzt mehr Macht, die Zukunft zu gestalten.“ Das wollen wir gerne machen, deshalb klickten wir das an. Kaum zu glauben, aber wahr: Die EU warb für die Europawahlen, die vom 22. bis 25. Mai nächsten Jahres stattfinden werden. Bis zu diesen Wahlen können wir uns die Zeit mit Spielchen vertreiben. Zum Beispiel: „Bau deine Piraten-Basis“. Schiffe versenken, das konnten wir früher schon gut als 13-Jährige. Aber mit Kumpels machte das beim Mathe-Unterricht in der letzten Reihe mehr Spaß als an einem Computer mit Tastatur.

Gelegentlich erheischt uns ein Anflug von Sehnsucht nach der Ferne, wo wir nicht ständig geduzt werden. Also Abflug – aber wohin? Und wieder fanden wir gleich ein Angebot: „Flieg in die Sonne.“ Angesichts einer Fußball-WM möglicherweise im Sommer 2022 in Katar bei bis zu 50 Grad kam uns die Offerte der Qatar Airlines makaber vor. Da beschlossen wir, zu Hause zu bleiben.

Günther Wettlaufer


Günther Wettlaufer (67) war von 1971 bis 2005 als Journalist bei der WAZ-Gruppe, dem Axel-Springer-Verlag, Gruner & Jahr sowie der „Saarbrücker Zeitung“ in verschiedenen Führungspositionen tätig, lebte dann in Berlin und ist seit knapp zwei Jahren wieder im Saarland heimisch.

Merken

Merken

Bild der Woche